Sasa Stanisic bei seiner Rede zum Deutschen Buchpreis 2019.

Saša Stanišić ist für seinen Roman "Herkunft" mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden. Seine Dankesrede nutzte er für eine Abrechnung mit einem anderen Literaten: Nobelpreisträger Peter Handke. Die ganze Rede im Wortlaut.

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Buchpreis-Gewinner Saša Stanišić
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Sein Roman "Herkunft" war bereits zuvor ein Bestseller. Doch am Montagabend ist Saša Stanišić nun auch mit dem Deutschen Buchpreis des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. Das Buch ist eine analogienreiche, fantasievolle und zuweilen zutiefst melancholische Spurensuche des Autors in der eigenen Biografie und der seiner Verwandten.

Doch um Stanišićs Buch ging es bei der Verleihung im Frankfurter Kaisersaal am Montagabend nur am Rande. Der frischgekürte Preisträger, der als 14-Jähriger auf der Flucht vor dem Bosnienkrieg nach Deutschland kam, sprach stattdessen über einen anderen Literaten: den Literaturnobelpreisträger Peter Handke. So wurde aus der Dankesrede eine Abrechnung.

Die Vorwürfe gegen Handke

Handkes Auszeichnung sorgt seit Tagen für heftige Diskussionen im Netz und im deutschen Feuilleton. Kritiker werfen dem Österreicher seine offene Parteinahme für das nationalistische Milošević-Regime im Serbien der 1990er vor sowie die Leugnung und Verharmlosung von serbischen Kriegsverbrechen während der jugoslawischen Sezessionskriege.

Stanišić selbst hatte Handkes Auszeichnung bereits vor den Preisverleihung in den Sozialen Netzwerken stark kritisiert. Seine Rede vom Montagabend dokumentiert hessenschau.de im Folgenden im Wortlaut:

Die Rede

"Ich trage in mir 1.200 Milligramm Ibuprofen. Wenn Sie mir später gratulieren, halten Sie sich bitte so eine Spuckdistanz weg. Schilddrüsenentzündung – nicht angenehm. Ich konnte heute die Zahnpastatube nicht aufmachen, ich musste sie aufschneiden, weil mir meine Muskeln so wehgetan haben.

Ich freue mich wirklich immens über diesen Preis und hätte bis heute Morgen auch mich sehr gerne darauf konzentriert, wie sehr ich mich freuen würde, wenn ich ihn bekomme.

Aber es gab einen anderen Preis, der diese Konzentration gestört hat, und der etwas, eine kleine Spur wichtiger ist. In Schweden, in Stockholm. Und den hat nun einer bekommen, der mir diese Freude an meinem eigenen jetzt ein bisschen vermiest hat, und deswegen bitte ich Sie um Nachsicht, wenn ich diese kurze Öffentlichkeit dafür nutze, mich kurz zu echauffieren. Über die 50 Prozent des Preises.

"Erschüttert, dass so was prämiert wird"

Ich tu's auch deswegen, weil ich das Glück hatte, dem zu entkommen, was Peter Handke in seinen Texten nicht beschreibt. Dass ich hier heute vor Ihnen stehen darf, habe ich einer Wirklichkeit zu verdanken, die sich dieser Mensch nicht angeeignet hat, und die in seine Texte der 90er Jahre hineinreicht.

Und das ist komisch, finde ich, dass man sich die Wirklichkeit, indem man behauptet, Gerechtigkeit für jemanden zu suchen, so zurechtlegt, dass dort nur noch Lüge besteht. Das soll Literatur eigentlich nicht.

In seinem Text, der über meine Heimatstadt Višegrad verfasst worden ist, beschreibt Handke unter anderem: 'Milizen, die barfuß nicht die Verbrechen begangen haben können, die sie begangen haben.' Diese Milizen und ihren Milizenanführer, der Milan Lukić heißt und lebenslang hinter Gittern sitzt, wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, erwähnt er nicht.

Er erwähnt die Opfer nicht. Er sagt, dass es unmöglich ist, dass diese Verbrechen geschehen konnten. Sie sind aber geschehen. Mich erschüttert so was, dass so was prämiert wird. Ich stehe nicht allein mit dieser Erschütterung da, und das freut mich auch.

Die katholische Kirche hat Handke schon gratuliert. Die katholische Kirche hat dem Handke gratuliert und ihm zu einer Ehrung jenseits der politischen Korrektheit gratuliert – die katholische Kirche! Passt ja eigentlich.

"Das Poetische in Lüge verkleidet"

Ich stehe hier, um eine andere Literatur zu feiern. Ich feiere die anderen 50 Prozent. Ich feiere Olga Tokarczuk. Ich feiere eine Literatur, die alles darf und alles versucht, auch gerade im politischen Kampf mittels Sprache zu streiten.

Ich feiere eine Literatur, die dabei aber nicht zynisch ist, nicht verlogen und die uns Leser nicht für dumm verkaufen will, indem sie das Poetische in Lüge verkleidet, und zwar freiwillig, Fakten, an denen sie scheitert. Ich feiere die anderen Autoren, ich feiere Olga Tokarczuk.

Und lassen Sie mich zum Schluss auch sagen, dass ich gerne auch Literatur feiere, die die Zeit beschreibt, und diese Zeit ist so, wie Handke sie im Falle von Bosnien beschreibt, nie gewesen.

Lassen Sie mich doch aber jetzt mit einer freudigen Note enden: Ich freue mich wirklich über Ihre Auszeichnung. Ich danke der Jury. Ich danke meinem fantastischen Verlag. Jederzeit in allen Dingen waren sie für mich da – Gesprächspartner, Freund, Ratgeber.  

Vielen Dank Ihnen, den Anwesenden, viel Kraft in den nächsten Tagen! Lassen Sie sich nicht anstecken – außer von guter, verkäuflicher und unverkäuflicher Literatur."

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Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 14.10.2019, 19.30 Uhr