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Goldschmiede aus zwei Generationen

Schmuckdesignerin nennen sich mittlerweile viele. Doch das Goldschmieden ist eine echte Kunst - und die wird seit 250 Jahren in Hanau gelehrt. Drei Perspektiven auf ein zeitloses Handwerk.

Als "Staatliche Zeichenakademie" wurde die Goldschmiedeschule in Hanau 1772 vom damaligen Landgrafen Wilhelm gegründet. Das Ziel: Die zahlreichen in Hanau ansässigen Gold- und Silberschmiede sollten bessere, schönere Entwürfe anbieten als die Konkurrenz.

Entsprechend standen Kompositionslehre, Modellieren oder Zeichnen nach der Natur auf dem Lehrplan - daher auch der Name. 1880 kamen dann die Werkstätten dazu, seitdem werden an der Schule auch Produkte erzeugt. Ursprünglich eine reine Männerdomäne war die Hanauer Schule eine der ersten, die auch Frauen in Metallberufen ausbildete.

Heute ist die Zeichenakademie eine Berufs-, Berufsfach- und Fachschule für edelmetallgestaltende Berufe. Für die Vollzeit-Schulausbildung bewerben sich jedes Jahr etwa 125 Menschen auf die knapp 50 Plätze.

Was sie an ihrem Beruf fasziniert und welche Rolle die Zeichenakademie in ihrer Karriere spielte, erzählen eine aktuelle Schülerin, ein Absolvent, der heute selbst unterrichtet, und der Direktor.

Die Schülerin

Lara Zinngraf aus Aschaffenburg. Die 22-Jährige macht voraussichtlich im Februar 2023 ihren Bachlor in Produktgestaltung.

"Ich habe immer schon gern gebastelt, Kostüme selber gemacht oder mir Dekorationen ausgedacht. Nach dem Abitur war mir klar, dass ich etwas Handwerkliches machen will.

Ich bin dann über die Materialien rangegangen: Will ich mit Holz arbeiten, mit Glas oder Metall? So bin ich auf die Goldschmiedin gekommen. Für die Zeichenakademie habe ich mich entschieden, weil sie in der Nähe ist und mir das Duale Studium ermöglicht hat.

Ich finde es extremst schön, Sachen mit einem emotionalem Wert zu gestalten. Etwas für Menschen zu schaffen, über das sie sich jeden Tag freuen können, wie zum Beispiel Eheringe. Im Moment arbeite ich an einem Stück zum Thema "Im Rausch der Farben".

Beim Brainstorming in der Klasse kam der Begriff Kaleidoskop, und daran habe ich mich festgebissen. Ich habe mir in den Kopf gesetzt, dazu eine Brosche zu machen und die Herausforderung ist, dass Kaleidoskope relativ lang sein müssen. Erst funktioniert es nicht. Und dann arbeitet man weiter und weiter daran und irgendwann hat man sein eigenes kleines Werkstück in der Hand - wie ein kleines Baby.

Ob ich später mal in dem Beruf arbeiten werde, weiß ich noch nicht. Er macht mir sehr viel Spaß, aber als angestellte Goldschmiedin verdient man relativ wenig und die Selbständigkeit ist ein hartes Pflaster. Ich überlege deshalb, ob ich mit meinem Bachelor in Produktgestaltung erstmal in eine Agentur gehe. Vielleicht mache ich dann später eine eigene Goldschmiede auf."

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Tag der offenen Werkstatt

Wer sich fürs Goldschmiedehandwerk interessiert, ist am 26. November zum Tag der offenen Werkstatt in die Staatliche Zeichenakademie Hanau eingeladen. Los geht es um 10 Uhr, Schluss ist um 16 Uhr. Die Akademie zeigt bei laufendem Betrieb die Berufe Goldschmied/in, Silberschmied/in, Metallbildner/in, Graveur/in und Edelsteinfasser/in.

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Der Lehrer

Marc Hilgenfeld aus Frankfurt. Er hat fürs Handwerk sein Jurastudium aufgegeben. Seine Werkstatt betreibt er mit seiner Frau, der Silberschmiedin Charlotte Gehrig. Seit 2020 ist er Lehrer an der Zeichenakademie.

Marc Hilgenfeld und Charlotte Gehrig: Mann und Frau an einem Zeichentisch.

"Mir fehlte beim Jurastudium der konkrete Bezug zu etwas, das ich mache. Ich möchte etwas herstellen und in der Hand haben.

Entwürfe habe ich meistens schon im Kopf. Wenn man ein bisschen geübt ist, braucht man nicht mehr viele Skizzen. Dann setze ich mich an den Tisch und fange an, Metall zu biegen, zu bohren, zu sägen, zu feilen, zu löten, um zu sehen, ob das klappt. Und dabei sind auch manche Versuche, die einfach nichts werden.

Eines der wichtigsten Werkzeuge dabei ist die Feile. Sie bringt die Form. Zum Beispiel, um einen Serviettenring innen schön auszufeilen, um ihn dann immer feiner zu feilen, dann zu schmirgeln und zuletzt zu polieren.

Meinen Schülern sage ich: Seien Sie wild und gefährlich. Seien Sie so, dass Sie sich selbst erstaunen. Wenn wir Gusstechniken ausprobieren, dann muss man nicht einfach nur irgendeinen kleinen komischen Ring gießen. Man kann darüber hinaus noch viele Techniken miteinander vermischen und tolle Ergebnisse rauskriegen. Dieses Darüberhinausdenken ist das Wichtige."

Der Direktor

Der gebürtige Schweizer Benjamin Pfister lehrt seit fast 20 Jahren an der Zeichenakademie. Seit 2021 ist der studierte Industriedesigner ihr Direktor.

"Gold- und Silberschmied sind sehr alte Berufe, weit über 4000 Jahre alt. Man könnte jetzt sagen, erstmal hat sich überhaupt nichts geändert: Die Technik, mit Feuer ein Metall zu verbinden, ist immer noch dieselbe geblieben. Nur sind wir natürlich deutlich moderner, haben heute Gasflaschen und moderne Sägen und Fräsen.

Im Formalen sind wir auf der Suche nach gesellschaftlichen Themen, die Neues bedeuten und eben nicht die Wiederholung sind von etwas, was wir schon zum Beispiel aus dem Jugendstil kannten oder aus dem Barock. Das wäre ja ein Aufkochen von einer Thematik und die ist nicht spannend.

In der Goldschmiede-Ausbildung gehen wir davon aus, dass sich unser Handwerk einbetten muss in eine kulturelle Umwelt: Mode, Frisuren, Brillen. Kunstgeschichte von der Pike auf bis heute ist deshalb einer unsere Ausbildungsbereiche. Ein anderer sind Grundlagen der Gestaltung, also Zeichnen oder plastisches Gestalten.

Unsere Bewerberzahlen in der Vollzeit-Schulausbildung sind stabil. Was leider wegfällt, sind die Ausbildungsplätze in der Goldschmiede. Die klassische Berufsschule für Goldschmiede ist wirklich sehr, sehr stark unter Druck. Das hat auch damit zu tun, dass viele Goldschmiede den Platz nicht mehr haben, um einen Auszubildende aufnehmen zu können. Und mit Schmuck selbst wird zu wenig verdient, um sich auch noch einen Azubi leisten zu können.

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