Collage: Elisabeth Schaumlöffel, Adrienne Schneider und Lilo Günzler

Frauen sind auf vielen Gebieten unterrepräsentiert - auch in der größten Online-Enzyklopädie. Zwei hessische Vereine wollen das ändern. Wir schlagen drei Hessinnen vor, die einen Eintrag bei Wikipedia verdient haben.

16 Prozent - das ist der Anteil der Einträge über Frauen in der deutschen Wikipedia. Unter den Autoren der Online-Enzyklopädie sind sogar nur zehn Prozent weiblich. Das Projekt Women Writing Wiki hat es sich zum Ziel gemacht, diese Zahlen und damit die Sichtbarkeit der Leistungen von Frauen zu erhöhen.

Um diese "Gender Knowledge Gap", also die Wissenslücke um die Rolle der Frauen, zu schließen, wurde eine Zusammenarbeit mit den Vereinen "Kinothek Asta Nielsen" und "FIM - Frauenrecht ist Menschenrecht" mit insgesamt fast 50.000 Euro vom hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst unterstützt.

Und auch wir wollen einen Beitrag leisten: Wir schlagen drei Frauen vor, die noch nicht im Online-Lexikon vertreten sind – es aber unbedingt sein sollten.

1. Liesel Schaumlöffel - erste Bürgermeisterin Hessens

Videobeitrag

Video

zum hr-fernsehen.de Video Von wegen "zarte Hand": Elisabeth Schaumlöffel ist Hessens erste Bürgermeisterin

Liesel Schaumlöffel, erste hessische Bürgermeisterin, in einem Archiv-Beitrag
Ende des Videobeitrags

Elisabeth Schaumlöffel hat Geschichte geschrieben: 1960 wurde sie in Holzhausen am Hahn im Kreis Fritzlar-Homberg zur ersten Bürgermeisterin Hessens gewählt. Das sorgte bundesweit für Aufmerksamkeit. Im Hamburger Abendblatt etwa hieß es damals: "Eine Frau regiert mit zarter Hand über 550 Bürger." Zart zu sein, war aber nicht "Liesels" Anspruch. In einem hessenschau-Interview von 1964 sagte sie: "Das Amt an und für sich ist ein verantwortliches Amt. […] Man muss reichlich überlegen über alles, um einigermaßen gerecht durchzugehen. Es ist nicht immer schön."

Zur Bevölkerung hatte Liesel aber immer einen guten Draht. Sie kannten sie bereits als Gemeindeschreiberin und Gemeindevertreterin der SPD. Dass sie eine Frau war, spielte für ihr Amt laut eigener Aussage keine Rolle. Bis 1972 lenkte Liesel die Geschicke von Holzhausen und setzte in dieser Zeit unter anderem den Bau des neuen Dorfgemeinschaftshauses und der Friedhofshalle durch. Holzhausen ist heute ein Ortsteil der Gemeinde Edermünde im Schwalm-Eder-Kreis. 2016 verstarb Liesel Schaumlöffel im Alter von 95 Jahren.

2. Lilo Günzler - Erinnerungsbewahrerin

Lilo Günzler (links) im Gespräch mit Ursula Ernst

60 Jahre lang hat Lilo Günzler nicht über das gesprochen, was ihr in ihrer Kindheit widerfahren ist: 1933 wurde sie als Tochter einer jüdischen Mutter und eines nichtjüdischen Vaters geboren - nur wenige Wochen vor dem Machtantritt Hitlers. 1945 wurden ihre Mutter und ihr Bruder deportiert, nur wenige Wochen danach wurde ihr Vater zum Volkssturm eingezogen. Die letzten Kriegswochen war die damals 12-Jährige ganz auf sich allein gestellt.

Erst ab 2005 fand sie Worte für ihre Erinnerungen: in ihrem Buch "Endlich reden" und für die Bildungsstätte Anne Frank bei Zeitzeugen-Besuchen in Schulklassen. Auch als langjährige Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsverein Schwanheim dokumentierte sie das Erlebte. Für ihr Engagement erhielt sie 2009 das Bundesverdienstkreuz und 2011 die Bürgermedaille der Stadt Frankfurt. Am 11. Februar 2020 ist Lilo Günzler gestorben.

3. Adrienne Schneider - Literaturagentin

Eigentlich wollte Adrienne Schneider Beschäftigungstherapeutin für Tiere werden. Am Literaturbetrieb führte dann aber doch kein Weg vorbei für die Tochter von Franz Joseph Schneider. Als Mitglied der legendären Schriftstellervereinigung "Gruppe 47" und Initiator des Literaturpreises Stadtschreiber von Bergen war er bestens vernetzt und sie knüpfte Kontakte zum Suhrkamp Verlag.

Adrienne Schneider Literaturhaus Darmstadt

33 Jahre arbeitete sie dort, vor allem als Organisatorin von Lesungen. Als der Verlag 2010 nach Berlin abwanderte, entschied sie sich, in Frankfurt zu bleiben und machte sich selbstständig mit einer eigenen Agentur. Seitdem verantwortet sie das literarische Programm des Literaturhauses Darmstadt, außerdem arbeitet sie für das Wiesbadener Verlagshaus Römerweg und den Waldemar Kramer Verlag in Frankfurt. Der Stadtschreiber von Bergen liegt ihr bis heute am Herzen: Seit vielen Jahren sitzt sie in der Jury und führt so das Vermächtnis ihres Vaters fort: Schriftstellern ermöglichen, sich ganz auf ihre Arbeit zu konzentrieren.

Weitere Informationen

Das Projekt "Women Writing Wiki"

Seit 2018 setzen sicht sich Sonja Hintermeier und Karin Kraus als Gründerinnen des Women Writing Wiki dafür ein, die Präsenz von Frauen in Wikipedia voranzubringen. Gemeinsam mit einem Team von Autorinnen und Expertinnen aus unterschiedlichen Fachgebieten entwickeln sie verschiedene Projekte für Institutionen und Bildungseinrichtungen, um die Gender Knowledge Gap zu schließen. Sie analysieren außerdem die Präsenz von Institutionen in Wikipedia, im Netz allgemein und der analogen Öffentlichkeit und erstellen und pflegen Einträge im Online-Lexikon. Bis heute haben sie 1.278 Verlinkungen erreicht.

Ende der weiteren Informationen