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Audioseite Marathon-Stück im Freilicht-Logentheater

Szenenfoto: Mann mit blutigen Händen tanzt

Das Open Air Theater Sommerbau am Kaiserlei-Kreisel wurde in nur wenigen Monaten aus der Erde gestampft und macht endlich wieder Kulturveranstaltungen vor großem Publikum möglich. Eine Inszenierung im Programm sticht dabei ganz besonders hervor.

In einer Stadt, in der ständig gebaut wird, ist ein Kran nichts Ungewöhnliches. So groß und leuchtend gelb er auch sein mag, im Kaiserleiviertel zwischen Frankfurt und Offenbach fällt er zwischen all den Baustellen gar nicht auf. Doch spätestens, wenn an dem Kran ein Käfig in schwindelerregender Höhe baumelt, in dem ein Mensch hockt, wird klar: Hier passiert gerade etwas Besonderes. Und besonders ist das Theaterstück "Dionysos Stadt" von Regisseur Christopher Rüping allemal. 

Blick in die Sommerbau mit Videowürfel

Rüping bedient sich an antiken Stoffen - Prometheus, Achill, Kassandra, Elektra und Odysseus. Es geht um die grundsätzlichen Konflikte des Menschen, die noch heute gelten: Überheblichkeit, Scheitern, Gewalt. Und um das zu erzählen, lässt sich der Regisseur Zeit. Viel Zeit. "Dionysos Stadt" dauert 9,5 Stunden. Da ist Sitzfleisch gefragt.

Sechsmal so lang wie der "Tatort"

Für den Regisseur eigentlich immer noch zu wenig. Die Länge sei eine der Rahmenbedingungen dieser Inszenierung: "Die Frage war, was entsteht, wenn man längere Zeit im Theater verbringt." Rüping erinnert an die griechische Antike: "Da saßen die Menschen vier Tage lang ununterbrochen im Theater und das war dem Staat Athen so wichtig, dass sie die Leute dafür bezahlt haben." Jetzt sei der vorherrschende Trend: Je kürzer, desto besser - "Nicht länger als der 'Tatort'", sagt Rüping. "Dionysos Stadt" ist mehr als sechs "Tatorte" lang. Pausen gibt es bei diesem Theatermarathon natürlich trotzdem, ebenso Catering und sogar einen kleinen Outdoor-Club. 

Regisseur Christopher Rüping

Lässig - so lässt sich der 35-jährige Regisseur wohl am treffendsten beschreiben. Jeans, schwarzes T-Shirt, weiße Sneaker. Rüping wirkt erstaunlich entspannt dafür, dass eine Premiere kurz bevorsteht, auf die sehr viele Kulturinteressierte begierig warten. "Eigentlich ist noch alles zu tun, und ich bin schon jetzt vollkommen fertig", gibt er zu. Am Vortag haben sie bis 2.30 Uhr gearbeitet.

Während auf der Bühne die Probe läuft, verfolgt Rüping konzentriert das Geschehen, ruft dem Team immer wieder Anweisungen zu. Vieles passt noch nicht: Der Sound ist zu laut, der Monolog zu schnell, die Position stimmt nicht. Im Sommerbau ist halt alles anders als in einem geschlossenen Theater.  

Eine Stahl-Arena wie ein Kartenhaus

Der Sommerbau ist ein Gemeinschaftsprojekt des Künstlerhauses Mousonturm und des Frankfurt LAB und wurde in einem unglaublichen Tempo errichtet. Das Freilicht-Theater auf der Stadtgrenze zwischen Frankfurt und Offenbach ist eine riesige sechseckige Stahlarena, die von oben ein bisschen nach Kartenhaus aussieht. Eine sommerliche Bühne für Kultur aller Art und für bis zu 350 Menschen im Publikum. 

Als Intendant des Mousonturms war Matthias Pees maßgeblich an der Entstehung des Open-Air-Theaters beteiligt und ist entsprechend stolz auf das Projekt. "Wir haben es in wenigen Monaten geschafft, das hinzubekommen. Dass das so schnell geklappt hat und nicht wie sonst ein ganzes Jahr Vorlauf gebraucht hat, ist schon besonders toll", sagt Pees. Er war es auch, der "Dionysos Stadt" nach Frankfurt geholt hat.

Weniger kontrollierbar als in geschlossenem Theaterbau

Ein mit weißer Farbe übergossener Schauspieler sitzt in einem Käfig, der in der Luft hängt.

Jetzt wird sich zeigen, ob das eine gute Idee war. "Es ist ein Experiment mit offenem Ausgang", räumt Regisseur Christopher Rüping ein. Das Stück, an den Münchener Kammerspielen uraufgeführt, musste extra für den Sommerbau adaptiert werden. Der gelbe Kran erledigt beispielsweise den szenischen Umbau und lässt auch Prometheus im Käfig aus dem Sommerbau schweben. 

Open Air ist in der Inszenierung viel weniger kontrollierbar als in einem geschlossenen Theaterbau. Dennoch scheint das bereits ausverkaufte Stück über die Antike erstaunlich gut zu den Gegebenheiten zu passen, wie Rüping feststellt: "Es gibt die Arena-Situation, hier sitzen die Zuschauer rundherum. Und das Ausgesetztsein, den Naturgewalten, auch dem Regen, hat eine merkwürdige Schicksalsergebenheit zur Folge, die ich als künstlerisch relevant und interessant empfinde."  

Theater als Gemeinschaftserlebnis

Szenenbild

Wiebke Mollenhauer ist eine der acht Schauspielerinnen, die in "Dionysos Stadt" mitwirken. Sie verkörpert viele Rollen: Achilles, Electra und Helena. Auch für sie als Schauspielerin ist so ein Stück etwas ganz Besonderes. "Ich wollte unbedingt dabei sein", sagt sie, "weil durch die Dauer mit dem Publikum ein gemeinschaftliches Erlebnis entsteht. Es ist wirklich so, dass man das im Raum spürt."

Für die Aufführungen hat Mollenhauer eigentlich nur zwei Wünsche. Einen für sich und einen für ihren Kollegen Benjamin Radjaipour als Prometheus: "Ich hoffe, dass ich nicht meinen Text vergesse und ich hoffe, dass Benjamin nicht mit dem Kran abstürzt. Aber der Kranführer ist, glaube ich, sehr zuverlässig." 

Weitere Informationen

Der Sommerbau

Am Brüsseler Platz, Eingang: Ecke Kaiserleipromenade/Budapester Straße (Offenbach)

Der temporäre Theaterbau soll bis 23. Oktober bespielt werden. Neben Theaterstücken gibt es Konzerte und Performances. Das ganze Programm finden Sie hier.

Die Veranstaltungen finden bei grundsätzlich bei jedem Wetter statt. Ausgenommen sind Absagen wegen offizieller Unwetterwarnungen und Wetterlagen, die die Sicherheit der Beteiligten und des Publikums gefährden. Die Logen sind nicht vollständig wettersicher.

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