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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Diskussionsreihe zu Antisemitismus in Kassel

"Wir haben Fragen" Sara Nussbaum Zentrum Kassel

Rechtsextreme bei der Polizei, der Mord am Kasseler Regierungspräsidenten, zuletzt der Anschlag von Halle: Das Vertrauen vieler Jüdinnen und Juden in die Sicherheitsbehörden ist erschüttert. Das Kasseler Sara Nussbaum Zentrum reagiert mit einer Diskussionsreihe auf diese Problematik.

Wie sehr ist die Demokratie in Deutschland bedroht? Dieser Frage geht das Sara Nussbaum Zentrum in Kassel mit der Veranstaltungsreihe "Wir haben Fragen" nach, an der auch Polizeivertreter teilnehmen und zu der nicht nur Jüdinnen und Juden eingeladen sind.

Den antisemitischen Anschlag von Halle vom 9. Oktober 2019, bei dem ein Bewaffneter eine Synagoge stürmen und möglichst viele Menschen erschießen wollte, hätten viele Juden als eine Zäsur erlebt, erzählt Martin Sehmisch, der Projektleiter der Reihe, im Interview.

hessenschau.de: Herr Sehmisch, der Titel der neuen Veranstaltungsreihe des Sara Nussbaum Zentrums ist "Wir haben Fragen". Wer ist "Wir"? Jüdinnen und Juden oder schließen Sie alle Akteure der Zivilgesellschaft mit ein?

Martin Sehmisch: Ich glaube, dass sich nicht nur Jüdinnen und Juden, sondern immer mehr Menschen fragen: Wie sicher sind die demokratischen Grundpfeiler unserer Gesellschaft eigentlich? Oder anders gesagt: Wie gefährdet sind sie? Das "Wir" schließt alle Menschen ein, die ein Interesse daran haben, dass wir in einem freiheitlichen, pluralistischen, demokratischen Land leben. 

hessenschau.de: Welche Fragen wollen Sie diskutieren?

Sehmisch: In erster Linie Fragen zum zunehmend aggressiver werdenden Antisemitismus, der jüdischen Menschen entgegenschlägt. Zuletzt beim Anschlag von Halle, der die Frage aufgeworfen hat, warum der Staat an diesem Tag nicht sehr viel bessere Sicherheitsvorkehrungen getroffen hat. Letztlich geht es um existenzielle Fragen für jüdische Menschen, aber auch für Menschen, die in einer freien Gesellschaft leben möchten und nicht in einer Gesellschaft, in der immer mehr Platz gemacht wird für Menschenfeindlichkeit. Es wird aber auch gehen um rechtsextreme Vorfälle bei Polizei und Verfassungsschutz, die nach wie vor ungeklärte Rolle des Verfassungsschutzes bei den NSU-Morden und  die Erfolge der AfD – nicht nur bei Wahlen, sondern auch bei der Verschiebung der Grenzen dessen, was man sagen kann.

Wir haben die Reihe so genannt, weil wir uns wünschen, dass sich die Gesellschaft interessiert für die Fragen, die jüdische Menschen haben, aber auch für Fragen, die Freunde, Nachbarn und Kollegen beschäftigen. Wir möchten für einen kritischen aber konstruktiven Diskurs sorgen zwischen Vertretern von staatlichen Institutionen und Menschen aus der Mitte der Gesellschaft.

hessenschau.de: Welche besondere Rolle wird der Anschlag von Halle spielen?

Sehmisch: Wir waren mitten in den Vorbereitungen, als der Anschlag passierte. Danach haben wir die Reihe nochmal umgestaltet. Die dritte Veranstaltung richtet sich jetzt nur an Mitglieder der Jüdischen Gemeinde, weil wir glauben, dass da viel Redebedarf zur aktuellen Situation besteht. Dazu muss man wissen, dass es in Kassel viele jüdische Menschen gibt, die in der Sowjetunion aufgewachsen sind und damit in einem völlig anderen politischen System. Besonders, aber nicht nur für sie, möchten wir eine erklärende und gesprächsbereite Arbeit leisten. Wir möchten auch Wege aufzeigen, an welche Behörde man sich mit welchen Erfolgsaussichten wenden kann, wenn man niedrigschwellige antisemitische Vorfälle erlebt.

hessenschau.de: Was haben die jüngsten Vorfälle mit jüdischen Menschen in Kassel gemacht?

Sehmisch: Ich finde es wichtig zu sagen, dass jüdische Menschen unterschiedlich sind und auf solche Situationen auch unterschiedlich reagieren. Der Mord an Walter Lübcke hat vielen Menschen schon deutlich gemacht, dass es hier in Nordhessen ein Problem mit rechtsextremen Strukturen gibt. Nun war der Anschlag in Halle explizit gegen Jüdinnen und Juden gerichtet. Es sollten möglichst viele jüdische Menschen sterben. Der Eindruck, den wir bei unserer Arbeit gewinnen ist, dass das als Zäsur erlebt wird.

hessenschau.de: Das sprichwörtliche "auf gepackten Koffern sitzen" wird wieder öfter diskutiert?

Sehmisch: Es gibt jüdische Menschen, die jetzt stärker im Detail darüber nachdenken, wie eine Auswanderung aussehen könnte. Sie machen sich zum Beispiel Gedanken über Sprachkenntnisse, über ein Land, in das sie gehen könnten und ähnliches. Also, das sprichwörtliche "auf gepackten Koffern sitzen", das wird bei manchen konkreter. Viele sagen aber auch: Wir gehören zu diesem Land, wir lassen uns nicht vertreiben und wir wehren uns, so lange es geht.

Dazu sollte man wissen: Durch das, was die Verbrechen der Nationalsozialisten in nahezu allen jüdischen Familien angerichtet haben, gibt es etwas, das wir als Angstgedächtnis bezeichnen. Das führt dazu, dass Menschen bis in die dritte oder vierte Generation von der Shoah betroffen sind – selbst wenn sie damals nicht gelebt haben. Und das bedeutet natürlich auch, dass solche Anschläge die Ängste nochmal verstärken können. Das kann massive Schäden am Sicherheitsgefühl anrichten. Gleichzeitig empfinden viele ein Gefühl von Dankbarkeit gegenüber der Polizei, wenn sie regelmäßig vor der Synagoge zum Schutz der Gemeinde steht. Das kann durchaus gleichzeitig passieren und als parallele Realität empfunden werden.

hessenschau.de: Was müssen Politik und Zivilgesellschaft tun, um dem Angstgefühl zu begegnen? Reichen Solidaritätsbekundungen aus?

Sehmisch: Ich würde sagen, dass zwei Punkte besonders wichtig sind. Zum einen, dass wirklich alle Ausformungen von Antisemitismus ernst genommen werden. Es muss das Spiel aufhören, Antisemitismus immer nur bei der Gruppe zu sehen, der man  nicht selbst angehört. Wir müssen über Antisemitismus von Rechtsextremen genauso reden wie über den Antisemitismus von Leuten, die Israel hassen oder von islamisch oder christlich fundiertem Antisemitismus. Es gibt nicht den guten und den schlechten, den gefährlichen und den ungefährlichen Antisemitismus. Antisemitismus ist in jeder Ausformung ein ernstes Problem. Er  trägt zu einem gesellschaftlichen Klima bei, das für jüdische Menschen toxisch werden kann und zum Teil schon ist.

Zum anderen ist die Politik gefragt: Es darf nicht bei symbolischen Gesten bleiben. Die sind auch wichtig. Ob man Ängste entwickelt, hat auch etwas damit zu tun, ob man Unterstützung spürt, da können Symbole wichtig sein. Aber am Ende muss es konkret werden.

hessenschau.de: Wie kann das aussehen?

Sehmisch: Wir brauchen viel mehr Unterstützung für Betroffene in Hessen, zum Beispiel für Eltern von jüdischen Schülern, die vor der Herausforderung stehen, dass sie einen Umgang mit antisemitischen Vorfällen in der Schule finden müssen. Wir brauchen eine ausreichende Finanzierung für zivilgesellschaftliche Einrichtungen und Initiativen. Und wir fordern seit Jahren eine community-nahe Meldestelle für antisemitische Vorfälle in Hessen.

Wer von Antisemitismus betroffen ist muss künftig die Möglichkeit haben, sich bei einer spezifisch für dieses Problemfeld geschaffenen Stelle zu melden, um die nötige Unterstützung zu erfahren. Antisemitismus ist ein Alltagsproblem, kein abstraktes. Es muss im Alltag gekontert werden und dazu braucht es konkrete Projekte.

Weitere Informationen

Diskussionsreihe "Wir haben Fragen"

Die Reihe startet am Mittwoch, 20. November, von 18 bis 20 Uhr mit einer Live-Sendung mit Publikum und anschließender Diskussion im Freien Radio Kassel (Opernstraße 2 im Sendesaal). Weitere Termine: 27.11. und 5.12., jeweils 18 bis 20 Uhr.

Das Sara Nussbaum Zentrum wurde 2015 als Ort für jüdische Kultur und Geschichte in Kassel gegründet. Neben einer Dauerausstellung bietet das Haus Raum für Wechselausstellungen, Vorträge, Konzerte und Workshops. Außerdem gibt es eine "Materialsammlung Antisemitismus heute für Pädagoginnen und Pädagogen" heraus. Lehrkräfte aus Hessen können sie kostenlos bestellen.

Ende der weiteren Informationen

Das Gespräch führte Sonja Fouraté.