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Audioseite Diversity Tag: Hessisches Landestheater in Marburg kämpft für Vielfalt auf und neben der Bühne

Eva Lange und Carola Unser, die in die Kamera lächeln.

Das Theater soll ein Spiegel der Gesellschaft sein. Zentrale Rollen und Leitungsposten werden aber meist von weißen Männern besetzt. Die Intendantinnen des Hessischen Landestheaters in Marburg berichten im Interview, wie es anders geht - und wo sie selbst noch scheitern.

Carola Unser und Eva Lange leiten seit 2018 das Hessische Landestheater in Marburg. Eine Doppelspitze aus zwei Frauen - allein das ist deutschlandweit bisher einzigartig. Schätzungen gehen bei Theaterleitungen von einem Frauenanteil von nur etwa 20 Prozent aus.

Insgesamt arbeiten an vielen Bühnen in Deutschland deutlich mehr männliche Schauspieler als weibliche - und besonders viele sind weiß. Auch Menschen mit Behinderungen sieht man bisher nur selten auf der Bühne.

Für die Marburger Intendantinnen steht deshalb Diversität auf und neben der Bühne ganz weit oben auf der Agenda. Leicht machen sie es sich mit diesem Thema allerdings nicht. Und als Vorzeigetheater wollen sie schon gar nicht gelten, wie sie im Interview anlässlich des Diversity Tags erklären.

hessenschau.de: Diversität im Theater - woran denken Sie dabei als erstes?

Carola Unser: Das Thema ist sehr, sehr heikel. Man ist da schnell in Plattitüden drin. Ich habe auch das Gefühl, dass das mittlerweile schon so ein Label geworden, das man sich auf die Fahne schreibt. Aber es wird nicht mehr in die Tiefe geguckt, was es wirklich bedeutet. Ich würde tatsächlich am liebsten auf den Begriff Diversity verzichten und einfach die Menschen sehen und alle ihre Eigenheiten, Besonderheiten oder Wunderbarkeiten, die sie mitbringen. Wir haben ein Ensemble engagiert, das erst mal aus guten Schauspieler:innen besteht. Und was die einzelnen Menschen mitbringen, ist sehr, sehr unterschiedlich.

hessenschau.de: Ganz praktisch zeigt sich an Ihrer Ensemble-Besetzung aber durchaus, dass Sie Dinge anders machen. Sie haben viele Frauen in Verantwortungsposten, im Ensemble gibt es Menschen mit ganz unterschiedlichem ethnischen Hintergrund, das Geschlechterverhältnis ist ausgeglichen.

Eva Lange: Wir haben im Ensemble neun Frauen und neun Männer. Und statt individueller Verhandlung über Gehälter gibt es bei uns ein gestaffeltes Bezahlungssystem, das für alle transparent ist. Das scheint jetzt nicht sehr spektakulär, und für uns ist es eine Selbstverständlichkeit, aber das ist viele, viele Jahre nicht so gewesen. Da hat man immer geglaubt: Es gibt im Theater mehr Männerrollen, deswegen müsste man mehr Männer im Ensemble haben. Das ist von der Literatur her aber Quatsch.

eine Bildmontage mit Porträts der Enesemblemitglieder des Theaters

Unser: Und wer sagt denn auch, dass männliche Rollen immer von einem Mann oder männlich gelesenen Schauspielern gespielt werden müssen? Da kann man auch mal freier werden im Geist. Muss ein Valerio aus Leonce und Lena unbedingt ein Mann sein?

hessenschau.de: Wie setzen Sie das Thema Diversität am Theater sonst noch in die Praxis um?

Unser: Wie können wir ein rassismusfreies Haus werden?, ist ein ganz großes Thema bei uns, und da sind wir noch ganz am Anfang. Da muss jede und jeder erst mal ganz viel lernen, reflektieren und suchen. Wenn ich ernst nehme, wer alles in Deutschland lebt, dann ist das eine diverse Gesellschaft, und das ist toll. Als Theater müssen wir den Anspruch haben, dass wir diese Gesellschaft abbilden, dass wir der sogenannte Spiegel sind. Und das heißt, wir müssen unsere Strukturen überprüfen, dass wir auch ein Ort sind, der alle willkommen heißt. Es hilft nichts, wenn man sagt, wir sind divers, aber dann fühlen sich die Menschen nicht wohl.

Lange: Der große Punkt bei dem sogenannten Diversitätsthema im Theater ist, dass es um Privilegien geht. Und zwar um Privilegien, die bestimmte Leute abgeben müssen. Das heißt dann eben auch: andere Formen von Theaterleitung, von Besetzung von Ensembles und auch eine andere Zuschauer:innen-Ansprache. Das heißt aber auch, dass diejenigen, die es gewöhnlicherweise gemacht haben - bestimme Gruppen - dann vielleicht weniger vorkommen können, damit andere Gruppen endlich mal vorkommen. Das ist ein Riesenweg, wenn man den ernst meint, wirklich zuhört und schweigt - und sagt: 'Ok, das ist dir passiert, und das ist mir nie passiert.'

hessenschau.de: Finden Sie, dass das Thema in der Theaterwelt insgesamt noch zu kurz kommt?

Unser: Ich will nicht über andere urteilen. Ich denke, es ist am besten, wenn wir bei diesem Thema auf uns selbst gucken und prüfen, was wir tun müssen. Im besten Fall gehen wir mit gutem Beispiel voran. Aber auch davon, würde ich sagen, sind wir noch weit entfernt. Wir wollten zum Beispiel gerade erst jemanden mit Behinderungen engagieren. Aber wir können es nicht, weil wir nicht die baulichen Maßnahmen dafür haben.

hessenschau.de: Wie gehen Sie mit Inhalten um, die aus Ihrer Sicht heute schwierig sind, zum Beispiel was die Geschlechterrollen angeht oder den Umgang mit Minderheiten?

Lange: Wir prüfen in der dramaturgischen Runde sehr genau Stoffe. Natürlich gibt es Stellen, bei denen man sagt: 'Das möchte ich auf keinen Fall, dass das auf einer Bühne gesagt wird.' Dann ändert man es oder guckt, wie man es zeitgemäß interpretieren kann. Oder man macht das Stück nicht. Und wir versuchen, andere Autor:innen auf Spielpläne zu setzen. Man muss nicht bestimmte Geschichten immer und immer wieder erzählen, man kann auch neue Geschichten erzählen. Man findet die Texte. Man muss nur lesen - und andere Texte lesen und andere Stimmen zulassen.

Unser: Es gibt tatsächlich auch Theaterstoffe, die sind ein bisschen in die Jahre gekommen, und trotzdem haben sie eine Güte, und man will sie machen. Wir proben gerade ein Stück, bei dem es mir total so geht: Hair - Peace, Love and Harmony. Ich finde es superwichtig, das jetzt als Thema zu setzen. Trotzdem merkt man: Textlich ist da einiges sehr, sehr schwierig und eigentlich auch nicht machbar. Wir sind gerade noch im Diskus mit dem Verlag darüber, wie wir damit umgehen.

hessenschau.de: Welche Rolle spielt beim Thema Diversität, dass Sie zwei Frauen an der Spitze sind?

Lange: Es spielt insofern eine Rolle, weil diese Doppelspitze ja schon mal sagt: Wir stehen für Diskurs - im Austausch mit dem Ensemble auch aber auch miteinander.

hessenschau.de: Haben Sie selbst die Erfahrung gemacht, es als Frauen im Kulturbetrieb schwerer zu haben als Männer?

Lange: Definitiv. Ich denke, es gibt da zwei Punkte: Einerseits sind Netzwerke für Frauen in der Kulturbranche derzeit immer noch unterentwickelt. Also Frauen, die sich gegenseitig helfen und Fürsprecherinnen füreinander sind. Das haben Männer früher entwickelt, das können wir uns positiv abgucken. Andererseits sind wir beide ja gleichzeitig auch Regisseurinnen; der lange vorherrschende Genie-Kult wurde aber männlich konnotiert. Das heißt: Männer im Theater bekommen leichter Applaus für das Extreme, das Absurde, das Abgefahrene. Währenddessen Frauen ja gesamtgesellschaftlich eher Applaus für die Anpassung bekommen. Das ist aber künstlerisch nicht so interessant. Ich finde, wir müssen Frauen ermutigen, auch ihren ganz absurden künstlerischen Ideen nachzugehen und ihnen dafür eine Bühne zu geben.

hessenschau.de: Im Februar hat das Theater beim Black History Month mitgemacht und verschiedene Aktionen und Veranstaltungen gemeinsam mit Künstlern oder Aktivistinnen organisiert. Was für Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?

Unser: Das ist tatsächlich etwas, worauf wir heute nicht stolz sind. Das war gut gemeint und bestimmt gab es auch Menschen, für die es gut war. Aber gleichzeitig bin ich mir nach drei Monaten und vielen Gesprächen nicht sicher, ob wir das gut gemacht haben, und ob wir das als relativ weiße Institution hätten forcieren dürfen.

hessenschau.de: Warum?

Unser: Wir haben ganz klare Stimmen aus der BIPoC-Community (Abkürzung von Black, Indigenous, People of Color, Anm. d. Red.) gehört, die uns gesagt haben: 'Ihr habt da was annektiert, was euch nicht gehört.' Wobei ist sagen würde: Wir haben es nicht annektiert, aber es kam trotzdem so an. Es war ein Versuch. Da merken Sie auch: Wir reflektieren ganz viel über Dinge, die wir tun. Trotzdem passiert es, dass man nach einer geraumen Zeit dasitzt und denkt: Vielleicht nicht genug nachgedacht. Weil es so komplex ist. Es ist einfach wahnsinnig komplex.

Weitere Informationen

Deutscher Diversity-Tag am 18. Mai

Der Diversity Tag ist eine jährliche Initiative des Charta der Vielfalt e. V. und wird vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales unterstützt. Im vergangenen Jahr setzten über 800 Organisationen mehr als 1.600 Aktionen um, sie wollen damit ein Zeichen für Vielfalt in der Arbeitswelt setzen. In Hessen engagieren sich beispielsweise Unternehmen wie die Commerzbank oder Ernst&Young, aber auch die Frankfurter Goethe-Uni oder der Landkreis Wetterau.

Ende der weiteren Informationen

Die Fragen stellte Rebekka Dieckmann.

Sendung: hr2, Am Morgen, 18.05.2021, 6.05 Uhr