Das fertiggestellte documenta-Kunstwerk, ein etwa 16 Meter hoher Obelisk, von US-Künstler Olu Oguibe
Der Obelisk von Olu Oguibe auf dem Königsplatz in Kassel Bild © picture-alliance/dpa

Empörung in Kassel über die Äußerung der AfD zu einem documenta-Kunstwerk: Als es um den möglichen Ankauf des Obelisken auf dem Königplatz ging, sprach ein Stadtverordneter von "entstellender Kunst" - und kündigte Demonstrationen vor dem Werk an.

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So hoch wie ein fünfstöckiges Haus ist der Obelisk, ein echter Hingucker. In goldenen Buchstaben stehen auf ihm die Jesus-Worte: "Ich bin ein Fremdling gewesen und ihr habt mich beherbergt" - und zwar in gleich vier Sprachen: Deutsch, Arabisch, Türkisch und Englisch.

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Olu Oguibe, Obelisk

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Streit um documenta-Obelisiken in Kassel

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"Mein Obelisk soll auch an die erinnern, die die Flüchtlinge aufgenommen haben. Hoffentlich gefällt er den Kasselern", sagte sein Schöpfer, der documenta-Künstler Olu Oguibe aus den USA: "Der Obelisk soll auch Dankbarkeit ausdrücken, für alle, die sich um Flüchtlinge kümmern. Er soll sagen: Danke, dass ihr das macht."

Olu Oguibe
Olu Oguibe Bild © Stadt Kassel


Für den AfD-Stadtverordneten Thomas Materner ist das Kunstwerk allerdings Provokation. Im Kulturausschuss der Stadt nannte er den Obelisken am Dienstag eine "ideologisierende und entstellende Kunst". Wenn die Stadt das Kunstwerk kaufe, werde die AfD dort "bei jedem von Flüchtlingen begangenen Anschlag" zu Demonstrationen aufrufen.

Die anderen Parteien sehen in diesen Worten eine Anspielung auf den Begriff "entartete Kunst" aus der Nazizeit. SPD-Geschäftsführer Patrick Hartmann nennt die Materner-Äußerung "schrecklich und empörend". AfD-Mitglied Materner weist die Kritik zurück. Er habe gemeint, der Obelisk entstelle den Königsplatz, einen Bezug auf "entartete Kunst" habe er nie beabsichtigt.

In der Politik schlagen die Wellen also hoch. Bei vielen Bürgern kommt der Obelisk aber gut an. Bei Sonnenschein sitzen Passanten gerne auf den Treppenstufen zu seinen Füßen. Viele von ihnen sind Migranten aus der nahen Nordstadt, einem Viertel mit hohem Anteil an Zuwanderern.

Auch das ist ganz im Sinne des Künstlers: Denn Oguibe will mit seinem Obelisken eine Brücke in die Nordstadt bauen. Aber auch alteingesessenen Kasselern gefällt das documenta-Kunstwerk. Wer spontan Passanten auf dem Königsplatz fragt, der hört immer wieder: Der Obelisk passe sehr gut auf den Königsplatz, seine graue Farbe sei sehr passend, die Aussage hervorragend: "Das Kunstwerk soll hierbleiben", sagen viele. Auch in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter sind die Reaktionen auf das Werk überwiegend positiv.

Zurück im Stadtparlament: Auch hier sitzen viele Fans des Obelisken. Zum Beispiel die CDU-Fraktion. In der Kulturausschusssitzung am vergangenen Dienstag fragte sie, ob die Stadt ihn nicht kaufen solle. Auch die anderen Fraktionen finden das erwägenswert - bis auf die AfD. Doch das entscheidende Wort über den Kauf spricht nicht der Ausschuss sondern eine Experten-Kommission, betonte Dorothee Rhiemeier, die Chefin des Kulturamts der Stadt Kassel.

documenta-Chef mit "wehenden Fahnen" für Verbleib

Dazu gehörten die kulturpolitischen Sprecher der Stadtratsfraktionen, aber auch Fachleute wie Susanne Pfeffer, die Leiterin des Museum Fridericianum und Professor Joel Baumann von der Kunsthochschule Kassel.

Am 5. September wird sich die Kommission treffen. Auch die documenta-Leitung soll zu einem möglichen Kauf Stellung nehmen.  Wie documenta-Chefkurator Adam Szymczyk darüber denkt, weiß documenta-Sprecherin Henriette Gallus. Für Szymczyk passe der Obelisk hervorragend zum Thema "Flüchtlinge", einem Leitmotiv der documenta 14. Er sei "mit wehenden Fahnen" für einen Verbleib in Kassel.

Also stehen alle Zeichen auf Ankauf? Nicht ganz. Denn es gibt auch Kritik, besonders vom Arbeitskreis Denkmalpflege in Kassel. Der Obelisk steht nämlich auf dem  Königsplatz nicht genau in der Mitte. Sondern eher am Rand. Das sei unhistorisch,sagen die Experten. Wenn er bleiben soll, sollte er in die Mitte versetzt werden. Doch das will Künstler Olu Oguibe nicht.

Die Stadt Kassel hat jedenfalls bereits erste Zeichen gesetzt. Und verleiht dem Obelisken-Schöpfer am 10. September ihren "Arnold-Bode-Preis", er wird zu jeder documenta für ein  herausragendes Kunstwerk vergeben. Das könnte schon eine Vorentscheidung sein. Allerdings muss auch der Kaufpreis stimmen. Über Geld aber haben weder Oguibe noch die documenta bisher etwas gesagt.