Griechenland
Ein Aktionskünstler ist in die Rolle des Dichters Aristophanes geschlüpft. Bild © Jens Wellhöner (hr-iNFO)

Im Programmheft stehen sie nicht. Na und? In Kassel nutzen viele Menschen trotzdem die Chance zu einem documenta-Auftritt. Sie machen Musik, zeigen eigene Kunstwerke - oder sind sogar selbst eines.

Audiobeitrag
Musikerinnen

Sie können das Audio zur privaten Nutzung hier herunterladen oder im Systemplayer öffnen.

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Die documenta und ihre Trittbrettfahrer

Ende des Audiobeitrags

Anna Hannes spielt Saxophon, Chiara Aulke und Jana Debus singen. Dutzende Passanten bleiben stehen, tanzen und klatschen. Die drei jungen Frauen sorgen für gute Laune. "Cafrula Street" nennen sie sich. Die drei studieren Musik in Kassel, erst seit einem halben Jahr machen sie zusammen Musik.

Wegen der documenta sind viele Besucher in der Stadt. So kommen auch rasch jede Menge Zuschauer zusammen, die auch immer wieder ein paar Cent oder Euro in die Saxophontasche werfen, die die Studentinnen aufs Pflaster gelegt haben. Viel Zeit bleibt ihnen nicht. Nachdem sie den aktuellen Hit "No Roots" von Alice Merton zum Besten gegeben haben, räumen sie das Feld: Die nächste Band will spielen. Die Treppe zur Orangerie ist eben begehrt bei Straßenmusikanten - in diesen Zeiten.

Der alte Grieche und die Eule

Nur wenige Meter weiter sitzt der altgriechische Dichter Aristophanes und schaut auf das bunte Treiben der documenta. In blütenweißer Toga und mit goldenem Lorbeerkranz auf dem Haupt hat er auf einem Plastikstuhl Platz genommen. Er sitzt gegenüber vom Parthenon der Bücher, einem Nachbau des zentralen Tempels der Athener Akropolis, an dem über 50.000 Bücher befestigt sind, die irgendwo auf der Welt verboten sind oder waren.

Der freundliche Herr lädt Passanten ein, sich auf den zweiten Plastikstuhl neben ihn zu setzen. Er erklärt ihnen dann, wie das Sprichwort "Eulen nach Athen tragen", zustande kommt: "Ich bin Aristophanes, und in meinem Werk 'Die Vögel' habe ich geschrieben, dass es völlig sinnlos ist, in diese Stadt Athen, wo so viele weise Philosophen leben, Eulen zu bringen. Eulen, das Symbol für Weisheit!" Sinnigerweise  hat er auch gleich eine ausgestopfte Eule neben sich gestellt.

Kein Zutritt für "Trittbrettfahrer"

Der Aktionskünstler Retlaw Seppak aus Nordhessen ist in die Rolle des alten Griechen geschlüpft, passend zum Motto der documenta "Von Athen lernen". Doch weil er nicht Teil des offiziellen documenta-Programms ist, bekommt er zunächst Ärger. Ursprünglich wollte er sich direkt neben den Parthenon setzen.

Das Sicherheitspersonal vertreibt ihn von dort, denn die documenta hat den ganzen Friedrichsplatz um den Büchertempel gemietet. Trittbrettfahrer dürfen ihre Kunst dort nicht unters Volk bringen. Auch Seppak nicht, der jetzt eben ein paar Meter weiter sitzt und mit den Passanten darüber spricht, wie ihnen die documenta gefällt. "Aus Spaß an der Freud", sagt er.

Erde aus "Arkadien"

Auch Aktionskünstler Peter Kees nutzt die documenta als Bühne. Er wurde zwar nicht eingeladen. Doch trotzdem verteilt er auf dem Rasen neben dem Museum Fridericianum Papiertüten mit Erde. Das sei Erde Arkadiens, sagt er. Eines fiktiven Staates, den er sich ausgedacht hat, als Paradies für alle Flüchtlinge. Er vergibt sogar "Asyl", als Botschafter seines Fantasie-Staates.

Mit der Aktion wolle er die Menschen zum Nachdenken über das Flüchtlingsproblem anregen, sagt er. Doch der Sicherheitschef des documenta-Museums sei von der unangemeldeten Performance wenig erbaut gewesen: Er habe gesagt, Kees solle seine Papiertüten wieder einsammeln und gehen. Doch er bleibt. Und die documenta lässt ihn einen ganzen Tag lang gewähren.

Die Geduld der documenta

Scheinbar ist die documenta-Leitung geduldig geworden, mit all den Trittbrettfahrern. Wer jetzt durch Kassel geht, kann kaum noch unterscheiden, was offizielle documenta-Kunst ist und was nicht. Unangemeldete Künstler wie die  Band "Cafrula Street", Retlaw Seppak und Peter Kees bringen auf jeden Fall Farbe in die meist doch sehr ernste documenta 14.