Fabian Vogt
Autor Fabian Vogt Bild © Sonja Fouraté (hessenschau.de)

Was kommt nach dem Tod? Eine Frage, die sich alle Kulturen und Religionen gestellt haben. Der Oberurseler Buchautor Fabian Vogt hat 100 Jenseitsvorstellungen aus aller Welt zusammengetragen. Im Interview erklärt er, warum das vor allem für Lebende wichtig ist.

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zum Video Ein Reiseführer für das Leben nach dem Tod

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Fabian Vogt, geboren 1967 in Frankfurt, ist Schriftsteller, Musiker, Kabarettist und Pfarrer. Als solcher ist er auch auf hr3 zu hören. Dass er sich mit dem Leben nach dem Tod auseinandersetzt, liegt nahe. "100 Dinge, die du nach dem Tod auf keinen Fall verpassen solltest" heißt sein aktuelles Buch und ist ein unterhaltsamer, gut strukturierter Streifzug durch Jenseitsvorstellungen aus aller Welt.

hessenschau.de: Herr Vogt, nachdem Sie sich jetzt bestens mit dem Leben nach dem Tod auskennen: Was sind Ihre Pläne für das Jenseits?

Fabian Vogt: Nachdem ich für das Buch so viele interessante Orte im Geiste "durchlaufen" habe, gilt vor allem: Ich freue mich auf das Leben danach. Da scheint doch noch viel Spannendes zu kommen. Denn manche Bilder sind wirklich romantisch. Ich finde zum Beispiel die Idee einiger Indianerstämme toll. Die haben gedacht, die Milchstraße bestehe aus den flackernden Lagerfeuern der Ahnen, die in den Himmel wandern. Nach oben zu gucken und zu denken: Da oben machen die Menschen das, was sie auf Erden machen, aber ein Stück erfüllter, ein Stück reifer, angekommener, ausgeglichener - das hat etwas mit Nach-Hause-Kommen zu tun.

hessenschau.de: Wie kamen Sie auf die Idee zu dem Buch?

Vogt: Ich war auf einer Tagung, und da hielt jemand einen Vortrag über die Veränderung der Gesellschaft und stellte ganz am Rande die Frage, was es eigentlich für Folgen haben würde, wenn wir einen Jenseitsverlust erleben. Wenn Menschen keine Idee mehr davon haben, was nach dem Tod kommen könnte, dann entsteht ja schnell ein Zwang: Ich muss alles, was irgendwie erreichbar ist, in diesen 70, 80, 90 Jahren meines Lebens erreichen. Ich habe dann ständig das Gefühl, ich könnte im Diesseits etwas verpassen.

Abends saßen wir dann bei einem guten Rotwein zusammen und fanden den Gedanken schade, denn die Bilder von dem, was kommen könnte, sind doch ganz verheißungsvoll. Dazu sollte man mal einen kleinen Reiseführer verfassen, sagte jemand. Dann wurde auch schon der Titel geboren, und alle sagten: Das Buch muss geschrieben werden. (lacht)

hessenschau.de: Haben Sie auch besonders kuriose Jenseitsvorstellungen entdeckt?

Vogt: Natürlich gibt es ganz faszinierende Bilder. Auf einer Inselgruppe existiert zum Beispiel die schöne Vorstellung: Die Seele kommt nach dem Tod erst einmal an einen großen Strand. Herrlich! Dort sitzt dann die Göttin des Todes auf einem Felsen und malt vor sich ein Muster in den Sand. Dann wischt sie ganz frech die eine Hälfte des Musters wieder weg. Daraufhin muss die Seele das Muster wieder vervollständigen. Wenn sie es schafft, kommt sie in den Himmel. Die Konsequenz daraus ist, dass auf dieser Inselgruppe die Menschen ihr Leben lang kunstvolle Muster üben. Das ist dort zu einer Art Kultur geworden, auch für die Kleidung und das Handwerk.

Generell war das Eindrucksvollste für mich, noch einmal zu entdecken, dass die Beschäftigung mit dem Jenseits eigentlich eine Beschäftigung mit dem Diesseits ist. Viele Kulturen - übrigens auch die Bibel - sagen ja: "Bedenke, dass du sterben musst, damit du klug wirst." Dieses Klugwerden hat nichts damit zu tun, den IQ zu steigern, sondern die Lebensfähigkeit. Je mehr Vorstellungen die Menschen vom Jenseits haben, desto klüger fangen sie an, ihr Diesseits zu planen.

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5 Jenseits-Highlights aus dem Buch

  • Christentum: Begrüßungscocktail an der Himmespforte
  • Glaube der Etrusker: auf einem Fabelwesen in den Himmel reiten
  • Mexiko: Himmelsparcours mit den Geschlechtsteilen aller Sexualpartner zu Lebzeiten
  • Indien: glücklicher Zwischenstopp im Kuh-Himmel
  • Im hohen Norden: ab in die Hölle als Kühlfach
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hessenschau.de: Ist die Beschäftigung mit dem Jenseits also ein kulturübergreifendes Phänomen, zum Beispiel auch bei Buddhisten, die an Wiedergeburt glauben?

Vogt: Es war für mich eine der größten Überraschungen, wie sehr sich die Kulturen darin ähneln, auch Kulturen, die bewiesenermaßen nichts miteinander zu tun haben. Sie haben oft ganz ähnlich Bilder - zum Beispiel die Vorstellung von einem großen Fluss, den man überqueren muss, oder davon, dass es irgendwann eine große Trennung zwischen Gut und Böse gibt. Und komischerweise sitzt an solchen Flüssen immer ein Hund! Das ist in Asien genauso wie in Südamerika oder Europa. Da kommt immer ein Höllenhund vor, wie Zerberus bei den Griechen.

Ich dachte tatsächlich auch, die Wiedergeburtsreligionen wie Buddhismus oder Hinduismus brauchen gar keine Himmels- oder Höllenbilder. Aber falsch. In der Zeit, in der die Seele auf die nächste Wiedergeburt wartet, kommt sie auch in der asiatischen Welt in einen Himmel oder eine Hölle. Selbst da hat sich also dieses Bild durchgesetzt. Je nachdem, wie eine Seele sich bewährt, hat sie es später eher angenehm oder eher unangenehm.

hessenschau.de: Im Grunde gehen alle Menschen gleichermaßen auf Sinnsuche.

Vogt: Genau! Menschen haben ja existenzielle Fragen. Und Psychologen sagen: "Die Angst vor dem Tod ist im Grunde die Mutter aller Ängste." Alle Ängste, die wir haben, hängen also mit der Sorge zusammen: Was ist, wenn ich nicht mehr bin? Wenn mir das, was mich ausgemacht hat, genommen wird?

Das heißt: Je intensiver ich mich mit dieser Angst beschäftige, desto besser kann ich auch mit anderen Ängsten umgehen. Deswegen haben sich auch alle Kulturen damit beschäftigt, alle Religionen, viele Poeten und natürlich viele Philosophen. Letztlich wird darin die Suche nach einer sehnsuchtsvollen Antwort spürbar: Ja, es gibt eine Hoffnung, die größer ist als mein irdisches Dasein. Und fast alle Kulturen der Welt kamen auf die Idee: Offensichtlich ist es nicht der Körper, der überlebt, sondern eine Seele. Wer daran glauben kann, der wird am Ende auch viel besser Abschied vom Leben nehmen.

hessenschau.de: Sind Sie nach der Recherche zu dem Buch selbst gelassener geworden?

Vogt: Bin ich tatsächlich! Auch wenn es in fast allen Kulturen so etwas wie Höllenbilder gibt...

hessenschau.de: … die ja schon Angst machen.

Vogt: Wobei man sagen muss, die Bilder sind eigentlich nie so, dass eine Gottheit es nötig hätte, noch einmal nachzutreten. Das ist kulturgeschichtlich erst im Laufe der Jahrhunderte dazugewachsen. Eigentlich hat kein Gott es nötig, seine Geschöpfe zu bestrafen. Die Idee dahinter ist immer: Ein Mensch, der ins Jenseits kommt, wird selbst nochmal auf sein Leben blicken und dann feststellen: Oh, da gibt es einiges, über das ich mich schon ganz schön ärgere. Ich habe Mist gebaut, falsche Entscheidungen getroffen, andere verletzt. Es bleibt also in der Verantwortung des Menschen. Es geht vor allem darum, dass die himmlischen Mächte signalisieren: Sei dir bewusst, es ist nicht egal, wie du lebst!

Das Gespräch führte Sonja Fouraté.