Anne Chaplet
Anne Chaplet Bild © hessenschau.de / Nicole Bothof

Früher spielten ihre Krimis in Frankfurt und dem Vogelsberg, jetzt bewegen sich ihre Romanfiguren in den südfranzösischen Cevennen. Anne Chaplet lässt es rund um das fiktive Dorf Belleville brennen. Im Interview erzählt die Autorin, wie sie auf den neuen Schauplatz kam.

hessenschau.de: Frau Chaplet, ihr neuer Roman "Brennende Cevennen" spielt in Frankreich. Wieso sind Sie Ihrer hessischen Krimi-Heimat "untreu" geworden?

Anne Chaplet: Meine Krimis haben bisher immer zwischen Vogelsberg und Frankfurt gespielt, also in Gegenden, die ich kenne und die ich auch mag. Und warum jetzt Frankreich? Mein neuer Verlag, Kiepenheuer & Witsch, machte einen entsprechenden Vorschlag. Und da ich eine Zweitexistenz in Frankreich habe, weil meine halbe Familie da wohnt, lag die Idee auf der Hand, über diesen tollen Landstrich zu schreiben: das alte Vivarais, wo der Gallische Krieg stattfand und die Hugenottenkriege.

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hessenschau.de: Sie kommen aus dem mittelhessischen Ilsdorf, einem Ortsteil von Mücke. Haben Sie französische Wurzeln?

Anne Chaplet: Nein, meine Familie dort unten besteht aus Expats. Mein Bruder ist 1968 in den Pariser Mai geraten, mit Köfferchen und Anzug. Er war damals ein Management-Trainee und wollte eine große Karriere machen. Er ist dann einer der vielen gewesen, die damals ausgestiegen sind. Und da er und seine Lebensgefährtin viel Kanu gefahren sind, haben sie auch die Ardèche für sich entdeckt und einen Geröllhaufen käuflich erworben, den sie buchstäblich mit blutenden Händen wieder aufgebaut haben. Das war 1969/1970, und seitdem kenne auch ich diese Gegend. Ich verbringe drei bis vier Monaten im Jahr in Laurac-en-Vivarais in Südfrankreich.

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Die Geschichte in "Brennende Cevennen": Tori Godon, ehemalige Anwältin aus Frankfurt, seit kurzem verwitwete Einwohnerin des fiktiven südfranzösischen Ortes Belleville, wacht in der Nacht durch einen beißenden Geruch auf. Der "gras", ein Hochplateau unweit des Dorfes, steht im Flammen. Brandstiftung? Selbstentzündung? Es hat seit Wochen nicht mehr geregnet. Zur gleichen Zeit spaltet ein heftiger Konflikt das Dorf: Ein Investor will ein Feriendorf bauen. Die einen ersehnen sich Arbeitsplätze in der strukturschwachen Region, die anderen fürchten um die Zerstörung ihrer Umgebung. Ein Musterhaus dieser Siedlung ist ebenfalls dem Feuer zum Opfer gefallen. Und darin werden die Leichen zweier Jungen entdeckt. Warum waren sie dort? Tori kann es nicht lassen und ermittelt.

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Buchcover
Bild © Verlag Kiepenheuer & Witsch

hessenschau.de: Sie beschreiben in ihrem Krimi den Graben zwischen Einheimischen und Zugereisten. Finden Sie das in Ihrem Dorf wieder?

Anne Chaplet: In dem Ort, in dem ich wohne, eigentlich am wenigsten. Weiter südlich dagegen ist wirklich Hippie-Land. Da sind die Blumenkinder alle hingezogen. Aber es ist natürlich das alte Frankreich, das der Tourist möchte: Baguette, Nanette, Cigarette und das Chanson. In einer Szene beschreibe ich, dass ein Bürgermeister in einer Kneipe die alten Chansons singt und alle sitzen da und wiegen sich und denken: Ja, Frankreich! Aber das ist natürlich längst nicht mehr Frankreich, das Land verändert sich. Spannend ist, dass die Hinzugekommenen zum Teil die alten Traditionen wiederbelebt haben, die schon längst tot waren.

hessenschau.de: Welche alten Traditionen meinen Sie?

Anne Chaplet: Im 19. Jahrhundert wurde in der Region Seide produziert, bis eine Krankheit der Seidenraupen dem ein Ende setzte. Zur Zeit des Seidenbooms sind viele Steinhäuser entstanden, die verlassen wurden, als der Boom vorbei war. Das ist die große Tragik dieser Gegend. Und diese Häuser werden nun von den Zugereisten mit Respekt vor dem Alten wieder aufgebaut. Auch handwerkliche Tätigkeiten, die längst verlorengegangen zu sein schienen, wurden von den Hinzugekommenen wieder aufgegriffen: Schafskäse machen etwa.

hessenschau.de: Sie reißen in Ihrem Krimi das Thema Tourismus an - und die oft darauf folgende Zerstörung der Landschaft. Ist es in Ihrer Region so?

Anne Chaplet: Meine Region ist immer noch eine arme Gegend. Doch der Tourismus ist jetzt der neue "goldene Baum". Immer mehr Franzosen kommen auf die Idee, eine "gîte" an Feriengäste zu vermieten. Aber ich denke, die Gegend wird sich da immer ein bisschen schwer tun. Und ich finde es ganz schön, wenn man noch ein bisschen französisch betulich ist. Also, Essen gibt es nur von 12 bis 14 Uhr, was der Tourist ja gar nicht mag. Ich finde es ganz schön, dieses Stieselige, dieses Beharrliche.

hessenschau.de: Sie leben im Vogelsberg und in Frankreich auf dem Dorf. Gibt es Gemeinsamkeiten, gibt es Unterschiede?

Anne Chaplet: Wichtig auf dem Dorf hier wie dort sind Familie und Nachbarschaft. Das kann einen natürlich auch ersticken und erschlagen, aber es ist auch Schutz und füreinander Einstehen. Es bedeutet Solidarität. Was mir hier wie dort fehlt, ist eine anständige Kneipe. Den Untergang der Dorfkneipen in Deutschland und in Frankreich finde ich grauenvoll. Jeder Mensch braucht eine anständige Kneipe. Aber ich weiß ehrlich gesagt nicht genau, wo die Unterschiede liegen. Und so zickig, wie die Franzosen sind, können natürlich auch die Vogelsberger sein.

hessenschau.de: Akzeptieren die französischen Dorfbewohner Sie?

Anne Chaplet: Ich sitze da und schreibe Bücher, was mein ganzes Dorf natürlich weiß. Und deshalb ertragen sie mich auch. Deshalb erwarten sie von mir auch nicht, dass ich perfekt Französisch spreche, was ich nicht tue. Das ist sehr angenehm.

hessenschau.de: Kennen die Dorfbewohner Ihre Krimis?

Anne Chaplet: Nein, aber das ganze Dorf schreit danach. Es gab einen Film über mich auf Arte. Der wurde gesehen, seither werde ich erkannt. Aber um das Buch zu übersetzen, müsste es einen französischen Verlag geben, den das interessiert. Nur dem deutschen Autor Jean-Claude Bannalec ist das gelungen. Seine Krimis sind übersetzt, weil man wahrscheinlich auch gemerkt hat, dass der Fremdenverkehr zugenommen hat, seit es die Bannalec-Krimis gibt. Was ich von ihm gerne gelernt habe, ist die Verbindung von Krimi und Region.

hessenschau.de: Ihre Region beschreiben Sie ausführlich. Warum?

Anne Chaplet: Weil ich die Gegend liebe. Und ich möchte auch Lust auf diese Gegend machen. Er ist auch ein bisschen Entdeckungsfahrt in dieses Land mit seiner unfassbar schönen Landschaft und seiner spannenden Geschichte. Ich kriege dauernd um die Ohren gehauen: Das ist kein Krimi, das ist nicht spannend genug. Was soll's?

hessenschau.de: Wie schreiben Sie? Sie haben eine Idee und wie geht es dann weiter?

Anne Chaplet: Man hat eine Idee, man setzt sich auf seinen dicken Arsch und man schreibt. Das ist wirklich so. Ich plotte schon gerne, aber bis Mitte des Buches weiß ich nicht, worauf es hinausläuft, sonst würde ich mich ja langweilen. Da muss eine gewisse Überraschung drin sein, auch für mich. Ich schreibe nicht "plot driven", sondern "character driven". Deshalb hängt viel von den Personen ab. Es entwickelt sich viel aus den Personen heraus.

hessenschau.de: Werden noch weitere Krimis aus "Belleville" folgen?

Anne Chaplet: Geplant sind vier und die folgen den Elementen: Erde, Feuer, Wasser, Luft. Das liegt nahe in dieser Gegend. Der erste ging um Erde, weil die Protagonistin Tori in einen Höhlenschacht fällt und beinahe stirbt. Der zweite handelte von Feuer, da es überall brennt. Das war in diesem Jahr mit diesen ganzen verheerenden Waldbränden ungewollt aktuell. Ich weiß nicht, ob der nächste sich mit Wasser oder Luft befasst. Wasser wäre natürlich die Ardèche und das Rafting, aber auch diese gigantischen Wasserfälle. Und Luft, das geht von Segeln über Flugzeug bis Climbing. Das sind meine kleinen Anhaltspunkte, mehr ist es erst mal nicht.

Das Interview führte Nicole Bothof.