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Xavier nimmt uns mit in seinen Tanzalltag

Für seinen Lebenstraum arbeitet Xavier Lott hart. Der Weg zum Profitänzer ist kein Spaziergang, doch Teile davon bewältigt der 22-Jährige während seines Studiums in Frankfurt auf High Heels. Seine Leidenschaft für den Tanz entdeckte er in einer Lebenskrise.

"Ich hatte bis jetzt noch keinen Tag hier, an dem ich dachte: 'Ich habe keinen Bock'". Wer das über seinen harten Ausbildungsalltag sagen kann, ist vermutlich auf dem richtigen Weg, so wie der 22-jährige Xavier Lott. In High Heels und schwarzem Netzshirt trainiert Lott für sein erstes eigenes Stück an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst (HfMdK) in Frankfurt.

"Es ist, als wäre ich in Trance, im Rausch", beschreibt Lott, wie es sich anfühlt, wenn er tanzt, auf der Bühne steht. Das Drumherum wird unwichtig, es zählen nur noch er und sein Körper.

Blaue Flecken beim Heim-Training

Der Bachelorstudiengang Tanz dauert vier Jahre. Lott ist im dritten Studienjahr - davon zwei Jahre unter Pandemie-Bedingungen. Das erschwert seinen Traum vom Leben als Profitänzer, hält ihn aber nicht davon ab.

Am schlimmsten sei die erste Zeit im Lockdown gewesen, erinnert sich der junge Tanzstudent. Als sie gar nicht in die Hochschule kommen durften und sich zu Hause auf begrenztem Raum fit halten und per Onlineunterricht trainieren mussten.

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Der Weg zum Profitänzer

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So viele blaue Flecken wie noch nie habe er sich dabei eingehandelt, erzählt Lott. "Ich bin im Wohnzimmer ständig irgendwo angestoßen." Zeitgenössischer Bühnentanz braucht Raum, und den bietet ein Wohnzimmer zu Hause eher selten.

Zwölf Studienanfänger pro Jahrgang

Der Weg zum Profitänzer ist hart. Training, Theorie, Proben für Auftritte. Xavier Lotts Arbeitstage sind oft bis zu zwölf Stunden lang. Schon in den Studiengang aufgenommen zu werden, ist ein großes Glück und verlangt viel Können und Talent. Pro Jahr werden von den rund 160 Bewerberinnen und Bewerbern nur maximal zwölf zum Studium an der HfMdK zugelassen.

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Studiengang Tanz an der HfMdK

Der Bachelor Tanz an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Frankfurt dauert acht Semester, also vier Jahre. Voraussetzungen sind Abitur oder besonders herausragende künstlerische Eignung und das Bestehen der Eignungsprüfung. Die Bewerbungsphase für das kommende Wintersemester läuft noch bis 4. April. Start ist im Wintersemester 2022/2023.

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Der Grund dafür ist der begrenzte Arbeitsmarkt. "Wenn wir Leute aufnehmen, dann wollen wir auch mit ihnen arbeiten, ihre Talente entwickeln, sie gut auf den Markt vorbereiten", erklärt Dieter Heitkamp, Leiter der Tanzabteilung.

"Der Tanz war meine Rettung"

Disziplin, Talent, Selbstbewusstsein - das sind einige der Grundvoraussetzungen, die die Studierenden mitbringen müssen. Dass er Talent hat, hat Xavier Lott vor vielen Jahren bemerkt. Nach dem Tod eines Familienmitglieds und der Trennung seiner Eltern durchlebte er eine schwierige Zeit. "Mit zehn Jahren habe ich mit dem Tanzen angefangen. Das war meine Rettung. Ich war sofort wieder fröhlich, wieder gut drauf."

Zu spüren, dass er etwas gut kann, zu erkennen, dass er wertvoll ist - das alles habe ihm Selbstbewusstein gegeben. "Als dunkelhäutiger, schwuler Junge in einem kleinen Dorf in Bayern musste ich mir schon so einiges anhören", erklärt der 22-Jährige. Die Meinung anderer über ihn ist ihm heute nicht mehr so wichtig. "Hauptsache, ich weiß, was mir gefällt", sagt er.

Sein "Faible für Fashion" gefällt nicht jedem

Und was ihm gefällt, ist durchaus extravagant. Er habe nun mal ein "Faible für Fashion". Im Lockdown habe er dann angefangen, sich regelmäßig zu schminken. "Weil ich einfach ein Ventil brauchte, um mich zu entspannen." Als Verkleidung oder Drag-Kunst sieht Lott seine Outfits, die er im Alltag trägt, nicht.

Wenn er in Frankfurt oder Offenbach auf der Straße unterwegs ist, bekommt er regelmäßig rassistische oder homophobe Sprüche zu hören. "Die meisten loben mein Outfit aber und sagen, dass ich toll aussehe", sagt Lott lächend. Und das seien die Aussagen, an denen er sich festhalte.

Streng getakteter Stundenplan

Eine positive Grundeinstellung - auch das wohl eine Voraussetzung für ein Leben als Tänzer. "Er hat immer die beste Laune und strahlt so viel positive Energie aus", freut sich Mitstudentin Emma Rasmussen auf die gemeinsamen Trainingstage.

Die beginnen am Morgen um 9 Uhr mit dem Aufwärmen, um 10 Uhr steht eine Doppelstunde Ballett für alle auf dem Stundenplan. Auch wenn Lotts Schwerpunkt auf zeitgenössischem Tanz liegt - "Ballett ist die Basis von fast allem", erklärt er.

Erste eigene Choreo auf High Heels

Was im Tagesverlauf folgt, ist Kontrastprogramm zum strengen Tanz an der Stange. Laute Popmusik dröhnt durch den Trainingsraum, Xavier und zwei Kommilitoninnen üben auf gut zwölf Zentimeter hohen High Heels eine Choreografie. Im dritten Jahrgang müssen die Studierenden ein eigenes Stück entwickeln, einstudieren und aufführen.

Auf den hohen Absätzen dynamisch und sicher zu tanzen, ist eine Kunst für sich. "Es passt zu mir, und das haben hier noch nicht so viele gemacht", begründet der 22-Jährige sein ungewöhnliches Vorhaben.

Das besondere Schuhwerk hat bei der Arbeit zwar seine Tücken, bereitet den Tänzerinnen und Tänzern aber weniger Probleme als ein Accessoire, das für mehr als ein Jahr zur Pflicht-Ausstattung gehörte: die Gesichtsmaske. Im Training Maske zu tragen, sei sehr anstrengend gewesen. "Uns ist reihenweise schlecht geworden, und wir hatten dauernd Kopfschmerzen", erinnert sich Lott.

Wintertanzprojekt im Gallustheater

Bis seine High-Heels-Choreografie Premiere feiert, dauert es noch eine Weile. Erst einmal stehen Xavier Lott und seine Mitstudierenden am Wochenende beim Wintertanzprojekt der HfMdK im Gallustheater Frankfurt auf der Bühne. Gezeigt wird das neue Stück der Berliner Choreografin Isabelle Schad.

Wenn dann der Vorhang aufgeht und Xavier Lott auf die Bühne tritt, ist wieder alles andere vergessen. Er versinkt in der Bewegung, geht in ihr auf. Nur noch er und das Tanzen zählen - wie in Trance, wie im Rausch.

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Wintertanzprojekt

Alle Jahrgänge der Tanzabteilung der HfMdK präsentieren vom 11. bis 13. Februar im Gallustheater Frankfurt ihre einstudierten Choreographien. Das Spektrum der im Wintertanzprojekt 2022 gezeigten Arbeiten umfasst neue Choreographien von Jean-Hugues Assohoto, Lou Menghan, Dieter Heitkamp und Isabelle Schad.

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