Frankfurt galt immer als liberal und weltoffen - doch in den 1920er Jahren kippte die Stimmung besonders schnell, überproportional viele Frankfurter wählten 1929 die NSDAP. Warum die Nazis hier besonders leichtes Spiel hatten, untersuchen jetzt gleich drei Ausstellungen.

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Ausstellungen zur NS-Zeit in Frankfurt

hessenschau vom 09.12.2021
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In der Frankfurter Fahrgasse hat die Familie Kiefer zwei gut gehende Schuhgeschäfte. Ihren Wohlstand dokumentiert der Vater von 1939 bis 1942 in kurzen, unbeschwerten Amateurfilmchen. Man sieht die Familie ausgelassen beim Kaffeeklatsch oder freut sich mit dem erwachsenen Sohn Leonhard, der am Main lachend ins Boot steigt.

Wer die Stummfilme im Frankfurter Historischen Museum sieht, könnte glatt vergessen, dass zur gleichen Zeit deutsche Soldaten Europa in Schutt und Asche legen, Juden zunächst systematisch verfolgt und dann vernichtet werden.

Ausstellung zeigt Leben in den 1930er und 40er Jahren

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Jan Gerchow über die Gesamtschau "Frankfurt und der NS"

Jan Gerchow
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Es waren Familien wie die Kiefers, die den Nationalsozialisten beim Aufstieg halfen - zunächst durch Wegschauen, dann durch Mitläufertum, später, indem sie zu Tätern wurden. Zu sehen ist all das in gleich drei großen Ausstellungen, mit denen das Historische Museum die NS-Zeit in Frankfurt aufarbeiten will.

"Es geht nicht um ein paar Minister, die etwas entschieden haben", erklärt Museums-Direktor Jan Gerchow. "Es geht um Alltag, es geht um die Arbeitsverhältnisse, um die Familien, um Reisen und Urlaub und auch um Zwang, Unterdrückung, Polizei, Gefängnisse, also das ganze Spektrum des Lebens in den 1930er und 40er Jahren."

Bevölkerung begrüßt NS-Ideologie schon vor 1933

"Eine Stadt macht mit" - hinter diesem harmlos klingenden Ausstellungs-Titel verbirgt sich ein zivilisatorischer Abgrund: Wie ein großer Teil der Bevölkerung der eigentlich weltoffenen, jüdisch geprägten Stadt schon vor der Machtübernahme 1933 die Ideologie der Nationalsozialisten begrüßte.

An 19 typischen urbanen Orten - Straße, Parteibüro, Rathaus, Amt, Zuhause, Lager, Gericht oder Unternehmen - und anhand von 40 Lebensläufen greifen die Ausstellungsmacher die Fragen auf von Mitmachen, Duldung, politischer Untätigkeit, Wegsehen, Profitieren oder blindem Gehorsam und schildern die Konsequenzen für das Leben der Verfolgten.

"Die Geschichte und Ideologie des Nationalsozialismus zu verstehen, um den Versprechen von Rechtspopulisten und Rechtsradikalen zu widerstehen: Das muss auch heute ein Hauptziel von historischer und politischer Bildung sein", sagt Gerchow.

Weg von der "Stadt der Juden und Demokraten"

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"Frankfurt und der NS" in Originaltönen

Ausstellung "Frankfurt und der NS", sw Bild Ostpark
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Auf 900 Quadratmetern präsentiert das Historische Museum Frankfurt eindrucksvoll, wie sich das vor 1933 als liberal und demokratisch geltende Frankfurt entsprechend der NS-Ideologie umstrukturierte.

Mit rund fünf Prozent lag der Anteil der jüdischen Bevölkerungsgruppe in Frankfurt vor 1933 unter den deutschen Großstädten am höchsten. Die Frankfurter Kommunalverwaltung versuchte systematisch, das Image der "Stadt der Juden und Demokraten" durch den neuen Beinamen "Stadt des deutschen Handwerks" zu tilgen.

Dieser Antisemitismus sei auch schon lange vor dem Auftreten der Nationalsozialisten zutage getreten. So habe das Hotel "Kölner Hof" am Hauptbahnhof schon ab 1895 damit geworben, es sei das einzige "judenfreie" Hotel der Stadt.

"Hohe Kontinuität in der Stadtverwaltung"

Ein Ergebnis der Recherche zu der Ausstellung sei zudem, "dass Frankfurt spätestens in den 1920er Jahren, aber auch in der Nachkriegszeit, durch die hohe Kontinuität im Personal der Stadtverwaltung, der Finanzverwaltung, der Justiz, eine ziemlich braune Stadt war", sagt Gerchow.

Und das drückte sich auch bei Wahlen aus: Schon bei den Reichstagswahlen 1929 wählten überproportional viele Frankfurter die NSDAP. Bereits 1927 dominierte der NS-Studentenbund die Frankfurter Goethe-Universität. Deren Rektor war auch der erste einer deutschen Universität, der ab 1933 den Nationalsozialisten angehörte.

"NS war für die Bevölkerung kein Schreckensregime"

"Eine der prägnanten, originellen und wirklich anregenden Thesen der Ausstellung ist, dass der NS für die Bevölkerung nicht nur als Schreckensregime daherkam, sondern auch Angebote gemacht hat, die den Menschen zumindest kurzfristig auch Vergnügen bereitet haben", sagt Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD).

"Wir zeigen, dass es hier besonders viel Profiteure gab, es gab offenbar viel Neid auf das erfolgreiche jüdische Wirtschaftsbürgertum", ergänzt Jan Gerchow.

Ob die Familie Kiefer von der Judenverfolgung profitiert hat, ist derweil nicht überliefert. Nur so viel: Der Sohn wurde irgendwann zu den Gebirgsjägern eingezogen und grüßt in der Ausstellung auf Fotos lächelnd und in Uniform in die Kamera.

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Die NS-Zeit in Frankfurt

"Eine Stadt macht mit" ist eine von drei Ausstellungen zur NS-Zeit in Frankfurt. Das Stadtlabor geht "Auf Spurensuche im Heute": 38 Frankfurter Bürgerinnen und Bürger sich auf die Suche nach Spuren der NS-Zeit in der Gegenwart gemacht. Zu ihren Entdeckungen und Erfahrungen gehören auch die eigene Familiengeschichte.

Das Junge Museum wiederum gibt mit der Ausstellung "Nachgefragt" für Kinder ab zehn Jahren Einblick in das damalige Alltags- und Familienleben. Berichte von Zeitzeugen auf Tablets werden mit der Frage verbunden, was die NS-Zeit mit der heutigen Gesellschaft zu tun hat.

Alle drei Ausstellungen starten am 9. Dezember. Die ersten beiden Ausstellungen dauern bis zum 11. September 2022, die dritte bis zum 23. April 2023. Die NS-Zeit in Frankfurt

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