Porträt

Mit zwei Kinderwagen über die Alpen oder im Hundeschlitten durch Grönland – die Autorin Jana Steingässer bereist mit ihrer Familie Länder, in denen die Folgen des Klimawandels sichtbar sind. Auf die Idee zu ihrem Kinderbuch "Paulas Reise" brachte sie Familienhuhn Emma.

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Es geht steil den Berg hoch, wenn man die Steingässers in Malchen besuchen will. Das sonnengelbe Haus liegt an den Abhängen des Odenwalds. Praktisch für eine Familie, die mit ihren Pferden oft durch den Wald reitet. Gut auch, dass alle reiten können, sonst hätte das mit der Reittour durch Albanien nicht geklappt. Das ist eine der Reisen, die Jana Steingässer mit ihrem Mann und den vier Kindern in den vergangenen sieben Jahren unternommen hat. Die Familie reist in Regionen der Welt, die der Klimaveränderung am stärksten ausgesetzt sind.

Familie auf Packeis

Aus ihren Erlebnissen ist das Kinderbuch "Paulas Reise" entstanden. Die Geschichten werden aus Sicht ihrer ältesten Tochter Paula geschildert. Zusätzlich zum Reisebericht erklärt Steingässer in Info-Kästen Wissenswertes zu Klimawandel, biologischer und kultureller Vielfalt, Nahrungsmittelsicherheit, Wasserversorgung und vielem mehr.

Auch Familien-Zwerghuhn Emma kommt zu Wort. Denn als Emma in einem außergewöhnlich warmen Dezember ihr erstes Ei legt, löst das bei den Kindern Fragen aus. Was macht der Klimawandel mit den Tieren und auch mit uns Menschen?

Nikolaus, Osterhase und die hungernden Kinder

Die jüngste Tochter, Frieda, ist zwei Jahre alt, als es mitten im Winter nach Grönland geht. Mit Rollkoffern und Plüscheisbär übers Packeis, mit Hundeschlitten in den menschenleeren Osten der Insel. Dahin, wo in dem kleinen Supermarkt Nikoläuse und Osterhasen gleichzeitig verkauft werden, weil das Versorgungsschiff nur im Sommer vorbeikommt. Wo die Toilette aus einem Eimer besteht und das Trinkwasser aus einem beheizten Tank in der Dorfmitte geholt wird. Und wo das Meereis und die Gletscher so rasant schmelzen.

Kinder mit Rollkoffer und Plüscheisbär in Grönland

Das hat unmittelbare Folgen: "Meine Kinder haben gesehen, dass es viele Kinder gibt, die manchmal wochenlang hungrig sind, weil die Eltern noch auf erfolgreiche Jagd angewiesen sind", erzählt Steingässer. Und wenn das Meereis nicht mehr trägt, können die meisten auch nicht mehr jagen. Alles im Supermarkt einkaufen, dafür reicht das Geld nicht.

Diese Zusammenhänge zu erkennen, wie sich Klima auf den Alltag der Menschen auswirken kann, sei ein Augenöffner gewesen. "Vor allem für Paula, unsere Älteste, die damals zwölf Jahre alt war", erinnert sich Steingässer.

Der Baum, der mit seinen Ästen wirft

In Südafrika erlebt die Familie, dass die anhaltende Dürre katastrophale Folgen für die Landwirtschaft hat. Die Ernte vertrocknet, Bauern müssen ihre Ziegenherden verkleinern, weil das Wasser nicht reicht. So erzielen sie immer weniger Einkommen.

Familie Steingässer in Südafrika bei den Köcherbäumen

Auch der Überlebenskünstler der Region, der Köcherbaum, der bei Trockenheit einfach Äste abwirft, kann dem Wassermangel nichts mehr entgegensetzen. Viele dieser hartgesottenen Bäume sterben ab.

Schichttorte aus Plastik

Dann die Reise nach Albanien: Nach einem anstrengenden Ritt durch die zerklüftete Berglandschaft gelangt die Familie an ihr Ziel, den Fluss Vjosa. Die Vjosa ist einer der wenigen größeren naturbelassenen Flüsse Europas. "Wir waren schockiert", schildert Steingässer ihre Eindrücke. Die Uferböschung sei wie eine tausendfache Schichttorte aus Plastik und Erde.

Fluß mit angeschwemmten Plastik

An der Mündung fließen schließlich Tränen. "Wir haben diesen Fluss begleitet von der Quelle bis zur Mündung, 270 Kilometer. Und man kommt dahin und es ist einfach nur eine ekelhafte, kniehohe Müllhalde." So etwas setze dann auch den Kindern zu.

Pizza und dicke Blasen

Als härteste Tour von allen ist Jana Steingässer die Überquerung der Alpen in Erinnerung. Zu Fuß, mit zwei Kinderwagen, Gepäck auf dem Rücken und ziemlich viel Blasenpflaster. Die Tour bezeichnet die Autorin im Nachhinein selbst als "Harakiri und bescheuert". Mittendrin gibt es aber kein Zurück. Vater Jens ködert die Kinder mit einem leckeren Pizzaessen in Italien, als die nicht mehr weiter wollen.

Mann schiebt Kinderwagen auf Alpenpfad

Erkenntnis: Die Kinder können sehen, wie weit der Rhône-Gletscher schon abgeschmolzen ist. Und je kleiner die Alpengletscher werden, desto weniger Schmelzwasser steht der Landwirtschaft unten in den Tälern zur Verfügung.

Familie zieht Konsequenzen

Aus ihren Reise-Erfahrungen zieht die Familie Konsequenzen. Auch wenn großflächige Lösungen gefragt seien, gehe es schon im Kleinen darum, den ökologischen Fußabdruck zu verringern. Ihr Auto haben die Steingässers abgeschafft, sie verzichten so gut es geht auf Plastikverpackungen, das Haus wird nur bis 19 Grad geheizt.

Das Buch "Paulas Reise" ist nach dem "Cradle-to-Cradle"-Prinzip hergestellt, umweltschonend gedruckt und biologisch abbaubar. Urlaubsreisen mit dem Flugzeug sind gestrichen, die meisten Wege werden mit dem Lastenfahrrad zurückgelegt und in ihrer Heimatgemeinde haben sie eine Car-Sharing-Station organisiert.

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zum hr-fernsehen.de Video Klimafreundlich leben – ein Familienexperiment

Familie Steingässer von links nach rechts: Frieda, Jens (Vater), Mio,Hannah (auf dem Schoß), Paula und Jana (Mutter)
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Mit vier Kindern eine große Herausforderung. Aber mit guter Planung durchaus machbar. Manchmal erhält die Familie Gegenwind. Wenn Nachbarn zurückhaltend-skeptisch auf ihre Projekte schauen, dann können sie das gut verkraften. "Es gibt aber auch Beschimpfungen bis hin zu Droh-Briefen", schildert Steingässer. Die kämen aus dem Klimaleugnerumfeld und dort angesiedelten Institutionen. Davon will sich die Familie jedoch nicht einschüchtern lassen.