Electra Pain

Normalerweise steht die Frankfurter Dragqueen Electra Pain regelmäßig auf der Bühne, in der Corona-Zeit wurde sie zum TikTok-Star. Ihre Botschaft verbreitet sie dort gleichermaßen.

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zum hr-fernsehen.de Video Gegen Mobbing, für mehr Vielfalt – Drag Queen Electra Pain

maintower vom 27.04.2021
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Ein Showkleid in Regenbogenfarben, Corsagenkleider mit bunten Haaren oder Paillettenbesatz, ein Leopardenbody. Weiße, pinke und silberne High Heels, Styroporköpfe mit gelben und lila Perücken, kistenweise Accessoires, ein überdimensionaler Schminktisch.

Wir sind in der 30-Quadratmeter-Wohnung der Frankfurter Dragqueen Electra Pain. Ihre Accessoires braucht sie normalerweise, wenn sie in Bars, Clubs oder Theatern auftritt. Wegen Corona ist das momentan nicht möglich, also "entsteht der Zauber", wie Electra sagt, zwischen einem lila Glitzervorhang und einer Handyhalterung mit LED-Ringlicht.

Lebensberatung mit Glitzer-Telefon

Hier produziert Electra Videos für ihre wachsende Fangemeinde auf TikTok, wo sie inzwischen fast 230.000 Followerinnen und Follower hat. Mal postet sie Schminktipps, mal beantwortet sie Fragen rund um Liebe, Outing und LGBT. "Electras Glitzerfon" hat sie das Format genannt, denn sie spricht in einen überdimensionalen, mit Strasssteinen besetzen Telefonhörer.

Viele ihrer Fans sind Kinder, weiß sie. "Mir macht es Spaß, ihnen zu helfen", und wenn es mal ein ernsthaftes Problem ist, leitet sie sie auch an entsprechende Beratungsstellen weiter: "Ich bin ja keine ausgebildete Psychologin. Aber ich bin empathisch, habe ein großes Herz und habe selbst schon einiges im Leben erlebt."

"Ich war sehr zurückgezogen"

Aufgewachsen ist Electra nämlich als Daniel auf dem Land in der Nähe von Fulda. Schon als Kind habe sie gerne zu Britney Spears oder DJ Bobo getanzt, die Bewegungen aber als "zu weiblich" empfunden und deswegen selbst vor den Eltern die Türen verschlossen.

"Es war eine schwierige Zeit", erzählt sie. "Ich war sehr zurückgezogen und hatte wenig Freunde, auch in der Schule. Ich hatte Angst, dass jemand rausfindet, dass ich schwul bin, dass mich dann keiner mehr leiden kann oder ich im schlimmsten Fall gehasst werde."

Umzug nach Frankfurt als Befreiung

Irgendwann habe sie sich dann vor ihren Eltern und vor einer Freundin geoutet - eine große Erleichterung, denn ihre Eltern stehen vorbehaltlos hinter ihr. "Sie sind glücklich, wenn ich glücklich bin", sagt Electra. "Sie sind wirklich eine große Unterstützung und waren auch schon oft bei meinen Shows."

Eine Art Befreiung war dann der Umzug nach Frankfurt vor acht Jahren. "Ich war viel in der LGBT-Szene unterwegs, hier konnte ich einfach so sein, wie ich bin. Das hat mich mit den Jahren immer mehr gestärkt", erzählt sie.

Bis zu drei Stunden fürs perfekte Outfit

Electra Pain

Dass sie als Dragqueen auftreten wollte, habe sich "so entwickelt", sagt sie. Sie habe andere Dragqueens gesehen, "wie sie getanzt haben, wie bunt es war, da dachte ich: Das ist irgendwie geil!" Anfangs sei sie von einer Freundin geschminkt worden, inzwischen investiert sie auch mal bis zu drei Stunden ins perfekte Outfit.

Viele ihrer aufwändigen Kleider wurde in Amerika handgefertigt, denn "ab einem gewissen Level an Drag muss man es schon schneidern lassen. In den Kaufhäusern gibt es nicht allzu ausgefallene Sachen", erklärt Electra. Anfangs konnte sie sich das noch nicht leisten, da habe sie noch selbst Steine auf Kleider geklebt.

Gehalt von Daniel für Electra gebraucht

Das Gehalt von Daniel, der tagsüber als Büroangestellter arbeitet, habe sie voll in Electra gesteckt "und immer wieder Geld draufgelegt", sagt sie. Inzwischen finanziere sie sich selbst, auch über Werbevideos etwa für Streamingdienste.

Die Auftritte hätten sie erst eine ziemliche Überwindung gekostet, erzählt sie. Denn Daniel sei eher schüchtern und zurückhaltend, Electra dagegen selbstbewusster: "Da haue ich auch mal einen Spruch raus. Es ist ein ganz anderes Feeling. Da bin ich die Rampensau, will auf die Bühne, will gesehen werden. Daniel ist das Gegenteil, schon ein großer Kontrast. Ich bin ja auch Zwilling - wie zwei Personen, die in mir stecken."

"Sichtbarkeit ist Schlüssel zu Akzeptanz"

Electra gebe ihr aber nicht nur die Möglichkeit, ihre Leidenschaft auszuleben, in eine andere, opulente Welt mit Show und Tanz abzutauchen. "Sie gibt mir auch eine Stimme." Denn sie setzt sich auch für die LGBT-Community ein. Ihr Leitspruch: "Sichtbarkeit und Aufklärung sind der Schlüssel zur Akzeptanz."

"Wenn wir uns zeigen, sichtbar sind, wenn die Leute sehen, dass es normal ist, dass es uns gibt, auch im Alltag, dass es cool ist, wenn ein schwules oder ein lesbisches Pärchen Händchen hält, dass LGBT einfach Realität ist, dass wir uns das nicht ausgesucht haben, dann wird es hoffentlich weniger Hate geben", hofft Electra, die in einer Beziehung mit einem Mann lebt.

Trotz virtuellem Erfolg - die Bühne fehlt

Hass gebe es momentan wieder viel, findet Electra. "Je mehr Rechte wir bekommen, desto stärker lehnt sich die Gegenseite auf, wie man an den Angriffen auf ein schwules Pärchen in Dresden oder vor kurzem auf der Zeil gesehen hat." Auch sie habe inzwischen Angst, nachts allein auf die Straße zu gehen und fahre lieber Taxi, sagt Electra. Das sei vor fünf Jahren noch anders gewesen.

Electra werde sie aber nie aufgeben, betont sie: "Electra stirbt niemals, da kann sonst etwas passieren, dann werde ich eben noch stärker kämpfen." Der Zuspruch aus ihrer "Bubble" treibe sie an, sagt sie. Was ihr derzeit wahnsinnig fehle, seien ihre Auftritte: "Lob und Likes sind nicht dasselbe", schmunzelt sie. "Ich freue mich, wenn es wieder auf die Bühne geht."

Sendung: hr-fernsehen, maintower, 27.04.2021, 18 Uhr