Frau in Wikingerkleidung in ihrer Kücher mit Büchern

Was anfangs als "unprofessionelle" Literatur belächelt wurde, mausert sich zur ernst zu nehmenden Konkurrenz für Verlage. Eine Fantasy-Autorin aus Mittelhessen veröffentlicht sogar lieber im Alleingang - mit Erfolg.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Früher belächelt - heute erfolgreich: Selfpublishing-Autoren

Mira Valentin
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Es geht um leidenschaftliche Wikinger, magische Einhörner oder übernatürlich begabte Teenager. Mira Valentins Fantasygeschichten entstehen in ihrem gemütlichen Schwedenhaus in Dautphetal (Marburg-Biedenkopf). Von dort gelangen sie fast ohne Umwege zu den Lesern: Valentin veröffentlicht ihre Bücher ohne Verlag. Sie ist eine sogenannte Selfpublisherin.

Und das mit Erfolg: Valentin hat nach eigenen Angaben bereits rund 300.000 E-Books verkauft. Allein von ihrer Reihe über das sagenhafte Land Enyador habe sie rund 25.000 Taschenbücher verkauft. Auch über Preise darf sich die Mittelhessin freuen: Erst kürzlich wurde sie mit dem Fantasy-Genrepreis "Seraph" ausgezeichnet.

Verlagswelt bewusst hinter sich gelassen

Anfangs wurde Selfpublishing noch als Spielwiese für Hobbyschreiber belächelt. Als höchstes Ziel aufstrebender Autoren galt, von einem renommierten Verlag entdeckt zu werden. Die Krimiautorin Nele Neuhaus (Taunus-Krimi-Reihe) oder die amerikanische Bestsellerautorin E. L. James ("50 Shades of Grey") machten es vor: Ihre ersten Bücher veröffentlichten sie auf eigene Faust, bis sie von großen Verlagen unter Vertrag genommen wurden.

Mira Valentins Weg führte allerdings genau in die andere Richtung: Ihr erstes Buch erschien 2015 noch im bekannten Carlsen Verlag. Doch nach einigen Jahren ließ Valentin die Verlagswelt hinter sich - und zwar ganz bewusst.

"Ich verdiene dadurch mehr an meinen Büchern und ich habe viel mehr Freiheiten", erklärt sie. Valentin schätzt vor allem die Kontrolle, die sie so über das Endprodukt hat. "Zum Beispiel über das Cover und den Klappentext entscheidet in der Regel der Verlag - und das kann auch mal für Unmut bei Autoren sorgen." Auch inhaltlich setze ein Verlag manchmal die Schere an: "Es werden dann zum Beispiel Stellen gekürzt oder geglättet, die nicht ins Profil passen."

"Das sind die, die keiner wollte"

Valentin kennt die Vorurteile über Selfpublisher: Das sind die, die keiner wollte, zum Beispiel. "Als ich vor einigen Jahren angefangen hat, haben die Verlage noch auf die Selfpublisher herabgesehen." Zwar gebe es auf dem Markt noch immer viele Bücher, die tatsächlich voller Rechtschreibfehler oder inhaltlicher Mängel sind. "Das ist für Leser dann natürlich enttäuschend."

Dennoch betont sie: "Es gibt inzwischen ganz viele erfolgreiche Selfpublisher wie mich, die extrem auf die Qualität achten." Ihr Ziel sei: Das Buch solle am Ende genauso hochwertig aussehen wie ein Verlagsbuch. "Selfpublishing bedeutet nicht, dass ich alles alleine mache." Valentin arbeitet mit professionellen Grafikern, Lektoren, Korrekturlesern und Buchsetzern zusammen. Mehrere tausend Euro müsse sie in jedes Buch investieren, sagt sie.

"Verkauft sich das Buch dann, habe ich es gut gemacht. Wenn nicht, ist es mein eigener Fehler gewesen - aber mit dem kann ich dann leben." Für sie führt momentan kein Weg zurück in die Verlagswelt. Immer wieder bekomme sie Angebote von Verlagen, diese schlage sie aber dankend aus, so Valentin.

Autoren können mehr verdienen

Im Gegensatz zu Verlagsbüchern haben Selfpublishing-Bücher keine festgelegte Druckauflage. Jedes einzelne Buch wird bei der Bestellung extra für den Kunden gedruckt. Weil das Kosten spart, ist die Gewinnmarge für die Autoren deutlich höher. Besonders bei E-Books können sie mehr verdienen. Im lokalen Buchhandel findet man diese Bücher allerdings nur selten, zentral sind Onlineplattformen.

Auch Matthias Matting ist Selfpublisher, einer der ersten Stunde. Er schreibt Science-Fiction-Romane und hat zudem den Selfpublisher-Verband in Frankfurt gegründet. In den letzten Jahren habe sich viel getan, sagt Matting. "Die Frage, ob man es denn nicht zu einem Verlag geschafft hätte, kommt nur noch sehr selten." Das liege auch daran, dass immer mehr Selfpublisher den Sprung auf die regulären Bestsellerlisten schaffen würden.

"In zehn Jahren wird Selfpublishing ganz normal sein"

Auch Matting beobachtet eine zunehmende Professionalisierung vieler Autoren. Über den Erfolg entscheide letztlich, ob das Buch gut geschrieben und produziert ist - und ob der Autor genügend Zeit ins Marketing investiert. "Da muss man am Anfang etwa genau so viel Zeit reinstecken wie ins Schreiben."

Erfolgreiche Bücher gebe es inzwischen viele: neben Romanen aller Genres auch Sachbücher wie Reiseführer oder Kochbücher. "Den Leser interessiert letztlich nicht, ob ein Buch mit oder ohne Verlag erschienen ist", sagt Matting. Er geht davon aus, dass man in zehn Jahren nicht mehr über das Selfpublishing sprechen wird - so wie man heute auch nicht explizit über das Verlagsautorentum spreche. "Das wird einfach ganz normal sein."

So reagiert der Buchhandel

Auch Thomas Koch vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels stellt fest, dass immer mehr Autoren den Eigenverlag als "gangbaren Weg der eigenen Buchveröffentlichung" sehen. Genaue Zahlen über die Anzahl der selbst veröffentlichten Bücher oder Selfpublishing-Autoren gebe es keine. "Wirklich erfolgreich ist derzeit noch ein relativ kleiner Anteil", sagt Koch. Es sei für viele ein "Sprungbrett in die Öffentlichkeit".

Koch erklärt, dass auch die Verlagswelt auf den wachsenden Selfpublishing-Markt reagiert. So seien in jüngster Zeit Mischformen aus Verlags- und Self-Publishing entwickelt worden. Große Verlagshäuser hätten eigene Plattformen für Selfpublisher gegründet, etwa um neue Autoren zu entdecken oder mit etablierten Selfpublishern zusammenzuarbeiten.

Der Börsenverein geht davon aus, dass Verlage weiterhin die zentralen Ansprechpartner für die meisten Autoren bleiben werden. Koch sagt: "Verlage nehmen gerade wegen der wachsenden Informationsflut heute eine immer wichtiger werdende Aufgabe wahr: die qualitative Kuratierung von hochwertigen Inhalten."

Sendung: hr2-kultur, 13.10.2020, 6.50 Uhr