Gide Niedringhaus vor dem Bild ihrer berühmten Schwester.

Vor fünf Jahren wurde die Fotografin Anja Niedringhaus in Afghanistan erschossen. In ihrem Heimatort Kaufungen wird die Erinnerung wach gehalten. Ein Besuch bei ihrer jüngeren Schwester.

Videobeitrag

Video

zum Video Gedenken an Kriegsfotografin Niedringhaus

hs
Ende des Videobeitrags

Vor fünf Jahren - am 4. April 2014 - wurde die Fotografin Anja Niedringhaus in Afghanistan erschossen. Erstmals zeigt eine große Retrospektive nicht nur ihre Bilder aus den Kriegsgebieten der Welt, sondern auch ihre Sport- und Porträtfotografie. Wir haben ihre Schwester in Oberkaufungen (Kassel) besucht - dort hatte Anja Niedringhaus ihr Zuhause. Es war ein Ruhepol im Alltag zwischen ihren Reisen in Krisenregionen.

Eine graue Fototasche steht offen, darin eine ihrer Kameras - wie gerade erst abgestellt neben ihrem Schreibtisch. Im Arbeitszimmer in der ersten Etage des alten Forstamtes in Oberkaufungen ist es so, als käme Anja Niedringhaus gleich wieder. Alles genau so, wie sie es zurückgelassen hatte. "Für mich schwebt hier noch ihre Seele", sagt ihre Schwester Gide. "Dadurch, dass hier alles noch so ist, so liebevoll eingerichtet und mit all den Mitbringseln aus ihren Einsätzen, dadurch lebt sie für mich weiter."

Archivfoto der Fotojournalistin Anja Niedringhaus.

Der 4. April 2014: Anja Niedringhaus ist unterwegs in Afghanistan, um von den Präsidentschaftswahlen zu berichten. Im Dorf Banda Khel, in der Provinz Chost nahe der pakistanischen Grenze, will sie Menschen bei der Stimmabgabe fotografieren. An einem Checkpoint wartet sie in einem Auto auf die Weiterfahrt, als ein afghanischer Polizist an ihr Fahrzeug herantritt und aus seiner Kalaschnikow 27 Schüsse abfeuert. Die Fotografin der Nachrichtenagentur Associated Press (AP) ist sofort tot.

Kaufungen als Basis für Reisen in die Welt

"Dann kam die Nachricht, und ich wollte es nicht wahr haben. Ja, es war einfach furchtbar. Und ich dachte, 'Wie geht’s weiter? Wie kann es weitergehen?' Ich konnte es nicht fassen, einfach nicht realisieren." Gide Niedringhaus hat die meiste Zeit ihres Lebens mit ihrer eineinhalb Jahre älteren Schwester zusammen gelebt. Gemeinsam verbrachten sie Kindheit und Jugend in ihrem Geburtsort Höxter. Später entschlossen sie sich, gemeinsam zu wohnen: Erst in Niestetal auf Gut Ellenbach und schließlich in Oberkaufungen im alten Forstamt, das sie gemeinsam renovierten.

Von hier aus zog die Fotografin immer wieder los, um aus Kriegsgebieten, von Ereignissen der Weltpolitik und den großen Sportereignissen zu berichten. Sechs bis acht Monate im Jahr war sie dafür unterwegs. Eine eigene Familie gründete sie nicht. Dafür lebte sie mit der Familie ihrer Schwester und deren drei Kindern einen normalen Alltag, weit weg vom Grauen der Kriege. Ins alte Forstamt in Oberkaufungen konnte sie sich zurückziehen, zur Ruhe kommen und Kraft tanken.

"Der große Schock, der ist vorüber. Aber die Leere ist geblieben", sagt Gide Niedringhaus. "Und eine gewisse Einsamkeit natürlich auch, nachdem wir so viele Jahre zusammen gelebt haben, die ist geblieben." Vor gut einem halben Jahr hat Gide Niedringhaus begonnen, sich intensiver mit dem Nachlass ihrer Schwester zu beschäftigen, hat mitgeholfen, ihre erste große Retrospektive vorzubereiten. Die Ausstellung "Bilderkriegerin" zeigt im Käthe Kollwitz Museum in Köln erstmals auch Sport- und Portraitfotografien ihrer Schwester.

Eindrückliche Fotos mit enormer Bandbreite

Diese Ausstellung hat Sonya Winterberg gestaltet. Die Kuratorin schreibt derzeit auch an einer Biografie der Fotografin. In ihrem Werk sieht sie die menschliche Natur in all ihren Facetten auf einzigartige Weise in den Blick genommen: "Die Verzweiflung, der Kampf - ja, auch der Krieg - aber in den Sportfotografien auch der Wettkampf und zarte Momente: Es ist alles da. So wie wir leben. Das zeigt uns Anja Niedringhaus auf eine ganz eindrückliche Art und Weise.“

In einer Vitrine der Kölner Ausstellung sind die Titelseiten der New York Times vom 4. und 5. April 2014 zu sehen. Die eine zeigt ein überdimensionales Bild des damaligen afghanischen Präsidenten Hamid Karzai gegen einen strahlenden blauen Himmel mit weißen Wolken, fotografiert von Anja Niedringhaus. Die andere ein Portraitbild der Fotografin selbst und darunter die Nachricht von ihrem Tod. Neben den Titelseiten liegt ein Kameragehäuse, zerstört durch einen Einschuss.

Weggefährtin Gannon überlebte das Attentat

Lange betrachtet Kathy Gannon diese Ausstellungsstücke. Die AP-Korrespondentin hatte neben Anja Niedringhaus im Auto gesessen an jenem 4. April vor fünf Jahren. Getroffen von sieben Schüssen überlebte sie das Attentat. 18 Operationen hat sie überstehen müssen. Aus Pakistan ist sie nach Köln gekommen ins Käthe Kollwitz Museum, um die Retrospektive zu sehen.

Bildergalerie

Bildergalerie

zur Bildergalerie Ein Blick in das Leben von Anja Niedringhaus

Ende der Bildergalerie

In Gedanken versunken bleibt sie stehen vor dem Bild eines afghanischen Nomaden, der seine kleine Tochter küsst, die er auf dem Arm hält. "Anja konnte diese Momente sehen, weil sie ein so großer Herz hatte. Und sie sah hinein in die Herzen der Menschen. Für mich war und ist es das, was ihre Fotografie so kraftvoll macht und so beeindruckend."

Wie ihre Schwester die Welt sah, möchte Gide Niedringhaus bewahren und zugänglich machen. Noch aber konnte sie sich mit ihrer älteren Schwester und ihrer Mutter nicht einigen, wie die Familie mit dem Nachlass der Fotografin weiter umgehen wird. Das Archiv reicht weit zurück bis in ihre Schul- und Studienzeit. Hier findet sich auch eine Serie von Schwarz-Weiß-Bildern, Arbeiterinnen in einer Kautabak-Manufaktur in Witzenhausen. Auch damals schon hatte Anja Niedringhaus die Menschen fest im Blick.

Buchcover: Hannelore Fischer "Anja Niedringhaus. Bilderkriegerin"
Weitere Informationen

Das Buch zur Ausstellung "Bilderkriegerin"

"Bilderkriegerin“ heißt die Ausstellung, die bis 30. Juni im Käthe-Kollwitz-Museum in Köln zu sehen ist. Zur Schau ist ein Katalog erschienen, der gleichzeitig ein Buch über Leben und Werk der Fotografin Anja Niedringhaus ist. Der Titel versammelt nicht nur mehr als hundert ihrer Fotografien, er umspannt ihr Werk von den vielfach ausgezeichneten Bildern aus Kriegs- und Krisenregionen, über ihre außerordentlichen Sportfotos bis hin zu ihren Portraitfotografien. "Bilderkriegerin" zeigt die vielen Facetten von Anja Niedringhaus, die sich nie nur als "Kriegsfotografin" verstanden wissen wollte. Sie war vor allem eine Fotografin, die zu jeder Zeit um das bestmögliche Bild kämpfte.

Ende der weiteren Informationen