Valentin Senger
Valentin Senger (Foto vom 18.5.1995) Bild © picture-alliance/dpa

Es ist eine unglaubliche Geschichte: Die jüdische Familie Senger überlebte als einzige unentdeckt die Nazi-Herrschaft mitten in Frankfurt. Valentin Senger beschreibt die Zeit in seinem Buch "Kaiserhofstraße 12". Er wäre am Freitag 100 Jahre alt geworden.

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Frankfurter Schriftsteller Valentin Senger, aufgenommen an der Kaiserhofstraße in Frankfurt am Main.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Valentin Senger und seine unglaubliche Geschichte

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Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, da lebte Familie Senger schon Jahre im Herzen Frankfurts: in der Kaiserhofstraße, einer Seitenstraße der Großen Bockenheimer Straße, im Volksmund auch "Fressgass" genannt. Dass die Familie jüdisch war, wussten die meisten ihrer Nachbarn. Ein Polizeibeamter riskierte für die Familie sein eigenes Leben: Er strich die jüdische Religionszugehörigkeit aus ihren Papieren und trug die Familie nicht in die von den Nazis verlangte "Judenliste" ein. Mit falschen Papieren und unter falschem Namen konnte die Familie zwar weiter in der Kaiserhofstraße leben, sie war aber ständig in der Angst, entdeckt zu werden.

Rückblickend war es für Valentin Senger so unglaublich, die Nazi-Zeit und den Holocaust als einzige jüdische Familie mitten in Frankfurt überlebt zu haben, dass er seine Geschichte lange Zeit nicht aufschreiben konnte. Erst 1978 erschien sein Buch "Kaiserhofstraße 12".

Staatsbürgerschaft verweigert

Darin schildert er vieles, woran sich nicht-jüdische Frankfurter nach 1945 nicht mehr erinnern wollten: zum Beispiel, wie die Synagoge am Börneplatz angezündet wurde und niederbrannte. "Es ist merkwürdig, dass ich später kaum noch jemand getroffen habe, der sich jemals überhaupt daran erinnern konnte, dass in der Kristallnacht Juden Unrecht geschehen ist", erzählte der Autor in einem Interview.

Valentin Senger war nach der Befreiung, wie seine Eltern schon, in der Kommunistischen Partei aktiv, bis er sich in den 50er-Jahren von ihr abwandte. Doch seine kommunistische Vergangenheit war für die Behörden der Grund, dem staatentlosen Senger und seinen Kindern bis in die 1980er-Jahre die deutsche Staatsbürgerschaft zu verweigern. Erst nach Erscheinen seines Buchs wurde dem am 28. Dezember 1918 in Frankfurt geborenen Senger der deutsche Pass angeboten.

Gefragter Zeitzeuge

Valentin Senger mit Schwester Paula
Valentin Senger mit Schwester Paula (links) und der Freundin Mimi Mahr bei einer Wanderung im Taunus im Jahre 1937. Bild © picture-alliance/dpa

Eigentlich war Senger Journalist, als Reporter und Wirtschaftsredakteur war er beim hr-fernsehen tätig. Doch die Bücher über sein Leben und Überleben haben ihn zu einem gefragten Zeitzeugen gemacht, der auch manchen Mythos über das liberale Frankfurt in Frage stellte. So sei die Bevölkerung der Stadt bis 1933 durchaus judenfreundlich gewesen, sagte Senger: "In welch kurzer Zeit man die Bevölkerung zu einem judenfeindlichen Verhalten erziehen, dressieren oder verführen kann, das ist so unglaublich."

Gegen Ende seines Lebens musste Valentin Senger auch neuen Antisemitismus fürchten: Lesungen mit ihm fanden zum Teil unter Polizeischutz statt. Wenn die Verfilmung seiner Lebensgeschichte im Fernsehen lief, erhielt er nächtliche Anrufe mit Drohungen und Beschimpfungen. Vor allem die Reaktion der Gesellschaft darauf, nämlich antisemitische Verhaltensweisen zu verharmlosen, machte Valentin Senger Angst. "Die Verharmlosung, das ist die Gefahr, die ich empfinde", betonte er einmal.

Erinnerung an mutigen Polizeimeister

Valentin Senger starb 1997. Heute sind in Frankfurt eine Straße und eine Schule nach ihm benannt. Und eine Straße hinter dem Frankfurter Polizeipräsidium erinnert an den mutigen Polizeimeister Kaspar, der die jüdische Familie Senger in der Nazi-Zeit nicht verraten hatte.