Der Club der toten Dichter bei den Bad Hersfelder Festspielen

Die große Kultur feiert ein Comeback auf der Bühne der Bad Hersfelder Festspiele. Den Auftakt machte eine erstmals gezeigte Adaption des Hollywood-Films "Der Club der toten Dichter" - gekonnt, aber ohne große Überraschungseffekte.

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Endlich wieder großes Theater in Bad Hersfeld. Nach der Corona-Pause hat sich das renommierte Freilicht-Theaterfestival am Donnerstagabend mit einem vom Publikum gefeierten Saisonauftakt zurückgemeldet. Die Freude darüber, dass die im Vorjahr wegen der Pandemie ausgefallene 70. Jubiläumssaison nun endlich über die Bühne gehen konnte, war dem Festspiel-Team sowie den Premierengästen und Auftaktrednern deutlich anzumerken.

"Der Ausfall der Festspiele im letzten Jahr war ein schwerer Verlust für unsere Stadt: wirtschaftlich, kulturell und gesellschaftlich", sagte Bürgermeister Thomas Fehling (parteilos). Umso größer war bei den Machern um Intendant Joern Hinkel nun die Erleichterung. "Dass wir überhaupt spielen können, das ist die eigentliche Sensation", sagte er vor rund 600 Zuschauerinnen und Zuschauern in der wegen des Abstands- und Hygienekonzepts nur halbgefüllten Stiftsruine. "Wir wollen ein leuchtendes Zeichen für die Kultur setzen", so Hinkel.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Auftakt der Bad Hersfelder Festspiele mit "Der Club der toten Dichter"

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Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU), der ebenso wie Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) zu den Auftaktgästen zählte, lobte daher auch den Wagemut der Festspiel-Macher und der Stadt als Veranstalter, die sich in dieser Saison umso mehr wegen fehlender Zuschauer-Einnahmen die Festspiele einiges kosten lassen wird. "Kultur ist nicht das Sahnehäubchen, was wir noch machen, wenn uns sonst gar nichts mehr einfällt", betonte Bouffier die Bedeutung der Branche.

Gesicherte Rechte ein großer Erfolg

Der erste Erfolg für diese Saison gelang Intendant Hinkel lange bevor sie am Donnerstagabend bei nass-kaltem, wenig sommerlichem Wetter eröffnet wurde. Denn er sicherte sich die begehrten Rechte für die Aufführung des Stücks "Der Club der toten Dichter", das nun erstmals auf einer Bühne in Europa gezeigt wird.

Götz Schubert als Lehrer Keating im Stück "Der Club der toten Dichter" bei den Bad Hersfelder Festspielen

Hinkel brachte als Regisseur den oscar-prämierten Hollywood-Film mit einer gelungenen Premiere gekonnt auf die Bühne. Doch die Hersfelder Fassung orientiert sich nah am Film-Vorbild. Wer 30 Jahre nach dem Kino-Hit auf eine Modernisierung oder Neuinterpretation gehofft hatte, wurde nicht bedient. Überraschungseffekte waren Mangelware. Und so wurde es eine souveräne Erstaufführung, der aber Glanz fehlte, um sich auch noch in Jahren daran zu erinnern.

"Original ist die beste Geschichte"

Hinkel hatte im Vorfeld überlegt, frischen Wind in die um 1960 spielende Geschichte zu bringen. Etwa mit Mädchen in den Klassen der konservativen Elite-Schule. Computer, Internet oder anderen Einflüssen der Neuzeit. "Mir scheint das Original immer noch die beste Geschichte", befand und begründete der Intendant, der wegen Rechtefragen aber auch nicht komplette Gestaltungsfreiheit besitzt.

Daher passte Hinkel die Filmszenen an die Theater-Gegebenheiten an, bündelte Handlungsstränge und wechselte geschickt und stimmig auf kleinem Raum die Handlungsorte. Er musste noch nicht mal die gewaltige Bühnen-Größe in der weitläufigen Stiftsruine ausnutzen.

Wer sich also zurückversetzen wollte ins Setting der Geschichte und den Film-Erfolg mit Robin Williams in der Hauptrolle, der konnte in einer kurzweiligen Fassung in Nostalgie schwelgen. Die Schlüsselszenen wurden gut herausgearbeitet. Hier und da gestalteten sie sich auch anders als im Film; etwa, als sich einer der Schüler mit einer Pistole das Leben nimmt.

Gute Wahl bei der Hauptrolle mit Götz Schubert

In der Schlüsselfigur zu sehen, ist der bekannte Fernseh- und Theaterschaupieler Götz Schubert als John Keating - eine gute Wahl. Schubert überzeugte mit glaubwürdiger Darstellung als unorthodoxer Freigeist und einfühlsamer Pädagoge. Der erobert mit ungewöhnlichen Lehrmethoden die Herzen seiner Schüler und bringt die Schulleitung (mit einem prägnantem Hannes Hellmann) gegen sich auf.

Götz Schubert als Lehrer Keating im Stück "Der Club der toten Dichter" bei den Bad Hersfelder Festspielen

Wie zum Beweis für seine Methoden animiert der Lehrer seine Schüler, Lehrbuchseiten mit untauglichen Zeilen herauszureißen. Oder er steigt auf einen Tisch, um eine andere Perspektive auf die Welt zu gewinnen. Seine Schüler danken es es ihm - in Bad Hersfeld mit viel Spielfreude und jugendlicher Energie.

Einer von ihnen hat ein Heimspiel: Simon Stache, der den verliebten Schüler Knox Overstreet spielen darf. Stache wuchs in Bad Hersfeld auf und kennt die Festspiele seit der Kindheit. "Jetzt dort einen Platz einzunehmen, ist ein besonderer Moment."

Er ist auch einer der Schüler, die die Botschaft des Stücks vermittelt bekommen: freies und kreatives Denken einsetzen, althergebrachte gesellschaftliche Normen und Autoritäten hinterfragen und seinen eigenen Verstand benutzen.

Kritik an stupidem Wissen im Schulsystem

Theater-Macher Hinkel weist auf die zeitlose Relevanz des Stücks hin. Er macht Kritikpunkte in der heutigen Bildungslandschaft aus: "Wir haben teilweise immer noch ein sehr veraltetes Schulsystem, das stupides Wissen eintrichtert, ohne kreatives, eigenständiges Denken zu fördern." Er vermisst mehr fächerübergreifenden Unterricht, um Zusammenhänge zu erkennen.

Hinkel mahnt: "Die junge Generation ist auf Fantasie angewiesen, anstatt nachzubeten, was ihnen die ältere Generation einbläut. Unsere Demokratie funktioniert nur, wenn die Wähler über genügend Bildung verfügen, um Sachverhalte zu prüfen und sich ihre eigene Meinung zu bilden."

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Die 70. Bad Hersfelder Festspiele laufen bis zum 8. August. Karten sind wegen der großen Nachfrage und geringerer Zuschauer-Kapazitäten wegen der Corona-Pandemie nicht mehr für alle Stücke zu bekommen. Bis Sonntag (4. Juli) stehen drei weitere Premieren auf dem Programm. Am 2. Juli ist es "Momo" als Familienstück, am 3. Juli die Uraufführung des Musicals "Goethe!" und am 4. Juli die Komödie "Extrawurst", die in einer Tennishalle präsentiert wird.

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