Seit zwei Jahren streiten Bürger und Kommunalpolitiker in Frankfurt-Sachsenhausen um eine Bank. Dabei geht es um mehr als nur eine Sitzgelegenheit. Ein Architekt erklärt, warum Sitzmöbel auch soziale Kontrolle ausüben.

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Audioseite Wenn Stadtmöblierung zum Politikum wird

Auf dem Adlhochplatz in Frankfurt-Sachsenhausen standen bis vor zwei Jahren mehrere Bänke.
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Frankfurt-Sachsenhausen, am Adlhochplatz gegenüber dem Alten Depot: Die Sonne scheint, doch man kann sich nicht hinsetzen. Jahrzehntelang standen hier acht Bänke, gerne und viel frequentiert von Menschen aus allen Schichten, tagsüber wie nachts.

Dann, eines Morgens im März 2019, verschwanden sie. Jugendliche in Feierlaune und wohl auch Obdachlose sollten am Adlhochplatz keinen Platz mehr zum Herumlungern haben, so die Vermutung. Es folgten Demonstrationen, Proteste und rund 1.200 Unterschriften von Menschen, die die Bänke zurückforderten, darunter viele Anwohner. Doch die Stadt blieb hartnäckig bei ihrer Linie.

Mitte März dieses Jahres stellte eine Initiative aus Architekten und Stadtplanern eine eigene, komplett aus Holz gefertigte Bank auf dem Platz auf. Sie erntete viel Beifall unter den Bürgern - und wurde doch Anfang April bereits wieder entfernt. Aus einer einfachen Sitzgelegenheit aus Holz wurde ein Politikum.

Was eine gute Sitzbank ausmacht

Philipp Oswalt, Architekt und Professor für Architekturtheorie und Entwerfen an der Universität Kassel, hält wenig davon, Bänke einfach zu entfernen. "Dadurch sind bestimmte Menschen ausgeschlossen aus dem öffentlichen Raum. Es gibt zum Beispiel alte oder kranke Leute, die nicht so lange stehen können und sich zwischendurch ausruhen müssen."

Für Oswalt braucht eine gute Bank eine angenehme Sitzhöhe und eine ausreichend tiefe Sitzfläche. Von Vorteil seien auch eine Rückenlehne und die Möglichkeit, sich ganz ausstrecken zu können. Holz fühle sich angenehmer an als Stein oder Metall.

Ein Beispiel für gut gestaltete Bänke: die Sitzmöbel am Goetheplatz in Frankfurt.

Ein gelungenes Beispiel dafür sind die Sitzmöbel am Frankfurter Goetheplatz. Hier finden sich Holzbänke mit geschwungenen Formen, jede davon ein Unikat: mal ein Sitzplateau, mal eine Nische zum Fläzen oder ein riesiger Liegestuhl.

Sitz(un)gelegenheiten, die alle betreffen

Es gibt aber auch Bänke, die mit Absicht unbequem sind. Sie sind so gestaltet, dass es praktisch unmöglich ist, eine bequeme Sitz-, geschweige denn Liegeposition einzunehmen. Das nennt sich "defensive" oder "feindliche Architektur".

Öffentliche Sitzgelegenheiten nach dieser Maßgabe bestehen beispielsweise aus einzelnen Sitzschalen, haben trennende Armlehnen oder abgeschrägte Sitzflächen und sind bevorzugt aus Metall oder Stein. Ein Trend vor allem an Haltestellen von Zügen, S-, U- und Straßenbahnen. Das Ziel: Obdachlose oder Jugendliche vom Herumlungern oder gar schlafen abhalten.

Ein Beispiel für eine unbequeme Sitzbank steht an der U-Bahn-Haltestelle Frankfurt-Heddernheim.

1976 wurde diese "Defensible Space Theory" vom amerikanischen Architekten Oscar Newman entwickelt, um die Kriminalitätsrate in New York zu senken. In Metropolen wie Paris, London oder Rio de Janeiro wird ebenfalls mittels Architektur gelenkt, wer sich wo im öffentlichen Raum aufhalten darf und wer nicht - mit einbetonierten Metallstacheln, quälender Dauerbeschallung mit Musik oder automatischen Sprinkleranlagen.

Wenig Verhinderungsdesign in Hessen

Architekt Philipp Oswalt hält so ein "Verhinderungsdesign", das bestimmte Formen der Nutzung und bestimmte Menschen potenziell ausschließen will, für problematisch. "Abgesehen davon, dass ich mich vielleicht auch mal auf einer Bank ausstrecken will, obwohl ich nicht obdachlos bin, finde ich das einen falschen Umgang mit den Menschen und diesen Bedürfnissen."

Auch wenn es in Hessen vereinzelt Beispiele von Verhinderungsdesign gibt - im Allgemeinen sieht Oswalt hierzulande noch wenig defensive Architektur. Selbst Städte wie Frankfurt, Wiesbaden und Kassel seien damit zurückhaltend. "Zum Glück haben wir in Deutschland einen rechtssicheren öffentlichen Raum, der nach wie vor bemerkenswert inklusiv ist", stellt Oswalt fest.

An der Bushaltestelle in Frankfurt-Heddernheim gibt es keine Sitzgelegenheit - auch das ist feindliche Architektur.

"Das ist etwas, was ich sehr wertschätze und wo wir uns immer darum kümmern müssen, dass es uns so erhalten bleibt. Und dazu gehört auch, dass man Sorgen, Gefahren und Ängste ernst nimmt und dann adäquate Antworten darauf findet, die unsere Werte nicht über Bord schmeißen", so der Architekt.

Design als Mittel der sozialen Kontrolle

Soziale Kontrolle im öffentlichen Raum, auch durch die Mittel der Architektur und des Designs, hält der Architekt zwar für grundsätzlich richtig und legitim. Die Menschen hätten schließlich ein Bedürfnis nach Sicherheit.

Es sei aber wichtig, dass Maßnahmen zivil umgesetzt und Menschen dabei nicht gezielt ausgegrenzt werden. Man könnte beispielsweise bestimmte Nutzungen gezielt ermöglichen, anstatt - umgekehrt - sie zu verhindern. Denn gerade Verhinderungsästhetik sei nicht nur ethisch problematisch, findet Oswalt. "Sie ist oft auch einfach furchtbar hässlich."

Sendung: hr-iNFO, 27.04.2021, 12 Uhr