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Eine Hetzjagd, die hunderte Männer ins Unglück stürzte

Eine Prozesswelle stürzte Anfang der 1950er Jahre hunderte schwule Männer ins Unglück, einige in den Suizid. Filmemacher van-Tien Hoang hat das Thema nun in "Das Ende des Schweigens" aufgegriffen. Ein harmloser Facebook-Post vom Goetheturm war Auslöser für sein Doku-Drama.

Im Sommer 2015 sah van-Tien Hoang auf Facebook Bilder vom Frankfurter Goetheturm, die ein Freund und späterer Co-Autor des Films hochgeladen hatte. Unter einem der Bilder fiel ihm ein Kommentar auf, in dem es um den Selbstmord eines 19-Jährigen ging. Er fragte nach, ob der Grund für dessen Selbstmord bekannt war. So wurde er auf die Frankfurter Homosexuellenprozesse aufmerksam.

van-Tien Hoang in Nahaufnahme

"Ich wunderte mich, warum darüber noch keine Doku oder Reportage gemacht wurde, weil ich das Thema wahnsinnig interessant fand", erinnert sich der Ratinger Filmemacher.

Diskriminiert und bloßgestellt

Sein Dokudrama "Das Ende des Schweigens" durchleuchtet mit Hilfe von Spielszenen und Aussagen mehrerer Historiker, was genau passierte bei den sogenannten Homosexuellenprozessen. "Man wurde in solchen Verfahren von Anfang an ganz stark diskriminiert und bloßgestellt", sagt Christian Setzepfandt, Frankfurter Historiker und schwuler Aktivist.

Die Prozesse basierten auf damals gültigem Recht, dem Paragraphen 175. Der stellte schon im Kaiserreich gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe. Doch die Nazis verschärften den Paragraphen im Dritten Reich so weit, dass bereits das "Schwulsein an sich" strafbar war – und eine Denunziation reichte, um im Arbeits- oder Vernichtungslager zu landen. Nach einer kurzen Pause - der so genannten "Großen Freiheit" unter der amerikanischen Besatzung - setzte die junge Bundesrepublik unter Adenauer den Paragraphen 175 wieder ein, und zwar in der verschärften Form aus dem Dritten Reich.

Polizei und Justiz arbeiteten Hand in Hand

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Auch personell blieb vieles beim Alten, sagt Historiker Setzepfandt. Die Geisteshaltung sei dieselbe geblieben: "Da haben bestimmte Kräfte innerhalb der Polizei, der Staatsanwaltschaften und - im Film schön dargestellt - auch der Richter einfach Hand in Hand gearbeitet. Sie haben es als ihren Auftrag gesehen, diese 'Volksschädlinge', wie damals der Begriff war, aus dem Verkehr zu ziehen."

Eine Horror für die schwule Szene

Angefangen hatte alles damit, dass die Frankfurter Polizei im Sommer 1950 den Strichjungen Otto Blankenstein aufgriff. In seinem Notizbuch standen mehr als 300 Namen – von seinen Kunden. Gegen mehr als 200 wurde im Rahmen der Frankfurter Prozesse ermittelt. Ein Horror für die Homosexuellenszene, weiß Christian Setzepfandt: "Das zeigt sich auch darin, dass sich etliche Männer vergast haben, vom Goetheturm gesprungen sind oder, wenn sie die Kraft und das Geld hatten, ins Ausland gegangen sind."

Erst 1994 wurde der Paragraph 175 – gegen viele Widerstände – aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Die damals gefällten Urteile wurden erst 2017 aufgehoben. Sie gelten heute als menschrechtswidrige Verurteilungen. Doch die wenigsten Opfer wurden bisher entschädigt – oder haben das überhaupt beantragt.

Historisch bedeutsam

Christian Setzepfandt, Experte für Frankfurter Stadtgeschichte

Der Film "Das Ende des Schweigens" glänzt nicht durch seine Schauspielszenen, die oft sehr hölzern wirken, sondern durch die sehr differenzierte Einschätzung und Einordnung der exzellenten Experten wie Christian Setzepfandt. Der Film präsentiert keine neuen Erkenntnisse über die Frankfurter Homosexuellenprozesse – aber er macht deren große historische Bedeutung sichtbar, arbeitet heraus, welche personellen und ideologischen Kontinuitäten vom Dritten Reich aus wirksam wurden – und wie die Prozesse so zum Höhepunkt einer Anti-Homosexuellen-Kampagne in der jungen Adenauer-Ära werden konnten.

Es ist ein ebenso spannendes wie erschreckendes Sittengemälde einer illiberalen Zeit, die einem heute völlig fremd erscheint. Und das macht eines unübersehbar: die Freiheiten, die sich die homosexuellen, oder allgemeiner: die LGBTI-Communities, bis heute erkämpft haben, sind alles andere als selbstverständlich.

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Das Ende des Schweigens

Im Kommunalen Kino Weiterstadt ist der Film ab 2. Dezember zu sehen. In Frankfurt läuft der Film am Sonntag, 5. Dezember, um 15 Uhr im Cinéma, Roßmarkt 5, in Anwesenheit des Filmemachers und weiterer Mitwirkender. Wann er darüber hinaus zu sehen ist steht Corona-bedingt noch nicht fest.

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