Tokat Film Montage
Dönmez (li.) und Kerem (re.), zwei Protagonisten des Films "Tokat". Das "Abrippen" war auch ihr Metier. Bild © picture-alliance/dpa (Archiv), Schendel-Stevens-Filme

Anfang der 1990er-Jahre machten Jugendgangs wie die "Turkish Power Boys" Frankfurt unsicher. Was aus drei Ex-Mitgliedern geworden ist, zeigt der Kinofilm "Tokat", eine Doku über tödliche Gewalt, Drogen und verlorene Leben. Sehenswert!

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Erst bei seiner Gerichtsverhandlung versteht Kerem Sen, was er getan hat: "Ich habe drei Leben zerstört", weiß er heute. "Ein Mensch ist tot, ich kann nichts mehr gut machen." Vor gut 20 Jahren wird ihm der Prozess gemacht, weil er im Frankfurter Bahnhofsviertel einen Mann erstochen hat.

Vor Gericht sitzt Kerem der Frau und dem Sohn des Getöteten gegenüber. Er begreift, dass der Kleine ohne Vater aufwachsen wird. "Vorher dachte ich, der Mann hat den Tod verdient, er hat meine Familie, meine Mutter beleidigt", erzählt er. Danach kann er sich auf die Therapie einlassen, die er in der forensischen Psychiatrie in Hadamar machen muss. Eine Therapie, die das Leben des heute 48-Jährigen umkrempelt, wie er sagt.

Bluttat folgt auf Bluttat

Tokat Filmstills
Die drei Protagonisten des Films "Tokat": Kerem, Dönmez und Hakan (v.l.). Bild © Schendel-Stevens-Filme

Kerem Sens Geschichte ist Teil des Dokumentarfilms "Tokat - Das Leben schlägt zurück", der am Donnerstag deutschlandweit in den Kinos startet. Darin begleiten die Filmemacherinnen Cornelia Schendel und Andrea Stevens drei ehemalige deutsch-türkische Mitglieder von Jugendgangs, die Anfang der 1990er-Jahre Frankfurt unsicher gemacht haben. Ihr Markenzeichen damals: abrippen, Schlägereien, Drogenhandel.

Kerems Schicksal ist das eindrücklichste. Seiner Bluttat geht eine andere Bluttat voraus: Nachdem sein Bruder bei einer Messerstecherei ums Leben kommt, zieht er los, um Rache zu nehmen. Der Täter stammt aus einer verfeindeten Familie, wird aber gewarnt. Kerem streift durchs Frankfurter Bahnhofviertel, mit einem Messer bewaffnet, voller Trauer und Wut.

Mit Schlägen Respekt verschafft

Die entladen sich, als ihn ein US-Amerikaner anrempelt und etwas wie "motherfucker" vor sich hin flucht: Kerem sticht zu, der Mann stirbt. Kerem kommt in die Psychiatrie, weil er schwer heroinsüchig ist. Hier muss er sich zum ersten Mal mit sich selbst auseinandersetzen.

Geboren wird Kerem in Siegen, in Frankfurt wächst er auf. Seine Eltern, die als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland kamen, haben nie Deutsch gelernt. Auch Kerem hat große Sprachprobleme. Wenn ihn Mitschüler auslachen, weil er kaum lesen kann, schlägt er zu: "Schon in der ersten Klasse habe ich gelernt, wie ich mir Respekt verschaffe", sagt er.

Andrea Stevens und Cornelia Schendel
Andrea Stevens und Cornelia Schendel Bild © Sonja Fouraté (hessenschau.de)

"Wir wären füreinander gestorben"

In die Schule geht er nur, um seine Freunde zu treffen, mogelt sich irgendwie durch: "Wir haben damals nicht begriffen, dass es etwas für die Zukunft ist." Seine Eltern seien anständige Leute gewesen, erzählt er, doch sie hätten kaum Zeit für ihn und die fünf Geschwister gehabt: "Sie waren immer unter Druck, immer am Arbeiten und den Haushalt machen."

Jugendliche Bestätigung findet er in einer türkischen Gang. "Das war Familie", sagt er. "Da ging es nicht ums Klauen oder Abrippen. Wir wären füreinander gestorben." Das sei auch eine Reaktion auf die Welle der Ausländerfeindlichkeit gewesen, die Anfang der 1990er-Jahre durch Deutschland schwappte.

Tokat Filmstills
Kerem (r.) mit seinem Freund Dönmez damals im Jugendhaus Frankfurt-Bornheim. Bild © Schendel-Stevens-Filme

"Den Teufel nicht aus dem Kopf gekriegt"

Bald rutscht er in die Drogensucht ab. Zuerst ist es Kokain, später Heroin. Dann beginnt er, selbst zu dealen: "Wenn du süchtig bist, musst du kriminell werden", sagt er. "Der Stoff ist teuer." Gewaltdelikte bringen ihn immer wieder in den Knast, am Ende hat er insgesamt 13 Jahre gesessen.

Seine Familie und später seine Frau Sabiha versuchen, ihn von den Drogen wegzubringen: Der Vater probiert es mit Schlägen, Sabiha bringt ihn zum Entzug in die Türkei, selbst einen Aufenthalt in einem japanischen Kloster testen sie aus - vergeblich: "Sie haben den Teufel nicht aus dem Kopf gekriegt", erzählt Kerem.

Kerem und Sabiha Sen - Tokat
Sind seit 25 Jahren verheiratet: Kerem und seine Frau Sabiha. Bild © Sonja Fouraté (hessenschau.de)

Das gelingt erst im Maßregelvollzug in Hadamar. Hier lernt er Grundlegendes wie Bitte und Danke sagen. "Bis dahin war das für mich, als würde ich jemanden anflehen." Und hier lernt er schließlich auch Lesen und Schreiben: "Ich musste mir mit meinen 30 Jahren von Fremden die Briefe meiner Frau vorlesen lassen, das war peinlich", gibt er zu.

Tour durch hessische Schulen

Nach seiner Entlassung lernt er Maler und Lackierer, muss den Beruf aber wieder an den Nagel hängen: Er ist Epileptiker und die Folgen des Drogenkonsums schlagen immer stärker durch. Jetzt lebt er als Frührentner in Frankfurt. Bei dem Filmprojekt hat er mitgemacht, um Jugendliche davon abzubringen, einen ähnlichen Weg einzuschlagen, sagt er. Deshalb will er zum Filmstart an einigen Filmgesprächen teilnehmen und durch ausgewählte hessische Schulen touren.

Tokat Hakan zu Hause
Hakan zu Hause in der Türkei. Bild © jip-film & verleih

Und noch ein Projekt treibt ihn um: Er will Geld einsammeln, um seinem Freund Hakan - ebenfalls Ex-Bandenmitglied und Protagonist der Doku - zu helfen. Hakan wurde in die Türkei abgeschoben. Hier lebt er als Staatenloser ohne Pass, ohne festes Haus, ohne Gesundheitsversorgung und als Gelegenheitsarbeiter: "Vielleicht können wir sein Haus renovieren - damit er irgendwann mal heiraten kann."

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Kurzkritik

"Tokat" (türkisch für "Ohrfeige") ist ein berührender Film, der Einblicke in eine Parallelgesellschaft bietet, ohne den Zeigefinger zu heben und ohne die Protagonisten vorzuführen. Hauptgrund: Die Autorinnen kommen ohne Off-Kommentare aus. Die drei Männer blicken selbst ohne Nostalgie auf ihre Jugend und ihr verlorenes Leben danach zurück.

Wer ihnen genau zuhört, pendelt zwischen Mitgefühl und Fassungslosigkeit: Da ist Hakan, der heute unter erbärmlichen Umständen in der Türkei lebt. Da ist Dönmez, ebenfalls in die Türkei abgeschoben, der auf Google Street View immer wieder Bilder seiner Geburtsstadt Frankfurt aufruft. Und da ist Kerem. Seine Reue ist glaubhaft - und doch muss der Zuschauer schwer schlucken, wenn er in der Doku die verfeindeten Familie, die seinen Bruder auf dem Gewissen hat, verwünscht: Sie möge "in Angst leben".

Fazit: ein absolut sehenswerter Film.

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