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Audioseite Pferde + Mädchen = Subkultur

Mädchen rennt neben einem galoppierenden Pferd.

Warum interessieren sich so auffallend viele Mädchen ab einem bestimmten Alter für Pferde? Und warum ist die in Hessen gedrehte Filmreihe "Ostwind" so ein Kassenschlager? Über das Phänomen "Pferdemädchen" im Stall und in den Medien.

"Rooooosi", ruft Anne-Marie Hachenberg mit hoher Stimme in die Box. Dann befestigt sie den Strick am Halfter und führt Rosi zum Grasen auf die Wiese. Mit der jungen Stute hat sich die 31-Jährige vor einem Jahr ihren großen Traum erfüllt: Pferdebesitzerin sein.  

Wenn die 10-jährige Nele Reineck über ihr Schimmel-Pony Fred spricht, klingt sie noch immer aufgeregt: "Auf einmal stand der Fred in der Box". Eine Überraschung der Eltern für Nele und ihre Geschwister. Anne-Marie und Nele kennen sich nicht. Sie unterscheiden sich in Alter, Charakter und Herkunft. Aber sie haben eine Gemeinsamkeit: Sie sind beide Pferdemädchen und damit Teil einer eigenen Subkultur.  

Girls just wanna have horses 

Junge Frau reitet ein braunes Pferd auf dem Reitplatz

Drei Stunden verbringt Anne-Marie täglich auf dem Fasanen-Hof in Klein-Auheim mit ihrer Stute Rosi. Reiten, füttern, ausmisten. "Ein Leben ohne Pferd würde nicht gehen für mich", sagt sie. Besonders mag sie den Austausch mit anderen jungen Frauen auf dem Hof. "Es ist schon so ein bisschen schöne Pferde-Mädchenwelt: Wir sitzen hier, wir haben hier Spaß, wir gehen dann ausreiten, wir singen, wir lachen uns kaputt. Ich bin und bleibe ein Pferdemädchen."

Reiten ist fest in weiblicher Hand. 79 Prozent der Reitenden sind Frauen oder Mädchen. Doch was genau ist ein Pferdemädchen?

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"Ostwind 5 - Der große Orkan"

Die fünfte und letzte Folge der Filmreihe kommt am Donnerstag, 29. Juli in die Kinos. Auch dieses Mal war das Gut Waitzrodt bei Immenhausen im Landkreis Kassel Drehort. Den ersten Ostwind-Film "Zusammen sind wir frei" gibt es übrigens noch bis 1. August hier im hr-fernsehen.

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Die Wissenschaftlerin Anja Schwanhäußer von der Universität Göttingen forscht seit Jahren dazu. Es handele sich sowohl um ein gesellschaftliches als auch ein popkulturelles Phänomen: "Pferdemädchen sind eine soziale Gruppe. Entstanden sind sie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit dem Jugendmarkt, den entsprechenden Serien, mit der entsprechenden Literatur."

Zielgruppe: Mädchen 

Besonders das Pferdemagazin Wendy habe in der Vergangenheit das Phänomen Pferdemädchen geprägt. Und noch heute liegt die Wendy verlässlich in jedem Zeitschriftenregal. Pferdegeschichten sind seit Jahrzehnten ein Sensationserfolg. Black Beauty, Bibi und Tina oder die weitestgehend in Hessen gedrehte Filmreihe Ostwind begeistern verlässlich junge pferdebegeisterte Mädchen.

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„Ich sehe in dieser Pferde-Leidenschaft eine Politik für einen anderen Umgang miteinander, für ein anderes Umweltbewusstsein.“ Ethnologin Anja Schwanhäußer Ethnologin Anja Schwanhäußer
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In der Gesellschaft werden Pferdemädchen gerne belächelt, ihr Hobby - immerhin eine Olympiadisziplin - nicht ernst genommen und abgewertet. Dennoch halten sie an ihrer Leidenschaft fest. Anja Schwanhäuser vermutet dahinter eine tiefere emanzipatorische Bedeutung: "Es gibt ja nicht so viele kollektive Ausdrucksformen, die spezifisch mädchenhaft sind. Darin muss etwas Emanzipatorisches stecken. Ich sehe in dieser Pferde-Leidenschaft eine Politik für einen anderen Umgang miteinander, für ein anderes Umweltbewusstsein. Im Kern eine Kritik an der Gesellschaft."

Auch der Erfolg der Ostwind-Filme sei ein Beleg für das veränderte Interesse: an Pferden, Pferdekultur und gewaltfreiem Umgang.

Reiche Reiterin? Von wegen! 

Ein Mädchen mit Reithelm führt einen Apfelschimmel

Die Begeisterung für Pferde ist übrigens nicht millieu-abhängig – auch wenn das Klischee etwas anderes besagt. Dass Pferdemädchen nur aus einkommensstarken Familien stammen, stimme nicht, erklärt Anja Schwanhäußer. Reiten sei ein Volkssport, der durch alle Schichten gehe. 

"Es ist ganz wichtig zu sehen, dass es eben kein reines Mittelschicht-Phänomen ist, sondern dass auch proletarische Mädchen Pferdemädchen sein können", sagt Schwanhäußer. Sie vermutet, dass dahinter vielleicht der Wunsch nach Freiheit und Ausbruch aus den engen Verhältnissen steckt. 

Auch Anne-Marie Hachenberg grinst über das Reichen-Vorurteil: "Ich denke, dass wir langsam ein bisschen wegkommen von dem Klischee mit den reichen Töchtern. Wir sind nicht die gut betuchten Erben von irgendwem". Außer beim professionellen Turniersport - da sei an dem Klischee schon was dran, sagt sie.  

Wenig Pferdejungen  

Pferdemädchen sind in der Realität deutlich diverser als medial dargestellt. Migrantische oder auch queere Charaktere finden in Pferdefilmen und -magazinen selten Platz. Auch für Jungen gibt es wenig Raum. Das kann abschreckend wirken und ist möglicherweise einer der Gründe sein, weshalb so wenige Jungen reiten. 

Porträt eines Jungen in Sakko und weißem Hemd

Für den 12-Jährigen Jarno ist es kein Grund, auf sein Hobby zu verzichten. Er ist durch Nele, seine kleine Schwester, zum Reiten gekommen und hat großen Spaß daran. Dass er als Junge deutlich in der Unterzahl ist, stört ihn nicht: "Natürlich wäre es mal schön, mit einem Jungen zusammen auszureiten. Aber eigentlich ist mir das egal", sagt er.  

Außerdem habe er mehrere gute männliche Reiter zum Vorbild. Tatsächlich dominieren im professionellen Pferdesport die Männer. Doch das ändert sich langsam, die nächste Generation Pferdemädchen rückt nach: Im aktuellen Olympia-Team "Reiten" sind 50 Prozent Frauen.

Sendung: hr1, Koschwitz am Morgen, 28.07.2021, 08.20 Uhr