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Audioseite Fotograf Ulrich Mattner: "Mit dem Handy bin ich im Dauer-Fotomodus"

Kombination aus drei Fotos: links das Innere eines leeren Gebäudes mit blauen Wänden aus der Froschperspektive fotografiert; in der Mitte ein Portrait des Tipps gebenden Fotografen; rechts ein atmosphärisches Bild von Regen, wie er von Autos beleuchtet auf die Straße mit ihren Zeichnungen trifft.

Ulrich Mattner gilt als der Fotograf des Frankfurter Bahnhofsviertels. In Fotokursen gibt er Tipps, wie sich die Besonderheiten der Stadt einfangen lassen. Eine teure Kamera braucht man dafür nicht.

Eigentlich ist Ulrich Mattner Journalist. Für die F.A.Z. berichtete er vom Banken- und Börsenplatz Frankfurt - und zugleich über den Brennpunkt Bahnhofsviertel, der nicht nur das Drogen- und Rotlichtmilieu umfasst, sondern auch eine lebhafte Kulturszene. Er porträtiert Banker und Prostituierte, fotografiert Hochhäuser und Laufhäuser. Für sein Fotoprojekt "Inside High Finance" erhielt er den International Media Award des Frankfurter Presseclubs.

Seit einigen Jahren gibt er sein Wissen auch in Fotokursen weiter. "Wow-Bilder mit dem Handy" heißt einer der Workshops. Worauf Handy-Fotografen achten sollten und was das Handy sogar besser kann als teure Kameras erklärt er im Interview.

hessenschau.de: Was ist die wichtigste Regel für ein gutes Handy-Foto?

Blumen aus der Froschperspektive fotografiert, so dass sie sich fast wie ein Scherenschnitt vor dem Himmel abzeichnen.

Ulrich Mattner: Mein erster Tipp ist immer: Kamera gerade halten. In den Kursen stellen wir oft fest, dass Wände, Häuser oder Türrahmen unbeabsichtigt schief sind. Genauso wichtig: Das Bild aufräumen! Was ist überflüssig, was stört im Gesamtbild, was würde ich normalerweise gar nicht fotografieren? Dann kann ich z.B. die Perspektive wechseln, um diese Elemente aus dem Bild zu bekommen.

Was muss ich noch beachten?

Mattner: Immer auf die Sonne achten. Sie muss im Rücken stehen. Für Porträts die Leute am besten in den Schatten stellen. Beim gegen die Sonne gucken kneifen die Leute die Augen zusammen, das macht Falten. Und es besteht die Gefahr, dass die Sonne von oben Schatten aufs Gesicht wirft. Und Vorsicht vor zu starken Kontrasten, damit kann die Handy-Kamera generell nicht gut umgehen.

Mit Smartphones porträtieren sich Menschen ja gern selbst. Worauf sollte ich für ein gutes Selfie achten?

Mattner: Normale Handys mit nur einem Objektiv sind oft nicht so gut für Selfies geeignet. Als eierlegende Woll-Milch-Sau sollen sie halt alles können, von der Landschaft bis zum Porträt. Aber da ist man einfach zu nah dran und dann bekommt man so ein "Fischgesicht". In dem Fall macht der Selfie-Stick Sinn, auch wenn er komisch aussieht. Einfach von weiter weg fotografieren und dann - falls nötig - das Schneidewerkzeug benutzen.

Sie haben die Rolle der richtigen Beleuchtung schon erwähnt. Wie ist es denn mit Nachtaufnahmen?

Mattner: Da hilft uns die atemberaubende Entwicklung bei der Handy-Software. Die neueren Geräte haben alle einen Nachtmodus. Da schafft die Handy-Kamera tatsächlich mehr als die teuerste Profi-Kamera, denn die haben diesen Modus nicht. Im Nachtmodus macht die Kamera mehrere Aufnahmen hintereinander und rechnet dann die Helligkeit aller Bilder zusammen. Ich nutze das seit mehr als zwei Jahren und Hochhäuser, die Skyline oder Straßenlaternen kriegt man damit gut.

Entscheidend für ein gutes Foto ist und bleibt ja das Motiv. Sie finden sie vor allem im Frankfurter Bahnhofsviertel...

Kombination aus zwei Fotos: links das Portrait von "Mike", rechts ein Hochhaus im Dunkeln (von unten fotografiert), das mit seinen leuchtenen Fenstern in den Nebel ragt.

Mattner: Das Bahnhofsviertel ist fotografisch der spannendste Stadtteil. Die Motive sind von atemberaubender Vielfalt. Ich kann die türkischen oder arabischen Gemüsehändler fotografieren mit ihren Auslagen, ich kann Bankenhochhäuser fotografieren, Menschen auf der Straße, die Rotlichthäuser mit ihrer Neonbeleuchtung. Kontraste ohne Ende. Bei unseren Touren im Bahnhofsviertel habe ich einen Deal mit einer Bettlerin, die sich gern fotografieren lässt. Sie bekommt von mir fünf Euro und von den Teilnehmern noch etwas, das ist oft ein ganzer Tagessatz für sie.

Fremde Menschen darf man ja nur mit deren Einwilligung fotografieren. Wie gehen Sie da vor, um die Erlaubnis zu bekommen?

Schnappschuss von einem kleinem Jungen, der beim Frisör "geschoren" wird und dabei in die Kamera zwinkert.

Mattner: Man muss die Leute so ansprechen, dass sie merken, das macht Spaß. Ich sage dann zum Beispiel 'Hey, Sie sehen so toll aus, haben was Tolles an. Darf ich mal ein Foto davon machen?'. Man muss positiv an die Sache rangehen, nicht einfach nur fragen 'Darf ich mal ein Foto machen?'. Das erkläre ich auch in meinen Workshops.

Als Fotograf sieht man ja vieles automatisch mit dem Kamera-Blick. Können Sie noch ganz unbeschwert den Blick schweifen lassen?

Mattner: Ich fotografiere fast nur noch mit dem Handy. Da kann man alles fotografieren, muss nicht so den Kamera-Blick haben. Mit dem Handy bin ich im Dauer-Fotomodus. Die Fotokamera habe ich kaum noch dabei. Die Handy-Kameras sind inzwischen so gut, und man hat sie immer dabei. Gerade im Bahnhofsviertel hat man sie dann auch parat, wenn etwas Spannendes passiert. Das ist eine völlig neue Art von Fotografie.

Werden Foto-Kameras damit überflüssig?

Mattner: Die Kamera-Fotografen glauben das ja nicht. Aber ich denke, die Quantensprünge, die technische Innovation passiert in der Smartphone-Fotografie. Nikon oder Canon haben vielleicht 500 Software-Entwickler, Apple hat fünfzehn-, zwanzigtausend. Ein neues Handy verkauft sich ja nur noch mit verbesserten Fotofunktionen. Ich sage auch Freunden, die mich nach neuen Kameras fragen: Kauf Dir ein gutes Handy, da hast Du mehr davon. Hochwertige Kameras haben nur in Ausnahmefällen Vorteile. Bei meinem Workshop "lost places" im alten Polizeipräsidium gibt es zum Beispiel oft starke Kontraste, da ist die Foto-Kamera echt im Vorteil.

Das Interview führte Juliane Orth.

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