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Audioseite Diskussionen um Tanz an jüdischer Gedenkstätte

Menschen tanzen an der Holocaust-Gedenkstätte

Jedes Wochenende wird auf einem Platz im Frankfurter Ostend ausgelassen Salsa getanzt. Dort, wo einst Frankfurter Juden in die KZs deportiert wurden. Nicht nur die jüdische Community ist entsetzt.

Die untergehende Sonne spiegelt sich in der Glasfassade der EZB und auf dem angrenzenden Philipp-Holzmann-Weg bewegen sich tanzende Paare zu heißen Salsa-Rhythmen. Getanzt wird hier schon lange, aber seit Beginn der Corona-Pandemie ist der Zulauf enorm. An manchen Tagen sind es bis zu 500 Menschen.

Sie kämen aus Kassel, aus Darmstadt, sogar aus Bonn und Stuttgart, verrät einer der Tänzer stolz. Seinen Namen will er aber lieber nicht sagen. "Das ist ein Ort der Begegnung geworden, für viele auch ein Zeichen der Hoffnung in dieser Pandemie, rauszukommen, sich im Freien zu treffen."

Tanzen, wo früher Angst herrschte

Er macht eine Drehung, dann einen größeren Schritt über eine Schwelle. Denn im Boden des Platzes sind mehrere Schienen eingelassen. Gleise, auf denen im Nationalsozialismus Frankfurter Juden und Jüdinnen in die Konzentrationslager deportiert wurden. Auf dem Weg zum Platz sind außerdem Zitate von Überlebenden und Zeitzeugen eingestanzt.

Wer hier tanzt, weiß das in der Regel, meint der Tänzer. Aber ein Problem sei das für die Salsa-Fans nicht: "Hier tanzen alle Religionen, alle Hautfarben, alle Herkunftsländer miteinander und das friedlich, freundschaftlich und respektvoll. Sogar Juden tanzen hier mit und die sehen das auch als Ort der Begegnung und nicht als etwas, das hier entweiht wird."

Der Vorwurf: Pietät- und Respektlosigkeit

Das sehen nicht alle so. Leo Latasch vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde zum Beispiel kann dieser Argumentation so gar nichts abgewinnen: "Für mich ist das mangelnder Respekt. Es ist eine Gedenkstätte. Das ist für uns, wie wenn Sie einen Tanzplatz vor dem Hauptfriedhof aufmachen." Diese Position habe die Jüdische Gemeinde auch gegenüber der Stadt deutlich gemacht.

Vermittelnde Töne kommen von Seiten des Jüdischen Museums. Mit einem Facebook- und Instagram-Post wollte das Museum die Stimmung in der gesamten Bevölkerung einfangen, wie Sprecherin Theresa Gehring erklärt: "Wir haben tatsächlich ein relativ einheitliches Meinungsbild erhalten: dass die Frankfurter das unmöglich finden."

Das Jüdische Museum ist verantwortlich für Führungen in dem Teil der Gedenkstätte, der auf dem EZB-Gelände und der ehemaligen Großmarkthalle liegt. Dort war damals die Sammelstelle für die Juden und Jüdinnen. Ein Ort, an dem Leid, Angst und Grausamkeit herrschten. Deshalb plädiert Theresa Gehring auch für einen bewussten Umgang mit dem Platz: "Man muss eben bedenken, dass man Leute verletzt, deren Großeltern oder Familienangehörige dort einfach ganz Schlimmes erlebt haben und daran wollen wir erinnern."

Uneinigkeit bei der Stadt

Meron Mendel, Leiter der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt, sieht in den Tanz-Treffen dennoch eine Chance: "Die Leute fahren nicht bewusst in einen Gedenkort, sondern sie leben ihren Alltag und kommen dann mit einem Erinnerungsort in Verbindung. Und bestenfalls machen sie sich dann Gedanken", sagt er. Man müsse Wege entwickeln, um die Vergangenheit in die Gegenwart zu bringen - beispielsweise mit den Treffen an der EZB.

Aber entscheiden, ob auf dem Platz getanzt werden darf oder nicht, das muss die Stadt - darin sind sich die Jüdische Gemeinde und das Jüdische Museum einig. Weniger einig ist sich dagegen die Stadt selbst. Auf hr-Anfrage antwortet das Kulturdezernat: "Grundsätzlich sind Tanzveranstaltungen jeglicher Art auf dem Gelände der Gedenkstätte abzulehnen, da sie mit der Würde dieses Ortes unvereinbar sind."

Das Ordnungsamt dagegen sieht keinen Handlungsbedarf: "Das Tanzen an sich findet im öffentlichen Raum statt und ist auch keine kommerzielle Veranstaltung. Insofern gibt es für uns keine rechtliche Handhabe."

Bürgermeister will Tanzveranstaltungen unterbinden

Der Frankfurter Bürgermeister Uwe Becker (CDU) will sich damit nicht abfinden. Er kündigte am Donnerstagabend an, sich im Magistrat dafür einzusetzen, das Tanzen an der Gedenkstätte zu verbieten. "Wer hier bisher aus Unachtsamkeit, Unwissenheit oder Gedankenlosigkeit fröhlich das Tanzbein geschwungen hat, sollte im Respekt vor den Deportierten und Ermordeten schon von sich aus einen anderen Ort wählen", sagte Becker.

Allerdings fehle bei einigen offenbar die nötige Einsicht, "dass am Ort der letzten Schritte vieler Frankfurterinnen und Frankfurter keine Tanzschritte erfolgen sollten". Der CDU-Politiker forderte deshalb von den Magistratskollegen, "dass wir Tanzen und Feiern an dieser Stelle auch aktiv unterbinden".

Tänzer würden sich auch anderswo treffen - wenn Stadt unterstützt

Die Salsa-Tänzer auf dem Philipp-Holzmann-Platz wollen erst einmal weiter tanzen. Denn fürs Tanzen sei der kleine Platz vor der EZB einfach ideal, betont Salsa-Tänzer Tobias Anton: "Der Ort ist zentral, die Wege dahin sehr gut beleuchtet, der Platz sehr groß und er bietet sogar einen Regenschutz."

Nervig seien aber die andauernden Platzverweise und Debatten mit der Stadtpolizei. Falls die Stadt einen anderen guten Tanzboden für die Salsa-Fans finde, seien sie bereit, auch anderswo ihre Drehungen zu machen.

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