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Audioseite Timm Kroner von "Newmen" über die Idee hinter "Futur II"

Fünf Männer im Stil eines 70er-Jahre-Fotostudios fotografiert

Fünf Frankfurter geben dem Lebensgefühl junger Menschen einen Soundtrack – ausgerechnet mit der musikalischen Rückbesinnung auf die 70er und 80er Jahre, von David Bowie bis Kraftwerk. Ein Musiker von Kraftwerk mischt auf dem neuen Album von "Newmen" sogar mit.

In den 1960er Jahren sang Bob Dylan für eine gemeinsame Utopie, für Frieden, gegen Atomkraft – und wurde zu einer Ikone der Bürgerrechtsbewegung. Der Beginn des Neoliberalismus mit Margaret Thatcher und Ronald Reagan hat die Punkbewegung hervorgebracht. Und heute?

Gesellschaftliche Utopien aus dem Privatfernsehen

"Wo ist der Soundtrack für Fridays For Future?", fragt Jörg Schmidt von Newmen. "So eine allgemeingültige Utopie fehlt uns heute. Stattdessen wird uns das, was Start-Upper und Investoren in 'Die Höhle der Löwen' machen, als gesellschaftliche Utopien verkauft. Die Kultur, insbesondere die Musik, ist immer weniger dazu in der Lage, gesellschaftliche Prozesse zu begleiten, zu reflektieren und zu fassen. Und damit setzen wir uns auseinander, über unseren Sound und manchmal auch über die Texte. Aber es ist nie moralisch."

Nicht, dass die fünf Musiker von Newmen von sich selbst behaupten würden, dass sie jetzt den fehlenden Soundtrack unserer Gegenwart liefern. Sie setzen sich schlicht durch ihre Musik mit der Zeit auseinander, in der sie leben. Und mit möglichen Zukunftsperspektiven. "Früher gab es diese Hoffnung, dass es immer weitergeht, immer besser und schöner", sagt Timm Kroner. "Und das ist so nicht mehr haltbar. Im Endeffekt besteht die Zukunft, die wir haben, aus Pandemien und Klimawandel. Und diese Verschiebung wollen wir um-spielen."

Was wir erlebt haben werden

Das Ergebnis heißt "Futur II", der Titel des neuen, dritten Albums der Frankfurter Band. Es erzählt mit einer Mischung aus Melancholie und Eskapismus von der "abgeschlossenen Zukunft", von dem, was man in der Zukunft möglicherweise einmal erlebt haben wird. Martin Heimann: "Sozusagen mit diesem Bewusstsein, dass kulturelle, ökonomische und soziale Errungenschaften auch wieder verloren gegangen sein könnten. Es ist jetzt aber nicht nur die Trauer um den Verlust, sondern es ist auch viel mehr so eine Art, ja, Fröhlichkeit am Untergang."

So klingt der fröhliche Untergang

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Die Songs des neuen Albums sind eine gelungene Gratwanderung zwischen abseitigem Anspruch und Eingängigkeit, die manchmal sogar Hitpotential erreicht ("Seven Suns"). Newmen selbst nennen es "Krautpop" – die musikalischen Vorbilder reichen vom Krautrock über David Bowie bis zu Kraftwerk, die in den 1970er und 80er Jahren per Synthesizer den technologischen Sound von Maschinen und Computern in die Musik eingespeist haben.

Das repetitive, stampfende Muster, dass sich immer wiederholt, aber nie gleich ist, sich minimal immer weiter verändert, findet sich auch bei Newmen wieder. Ein ganz bedeutsamer Gast auf dem neuen Album ist folglich Wolfgang Flür, einst selbst Mitglied von Kraftwerk.

Wie Kraftwerk zu Newmen kam

Jörg Schmidt erzählt von diesem Song, einem Instrumental, an dem alle Bandmitglieder mit ihren Gesangs- oder Vocal-Ideen gescheitert seien. "Dann habe ich morgens zufällig einen Bericht über ein Festival gelesen, wo Wolfgang Flür kurz zu Wort kam. Und dann habe ich spontan gedacht: man müsste den mal fragen. Ich habe ihm den Song einfach über Facebook geschickt, mit so einer ganz lapidaren Nachricht mit lauter Komma- und Rechtschreibfehlern. Und nach einer Stunde hat er schon geantwortet: 'Super, finde ich genial, machen wir.'"

Wolfgang Flür schreibt den Text und spricht ihn ein. Dazu spielt er einen Vocoder und den Lead-Synthesizer ein. In enger Zusammenarbeit entsteht "Futur I" – ein experimenteller Track, ganz im Sinne des Newmen-Albums.

Dem Hurrikan ins Auge sehen

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Newmen auf Platte und live

Das Album "Futur II" ist am 17. September auf LP erschienen. Am 23. September spielt die Band auf der Sommerwiese neben der Jahrhunderthalle Frankfurt.

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Es ist also nicht alles so düster, wie es sich vielleicht anhört. 2012 hat sich Newmen als Trio gegründet, die inzwischen fünf Bandmitglieder leben heute teilweise in Berlin, teils in Frankfurt. Ihr Studio haben sie nach wie vor in der Rhön – ein ehemaliges Hippie-Paradies, ein von Wald umgebener Rückzugsort mit schlechtem Handyempfang, ideal für Kreativität und Tüftelarbeit. Die fünf Mittdreißiger haben die Corona-Zeit genutzt, um das Studio endlich auszubauen. Und vielleicht ist es gerade diese Haltung, die am besten beschreibt, was Newmen ausmacht. Sie sehen dem Hurrikan ins Auge, geben sich aber nicht geschlagen. Und vielleicht stehen sie damit ja für eine ganze Generation.