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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found "Bei uns sollen sich alle treffen können"

Wasserhäuschen-Pächter in Frankfurt

35 Frankfurter Wasserhäuschen-Betreibern ist gekündigt worden, denn es gab Streit zwischen der Stadt und dem Zwischenpächter. Nun sorgen sich die Betreiber um ihre Existenz - und um einen Teil Stadtkultur.

Für Rebecca Fohl und Michael Oechsler ist klar, ihr Sachsenhäuser Nox ist ein "Wasserhäuschen". Ein "Büdchen", wenn es hochkommt. Umut Akbulut spricht meistens vom "Kiosk". Am liebsten ist ihm aber "Trinkhalle", denn den meisten Frankfurterinnen und Frankfurtern geht es dort nicht darum, billiges Bier zu kaufen und wieder zu verschwinden.

Es geht ums gemeinsame Anstoßen - wenn nicht gerade Corona-Lockdown ist. 

Traum vom Wasserhäuschen-Alltag  

Nicht nur die charakteristische runde Form, sondern auch die knallrote Farbe des Nox fällt jedem ins Auge, der über die Oppenheimer Landstraße Richtung Schweizer Platz fährt. Rebecca Fohl und Michael Oechsler haben jahrelang aus ihrem Fenster auf die Kreuzung mit dem charmante Wasserhäuschen geschaut - und sich verliebt. 2019 ist die Entscheidung gefallen, es selbst zu pachten.  

Frankfurter Wasserhäuschen Nox

In der Anfangszeit hat Rebecca Fohl jeden Tag in ihrem neuen Wasserhäuschen gestanden, auch während der Schwangerschaft. "Ganz alleine ist das auf Dauer nicht stemmbar. Das ist unmöglich", weiß das Pächter-Paar heute. Die in die Jahre gekommene Trinkhalle haben die beiden zu einem urbanen Treffpunkt mit Liegestühlen und selbstgeröstetem Kaffee umgebaut: "Wir wollten etwas machen, wo sich alle treffen können: Familien, junge und alte Leute." 

"Hier ist man ein bisschen Seelsorger" 

"Hier sind erfolgreiche Menschen, nicht so erfolgreiche Menschen, alles. Und jeder versteht sich. Das ist schon eine coole Ecke", sagt auch Umut Akbulut. Er lehnt am dunkelroten Backstein-Tresen des Kölner Ecks, neben ihm ein riesiges Eintracht-Wappen. Der Wunsch seiner Familie nach Selbständigkeit war groß, als seine Eltern vor zwei Jahren die 60 Jahre alte Trinkhalle im Gallus gepachtet haben. Damit das klappt, hilft die ganze Familie mit. 

Kölner Eck in Frankfurt

Wer hier ans Wasserhäuschen kommt, dem geht es längst nicht nur um Getränke oder Zigaretten. Im Lockdown haben die Unterhaltungen durchs Schiebefenster wieder an Wert gewonnen. Besonders alleinstehende Menschen freuen sich darüber, mit den Pächtern ins Gespräch zu kommen. "Hier ist man auch ein bisschen Seelsorger", findet Akbulut.

Die Stadt hat Umbau-Pläne 

Auf 35 Frankfurter Pächter kommen jetzt Veränderungen zu. Bisher hat die Stadt Frankfurt die Verpachtung und Instandhaltung jener Büdchen der Brauerei-Gruppe Radeberger überlassen. Die Verträge mit dem Zwischenpächter hat die Stadt gekündigt. Ab Sommer möchte sie selbst an die aktuellen Pächterinnen und Pächter vermieten.

Zuvor hatte die Stadt mehrere Jahre mit der Radeberger-Gruppe verhandelt. Es gab Streit um die Pachthöhe und die Instandhaltung. Und bei dem wichtigsten Ziel der Stadt war keine Einigung möglich: Wo möglich, sollen öffentliche Toiletten an die Büdchen angebaut werden. Für das Sachsenhäuser Pächter-Paar ist klar, das geht nur, wenn die Stadt ihnen finanziell entgegenkommt. Toiletten-Reinigung ist aufwändig. Die Toilette, die sie bisher freiwillig zur Verfügung gestellt haben, musste mehrfach nach Vandalismus-Schäden repariert werden.

"Wir haben hier Liebe investiert"

Am Kölner Eck macht Umut Akbulut sich mehr Sorgen um das neue Pachtverhältnis. Er schaut zur anderen Straßenseite, direkt auf einen cremefarbenen Neubau: "Alles verändert sich hier. Das Gallus ist nicht mehr das alte Gallus." 

Er hat Angst, dass die Stadt die perfekte Lage der Wasserhäuschen-Grundstücke wie schon in der Vergangenheit lieber als Baugrund verwendet. Wehmütig schmunzelt er: "Wir haben hier Geld investiert, auch Liebe und Energie. Aber gegen die Stadt kann man nichts machen. Wenn die sagen Abriss - Abriss."

Treffpunkt mit Denkmal-Potential 

Wasserhäuschen Frankfurt Nox

Angekündigt hat die Stadt aber eine Stärkung der Wasserhäuschen-Kultur. Konkrete Pläne gibt es noch nicht. Markus Harzenetter, Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege, macht sich für den Denkmalwert der Büdchen stark. Gerade in einer so kulturell vielfältigen Stadt wie Frankfurt sind Orte der Begegnung unschätzbar wichtig: "Bis heute sind Wasserhäuschen Wohlfühlorte innerhalb der Stadt."

Seit 2018 prüft das Landesamt für Denkmalpflege die Wasserhäuschen auf ihren Denkmalwert. Dabei kommt es vor allem auf die authentische und künstlerische Gestaltungsweise an. Bis die Überprüfung fertig ist, wird es allerdings noch eine Weile dauern.

Hoffen auf Stärkung der Wasserhäuschen-Kultur

Die Familie von Umut Akbulut und das Sachsenhäuser Pächter-Paar Fohl und Oechsler ziehen auch Hoffnung aus der Vertragsänderung. Die Stadt hat jetzt die Chance, maximalen Profit vor der Frankfurter Wasserhäuschen-Kultur zurücktreten zu lassen, sagen sie.

Versäumte Investitionen können nachgeholt, öffentliche Toiletten ergänzt werden. Ein Plus für jeden, der die Büdchen-Gesellschaft schätzt - und für jeden, dessen Blase auf dem Weg durch Frankfurt eine kurze Entspannungspause braucht.

Sendung: hr2-kultur, 22.04.2021, 16 Uhr