Hier gibt es keine Quote: Straßen und Plätze sind deutlich öfter nach Männern als nach Frauen benannt. Die Aktion Femorial will das ändern. Deshalb hängen in der Wiesbadener Innenstadt jetzt Straßenschilder mit den Namen von Frauen - auf leuchtend pinken Tafeln.

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Audioseite Frauen sollen auf Straßenschildern gewürdigt werden

Unter einem blauen Schild mit der Aufschrift "Mauritiusstraße" hängt ein rotes Schild mit der Aufschrift "Clärenore-Sinnes-Straße".
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"Papa, verehren wir hier eigentlich nur Männer?" Die Frage seiner achtjährigen Tochter beim Spaziergang durch die Wiesbadener Innenstadt brachte Hans Reitz ins Grübeln. Und so machte sich der Sozialunternehmer mit seiner Tochter auf die Suche nach Denkmälern und Straßennamen, die an Frauen erinnern. Aber viele konnten sie nicht finden.

Zehnmal mehr Männer als Frauen auf Straßenschildern 

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"Aktion Femorial"

"Femorial" ist eine Wortschöpfung aus den englischen Wörtern "feminism" und "memorial". 

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In Wiesbaden sind nach Angaben der Stadt gerade mal 50 Straßen nach Frauen benannt, bei Männern liegt die Zahl um das Zehnfache höher. Für Hans Reitz ein unhaltbarer Zustand. Er kontaktierte das Frauenmuseum in Wiesbaden und gemeinsam hoben sie die "Aktion Femorial" aus der Taufe. Das Ziel: Bis zum 1. Januar 2025 sollen 60 Straßen und Plätze nach Frauen benannt sein. 

Seit Jahrzehnten hat sich kaum etwas geändert

Für Kim Engels, Mitgründerin des Frauenmuseums Wiesbaden, ist das Thema nicht neu. Bereits in der ersten Ausstellung dort im Jahr 1984 sei es darum gegangen, dass Frauen viel zu wenig repräsentiert sind, wenn es um das öffentliche Erinnern gehe. Seither habe sich nicht viel verändert. Kim Engels vermutet, dass das weniger an Unwillen, sondern vor allem an Unwissen liegt. Und genau das will Femorial ändern. Die Straße, der Ort der Begegnung und der Orientierung, soll genauso oft nach Frauen wie nach Männern benannt sein.

Eine Frau mit kurzen grauen Haaren, rahmenloser Brille und schwarzer Daunenjacke steht vor einem Schaukasten mit bunten Plakaten. Sie lächelt in die Kamera.

Bundesministerin, Autopionierin, Schriftstellerin 

Schnell wurden 60 Namen von Frauen aus dem öffentlichen Leben gefunden, die in irgendeiner Weise mit der Stadt verbunden sind. Sei es, weil sie in Wiesbaden geboren wurden, dort gelebt und gewirkt haben oder dort begraben sind. 

Es sind Schriftstellerinnen wie Amely Bölte, Pionierinnen wie Clärenore Stinnes, die als erster Mensch die Welt in einem Automobil umrundet hat oder Elisabeth Schwarzhaupt, die erste Bundesministerin. Dabei sind auch eine ganze Riege von Frauenrechtlerinnen wie etwa Ika Freudenberg. In Wiesbaden habe es eine regelrechte Blütezeit von Protagonistinnen gegeben, die die Frauenbewegung vorangebracht haben, sagt Kim Engels vom Frauenmuseum. 

Schilder in Pink erregen Aufmerksamkeit 

Die Namen dieser 60 Frauen hängen seit kurzem in der Wiesbadener Innenstadt. 60 Schilder in leuchtendem Pink oder Purple. "Die Farbe war eine Bauchentscheidung", sagt Ideegeber Hans Reitz. Sie sollte sich deutlich vom Blau der Straßenschilder abheben und vor allem Aufmerksamkeit erregen. 

Ein Mann mit grauen Haaren, grauem Bart und schwarzer Jacke steht vor einem Backstein-Gebäude. Neben ihm ist eine Bank aus Holz. Er trägt weiße Kopfhörer, das Kabel hängt über der Jacke.

Und das haben sie schon beim Aufhängen getan, berichtet Kim Engels vom Frauenmuseum: Zwei Polizisten, die zufällig vorbeigekommen seien, hätten begeistert gefragt, warum nicht schon längst mehr Frauen in dieser Form im Stadtbild präsent seien. "Genau wie der Taxifahrer, der hoch erfreut war, dass mit Clärenore Stinnes eine Automobilpionierin direkt an seinem Stellplatz zur Geltung kommt."

Schriftstellerin Amely Bölte bald mit eigenem Platz? 

Und auch im Ortsbeirat Mitte stößt das Anliegen offenbar auf offene Ohren. Anna Dechant von den Grünen hat sich der Sache angenommen und hält die Augen offen, wo sich ein Name unterbringen lässt. In einem Fall deute sich bereits eine Lösung an. Der Platz, an dem Herderstraße und Emanuel-Geibel-Straße aufeinandertreffen, könnte schon bald in Amely-Bölte-Platz umbenannt werden. Die Schriftstellerin lebte von 1811 bis 1891 und war eine von wenigen Frauen, die zur damaligen Zeit vom Schreiben leben konnten. Sie ging nach England und arbeitete erst als Erzieherin, dann als Autorin und Korrespondentin. Zurück in Deutschland wählte sie Wiesbaden als Alterssitz. Weil sie aus eigener Erfahrung wusste, dass nichtverheiratete Beamtentöchter große Schwierigkeiten hatten, für ihren Lebensunterhalt zu sorgen, vermachte sie ihr Vermögen der Stadt Wiesbaden mit der Auflage, eine Stiftung für diese Frauen zu gründen. Amely Bölte ist auf dem Nordfriedhof in Wiesbaden begraben.  

Von Umbenennungen sind oft viele Menschen betroffen

Grundsätzlich können die Ortsbeiräte darüber entscheiden, wie Straßen und Plätze benannt werden, der Magistrat muss dem Votum zustimmen. Allerdings sind Umbenennungen nicht immer leicht durchzuführen. Denn in der Regel sind es Straßen, in denen Menschen leben oder Geschäfte liegen und da sind die Auswirkungen deutlich gravierender als bei einem unbewohnten Platz.

Unter einem Wegweiser mit der Aufschrift "Frauenmuseum" hängt ein rotes Schild mit der Aufschrift "Dr-Anna-von-Doemming-Straße".

Für Kim Engels ist das kein Hinderungsgrund. Wo ein politischer Wille ist, da sei auch ein Weg. Sie wünsche sich einen Grundsatzbeschluss des Magistrats, mit dem für die Zukunft festgelegt wird, dass das Geschlechterverhältnis bei den personalisierten Straßennamen ausgeglichen wird.

Gut für Frauen - gut für alle

Hans Reitz regt an, die Veränderungen, die die Corona-Pandemie in allen Lebensbereichen gebracht hat, für ein grundsätzliches Nachdenken zu nutzen: Was läuft gut, was läuft schlecht. "Wer schon eine Straße nicht verändern kann, der kann auch die Welt nicht verändern." Es sei nun an der Zeit, eine gleichwürdige Erinnerungskultur zu schaffen. "Wir haben tolle Frauenpersönlichkeiten, die Wahnsinniges bewegt haben. Ich würde sie gerne alle kennenlernen."

Jede Veränderung zugunsten von Frauen bedeute in den allermeisten Fällen eine Verbesserung für die Gesellschaft, sagt Kim Engels. "Das heißt, wir alle profitieren davon." Bis zum 1. Januar 2025 bleibt noch etwas Zeit, den Rest der Wiesbadener Stadtgesellschaft davon zu überzeugen.

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