Zwei junge Mädchen sitzen am Rand einer Bühne, die Beine baumeln von der Kante

Abschluss in der Tasche - und dann? Studium, Ausbildung, ins Ausland? Eine Option, die viele übersehen, ist das FSJ. Das geht schon lange nicht mehr nur im Kindergarten oder Krankenhaus - Freiwillige können auch Kulturluft schnuppern.

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Audioseite Im FSJ Kultur sammeln Freiwillige Praxiserfahrung

Ein Mädchen steht auf einer Bühne. Sie trägt einen Koffer und einen Seesack.
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"Am meisten Spaß macht es, mit den Kindern in den Fundus zu gehen", erklärt Noelle Campani lächelnd. "Dort gibt es Kostüme, Perücken und Requisiten." Nirgendwo sonst könne man seiner Fantasie so viel freien Lauf lassen.

Noelle ist 19 Jahre alt und hat im Oktober ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) im Schultheater-Studio Frankfurt begonnen. Dafür ist sie extra aus Italien nach Hessen gekommen. "Ich habe in meinem Leben immer nur in der Schule gelernt. Hier kannst du einfach in eine andere Welt schauen und lernen, wie Leben funktioniert", sagt sie.

Die Freiwilligen können sich ausprobieren

Um sich selbst in der Praxis auszuprobieren, ist auch Emily Elßner zur Theaterschulbühne gekommen. "Es ist kein Prüfungsdruck da und man kann sich nochmal ganz anders ausprobieren." Dass die Abiturientin zum Theater will, weiß sie schon lange. Aber: "Ich weiß noch nicht ganz, wo mein Platz in der Kultur ist. Das möchte ich hier herausfinden."

Dafür bietet das Schultheater-Studio vielseitige Möglichkeiten. Von Büroarbeiten bis Theater-Warm-Up-Übungen und Regieassistenzen dürfen die beiden verschiedene Aufgaben übernehmen. "Letztens habe ich aus einer Schwimmnudel ein riesiges Teststäbchen gebastelt", erinnert sich Emily lachend.

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Was ist das FSJ Kultur?

Das FSJ Kultur ist ein Freiwilligendienst in einer kulturellen Einrichtung. Die Freiwilligen bleiben in der Regel ein Jahr. Die Freiwilligen sind sozialversichert, haben Urlaubstage und bekommen ein sogenanntes Taschengeld von 380 Euro im Monat. Ein FSJ Kultur gliedert sich in drei Teile: die Arbeit bei der Einsatzstelle, Bildungstage, die durch die Landesvereinigung Kulturelle Bildung (LKB) Hessen organisiert werden und ein Projekt, das die Freiwilligen eigenständig durchführen dürfen. In Hessen gibt es rund 85 verschiedene kulturelle Einsatzstellen. Knapp 120 Freiwillige können dort jährlich einen Einblick in die Arbeitswelt bekommen. Weitere Infos gibt es hier.

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Das Ziel: kulturelle Teilhabe für junge Menschen ermöglichen

Abschluss in der Tasche - und dann? Viele sind sich unsicher, welchen Beruf sie später ergreifen wollen. Ein FSJ Kultur kann dabei Orientierungshilfe bieten, weiß Christiane Cochoy. Sie ist für die pädagogische Koordination der Freiwilligen zuständig. "Es ist uns ein Anliegen, kulturelle Teilhabe auch für junge Menschen zu ermöglichen. Dass sie sich selbst mal in einem ganz anderen Kontext erleben, orientieren und einarbeiten können und das möglichst niedrigschwellig, egal welcher Berufs- oder Schulabschluss da ist."

Neben der Arbeit in den Einsatzstellen besteht das FSJ Kultur auch aus Bildungstagen. Organisiert werden sie von der Landesvereinigung Kulturelle Bildung Hessen, dem Träger des hessischen FSJ Kultur. Dabei können die Freiwilligen zusammenkommen und sich austauschen, sich aber auch in verschiedenen Workshops ausprobieren. Poetry Slam, Musik und Sprayen stehen beispielsweise auf dem Seminarplan.

Kulturelles Interesse hilfreich, aber nicht notwendig

Auch Menschen aus anderen Ländern könnten in Hessen ein FSJ Kultur machen, erklärt Christine Cochoy. Hilfestellung würde hierbei ein Diversitätsbeauftragter geben, der die Freiwilligen eng betreut.

Ein grundsätzliches Interesse an Kultur ist hilfreich. Aber auch Freiwillige, die sich später für einen anderen Job entscheiden, können viel aus dem FSJ mitnehmen, meint Christiane Cochoy. "Sie können sich berufliche Orientierung verschaffen. Persönlichkeitsbildung fördert das FSJ Kultur auch sehr stark, auch durch den Austausch mit den anderen Freiwilligen, durch unsere Bildungstage und die unterschiedlichen Angebote und Workshops. Und sie zeigen letztendlich auch gesellschaftliches Engagement."

hr-Umfrage: Unternehmen begrüßen FSJ im Lebenslauf

Wie eine stichprobenartige Umfrage bei mehreren hessischen Unternehmen zeigt, macht sich ein FSJ Kultur auch gut im Lebenslauf. Birgit Huber etwa, Talent Head im Recruiting von Sanofi Deutschland mit Sitz in Frankfurt, gab auf hr-Anfrage an: "Grundsätzlich begrüßen wir Bewerberinnen und Bewerber, die einen Blick über den Tellerrand werfen, auch wenn die schulischen beziehungsweise akademisch-fachlichen Leistungen sehr entscheidend sind für einen Berufseinstieg bei einem Gesundheitsunternehmen wie Sanofi."

Bei Sanofi habe es laut Recruiterin Huber bisher nicht viele Bewerberinnen und Bewerber gegeben, in deren Lebenslauf ein FSJ Kultur gestanden hätten. "Sie würden sich damit definitiv von der Mehrheit abheben und zeigen, dass sie neben ihrem Fachgebiet weitere Interessen und Ansichten mitbringen. Und das ist gut, denn wir suchen Persönlichkeiten mit Werten und kultureller Offenheit."

Auch die Deutsche Bank teilte auf Anfrage mit, man schätze es, "wenn Bewerberinnen und Bewerber sich kulturell oder sozial engagieren und damit ihren Horizont auch jenseits ihres Studiums erweitern". Viele Positionen im Unternehmen erforderten neue Fähigkeiten und vielfältige Hintergründe - "oft in Bereichen, die nicht sofort mit der Deutschen Bank in Verbindung gebracht werden", so das Kreditinstitut.

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Mit dem FSJ zum Fachabitur

Die Fachhochschulreife teilt sich in zwei Komponenten, den schulischen Teil und den praktischen Teil. Den schulischen Teil muss man an einem Gymnasium erwerben. Das funktioniert in der Regel, indem man die 12. Klasse (bei G8 die 11. Klasse) abschließt. Als praktischer Teil zählt unter anderem eine abgeschlossene Berufsausbildung - oder ein freiwilliges Jahr. Wer das Fachabitur hat, kann im Anschluss an Fachhochschulen und zum Teil auch an ausgewählten Universitäten studieren.

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"Man kann eigene Vorlieben weiter entdecken"

Tizian Wanko ist ehemaliger FSJler. Er bestätigt, was die Unternehmen sich erhoffen: Er habe viel aus dem Jahr mitgenommen. "Zum einen natürlich ganz viele Menschen, neue Kontakte. Und man hat gemerkt, was einem Spaß macht. Das war für mich das praktische Arbeiten. Also auch hinter der Bühne mal Sachen schleppen, mal was auf- und abbauen. Eigene Vorlieben hat man so weiter entdeckt", erzählt er.

junger Mann steht in lässiger Pose auf einer Wiese vor einem Haus

Tizian hatte seinen Freiwilligendienst 2018 bei der Musikalproduktionsfirma Spotlight Musicals in Fulda begonnen. Nach dem Abitur wünschte er sich erst einmal Praxiserfahrungen. Auf das FSJ Kultur sei er bei einer Infoveranstaltung an seiner Schule gestoßen. Als Musiker habe ihn das sofort angesprochen.

Bei seiner Einsatzstelle hat es ihm so gut gefallen, dass er dort kurzerhand ein Jobangebot angenommen hat. Jetzt studiert er dual Musik- und Kulturmanagement. Ein FSJ kann er aber auch allen ans Herz legen, die später nicht zwangsläufig in der Kultur arbeiten wollen. "Eigentlich jedem oder jeder, der oder die noch nicht weiß, was sie nach der Schule machen will. Jedem der sagt: Ich habe jetzt keinen Bock auf Uni, ich will erstmal was schaffen, will irgendwie was sehen, was erleben."

Emilys Wunsch: Das FSJ mehr in den Fokus rücken

Ein Mädchen mit blonden Haaren und einem schwarz-weiß-gemustertem Haarband lugt hinter einem roten Samtvorhang hervor.

Für Noelle und Emily stehen erst einmal Ferienspiele auf dem Plan. Eines der "bisher coolsten Erlebnisse im FSJ", erzählt Noelle. Hier könne sie alle ihre Kreativität und Fantasie ausleben. Auch die Arbeit mit den Kindern sei toll und gebe ihr neuen Input. "Sie denken auf eine ganz andere Weise."

Die beiden Freiwilligen freuen sich auf die Monate, die noch vor ihnen liegen. In der familiären Umgebung fühlten sie sich "super wohl". Eine Sache stört Emily aber doch: dass das FSJ und vor allem das FSJ Kultur so wenig im gesellschaftlichen Fokus sei. Ihr Wunsch: "Dass man es nach dem Abschluss genauso als Option anbietet wie zum Beispiel Studium oder Ausbildung."

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Einsatzstelle finden

Regulär geht das FSJ Kultur ein Jahr. Der diesjährige Jahrgang ist am 1. September gestartet. Es gibt aber noch freie Einsatzstellen, bei denen man sich auch außerhalb des Zyklus bewerben kann. Eine Liste der freien Plätze gibt es hier.

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