Haus mit Schottervorgarten

Der üppig blühende Bauerngarten, der liebevoll bepflanzte Vorgarten - das ist so was von out. Die "hortikulturelle Neuerung" besteht aus lastwagenweise Schotter rund ums Haus. Was da in Nachbars Garten wuchert, führt uns Ulf Soltau in seinem Bildband "Gärten des Grauens" vor Augen.

"Liebe Schotterfreunde und Geröllheimer": So beginnt Ulf Soltaus Appel an jene, die sich dem Schottern ergeben haben. Über Jahre hinweg hat der leidenschaftliche Gärtner und Biologe Fotos von den eindruckvollsten Steinwüsten in unser aller Nachbarschaft gesammelt.

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Und man sieht: Nichts mehr mit Vorgärtchen pflegen, nichts mehr mit Platz für Vögel und Bienen und was sich sonst so im Grünen tummelt. Nein. Der zeitgemäße Vorgarten besteht aus Schotter, Kies und Beton - pflegeleicht und von kunstvoll gestalteter Hässlichkeit. Wer es ganz dolle treiben will, ahmt schon mal einen Teich in der grauen Steinwüste nach. Wozu gibt es blaue Kiesel? Und die schnuckelige kleine Brücke über das Kieselgewässer kann man im Baumarkt spottbillig erwerben.

Pflegeleicht - von wegen

So ein Schottergarten macht nur einmal richtig Arbeit, heißt es (im Baumarktprospekt). Beim Anlegen wird planiert, versiegelt, betoniert, asphaltiert und dann kommt die Ladung Steine drauf. Schluss mit dem aufopferungsvollen Kampf gegen Unkraut, Rasen und Katzendreck. Hach, so sauber und schön war's bei uns noch nie.

Buchcover: Schottergarten mit Pflanze

Pusteblume, äh -kuchen, stimmt nicht: Die Natur schlägt den Saubermännern und -frauen ein Schnippchen. Tut man nichts, kommen erst ein paar Unkräuter, dann folgen Gräser, Stauden, nach ein paar Jahren sogar Bäume. Dagegen hilft natürlich nur ordentlich Chemie. Wer will sich denn schon bücken und das alles rausreißen? Dafür haben wir die Steine doch nicht gekauft!

Die neue europäische Schotterpsyche

Was so durchgestylt daherkommt, hat natürlich Folgen, sagt eine Schweizer Studie von 2017: Schottergärten wirken sich negativ auf Identifikationsprozesse und soziales und ökologisches Engagement aus, abgesehen vom Verlust der Naturverbundenheit, heißt es da. Und eine dänische Studie behauptet, dass ein Mangel an Grün in der Kindheit zu psychischen Erkrankungen im Erwachsenenalter führen kann. Ja, dann kutschiert eure Bälger doch raus aufs Land, wenn sie Butterblümchen und Ameisen bestaunen wollen - denkt sich da gewiss mancher Schotterer.

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zum hr-fernsehen.de Video Schotter-Wüsten – wo Steingärten in Hessen die Artenvielfalt bedrohen

Steingärten
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Je wilder, desto besser

Ulf Soltau nimmt in seinen Bildkommentaren die angesagten Schottergartengestalter auf die Schippe. Aber im Vorwort wird der Biologe ernst und warnt auch vor den Folgen der Verschotterung, gerade angesichts des Klimawandels und des weltweiten Artensterbens. Versiegelte Oberflächen stauen beispielsweise die Wärme eines heißen Tages, während Pflanzen zur Abkühlung beitragen. Und das Regenwasser kann nicht mehr versickern - mit Folgen für den Grundwasserspiegel. Vieles wäre hier noch anzuführen. Immer mehr Städte haben mittlerweile Schottergarten-Verbote durchgesetzt oder denken zumindest darüber nach.

Soltau plädiert für Gärten, die ruhig wild wuchern dürfen, falls die Besitzer sich die mühsame Gartenarbeit nicht oder nicht mehr zutrauen. Er schreibt: "Ein solch wilder Garten würde nicht nur seinen Besitzern vitalisierende Lebensfreude (...) schenken, sondern auch unserer Tier- und Pflanzenwelt ein heute dringender denn je benötigtes Refugium sowie künftigen Generationen Raum für eigene Gartenträume bieten." Mögen die Schotterer darüber nachdenken.