Maryam Zaree, Filmemacherin und Schauspielerin

Über die Geschichte ihrer Geburt in einem Foltergefängnis im Iran hat die Frankfurter Schauspielerin und Filmemacherin Maryam Zaree einen Film gemacht. "Born in Evin" war im Rennen um den Deutschen Dokumentarfilmpreis. Ein Interview.

Die Schauspielerin, Regisseurin, Theaterautorin und Dramaturgin Maryam Zaree wurde 1983 in Teheran im berüchtigten Foltergefängnis Evin geboren. Vor 40 Jahren wurde im Iran der Schah gestürzt, Ayatollah Khomeini ließ nach seiner Machtergreifung als Staatschef und religiöser Führer Zehntausende politischer Gegner verhaften und foltern, unter ihnen auch Zarees Eltern. Ihre Mutter war schwanger und brachte die Tochter in Gefangenschaft zur Welt. Nach ihrer Freilassung floh sie mit dem zweijährigen Kind nach Frankfurt, wo Maryam Zaree aufwuchs. Bis heute gibt es kaum Aufarbeitung der Verfolgungs- und Gewalterlebnisse, nicht privat, und offiziell schon gar nicht.

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Gewinner-Titel

Der Deutsche Dokumentarfilmpreis 2019 geht an "Heimat ist ein Raum aus Zeit" von Thomas Heise. Heise zeichnet darin die Geschichte seiner Familie über vier Generationen nach.

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Mit ihrem mehrfach ausgezeichneten Dokumentarfilm "Born in Evin", der im Oktober in die Kinos kommt, begibt sich die Filmemacherin auf Spurensuche nach Kindern, die im selben Gefängnis geboren wurden. Sie schaut in Abgründe – ihre eigenen und die einer ganzen Generation. Der Film war für den Deutschen Dokumentarfilmpreis nominiert, der am Freitagabend in Stuttgart verliehen wurde. Im Interview spricht Zaree über Verdrängung, Gewalt und Unterdrückung und warum ihr Preise eigentlich gar nicht so wichtig sind.

hessenschau.de: Sie haben mit 12 Jahren erfahren, dass Sie im Foltergefängnis Evin in Teheran (Iran) geboren wurden. Wie war das für Sie?

Maryam Zaree: Ich habe das durch einen Zufall von meiner Tante gehört, ihr ist das quasi rausgerutscht. Ich konnte damit damals sehr wenig anfangen. Das war sehr abstrakt für mich, weil ich in Frankfurt aufgewachsen bin und dort eine ganz normale Kindheit hatte. Diese Information aus einem anderen Land, in dem ich noch nie war, die Grausamkeit, das war sehr schwer einzuordnen und zu verstehen.

hessenschau.de: Sie sind eine erfolgreiche Schauspielerin, Dramaturgin und Theaterautorin. Warum haben Sie vor rund vier Jahren begonnen, diesen Film zu machen?

Zaree: Filmemachen war schon immer ein großer Wunsch von mir. Allerdings hatte ich nie den Plan, einen Dokumentarfilm zu drehen. Ich habe aber immer die Notwendigkeit verspürt, die Zeugenschaft meines Vaters bewahren zu müssen. Er hatte ja die massiven Menschenrechtsverletzungen im Iran in den 80er-Jahren am eigenen Leib erfahren. Seit 40 Jahren sind die Täter und das Regime an der Macht, und ich hatte Angst, dass sein Wissen aber auch das meiner Mutter mit der Zeit verschwindet.

Als 2012 das Iran-Tribunal in Den Haag stattfand, bin ich mir des Ausmaßes dieser Verbrechen bewusst geworden, und dass unsere Geschichte nur eine von vielen ist. Ich habe mich gefragt: Wie überträgt sich diese Verfolgungs- und Gewalterfahrung über Generationen in den Familien weiter?

Mariam Zaree mit ihrer Mutter, der Frankfurter Lokalpolitikerin Nargess Eskandari-Grünberg (Grüne).

hessenschau.de: Warum ist Ihnen dieser Film so wichtig?

Zaree: Ich will mit meinem Film aufzeigen, wie wichtig es ist, sich mit den Aspekten der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen, die einem Angst machen. Diese Geschichten weisen oft auf kollektive Verdrängungen hin, bieten aber auch die Möglichkeit für tiefgreifenden Wandel. In diesem Sinne hat der Film auch sehr viel mit der deutschen Geschichte zu tun. 

hessenschau.de: Sie sprechen davon, "Menschlichkeit zurück zu gewinnen". Was meinen Sie konkret damit?

Zaree: Ich erzähle ja eine Geschichte von Entwürdigung und Entrechtung. Den Menschen sollte im Gefängnis ihre Würde und ihre Identität genommen werden. Bis hin zu Ermordungen wird ihnen die Existenzberechtigung abgesprochen. Mit diesem Film versuche ich, einen Raum zu schaffen, in dem das Individuum wieder sichtbar wird, um so den Grausamkeiten Menschlichkeit entgegenzusetzen.

Angehörige zeigen Fotos von Opfern

hessenschau.de: Der Film ist sehr persönlich, Sie kommen selbst zentral darin vor, erzählen Ihre eigene Geschichte. Ist "Born in Evin" eine Art Aufarbeitung für Sie?

Zaree: Ich weigere mich eigentlich immer, den Film als einen persönlichen zu beschreiben. Ich benutze meine eigene Geschichte als Ventil, um die Konsequenzen von Unterdrückungserfahrung als eine kollektive Erfahrung sichtbar zu machen. Er nimmt zwar vordergründig die Geschichte meiner Geburt zum Anlass, aber er steht eigentlich für die Geschichte von Zehntausenden anderer Menschen. Wann wird das Persönliche universell, wann wird es politisch? Das erforsche ich mit diesem Film.

hessenschau.de: Wie geht es Ihnen damit, Ihre sehr berührende Geschichte jetzt vor so großem Publikum auszubreiten?

Zaree: Ich habe ja diese leicht schizophrene Rolle. Ich bin Regisseurin und Protagonistin zugleich. Aber so kann ich bestimmen, was ich als erzählenswert erachte und was nicht. Ich beschütze tatsächlich sehr viel von meinem Privatleben. Aber ich bin froh, dass es aufgeht, dass so viele Menschen sich von dem Film berührt fühlen und sich Fragen über ihre eigene Geschichte und die Gesellschaft stellen. Da hilft das persönliche Mittel zur Identifikation sehr. Von Statistiken und Zahlen lassen wir uns selten berühren.

hessenschau.de: Ihre Mutter ist Nargess Eskandari-Grünberg, eine bekannte Grünen-Politikerin in Frankfurt. Wie geht sie mit "Born in Evin" und der Öffentlichmachung der Familiengeschichte um?

Zaree: Meine Mutter hat sich mit ihrer Arbeit immer für Gerechtigkeit, besonders soziale Gerechtigkeit, Diversität und Menschenrechte eingesetzt. Ich glaube, meine Arbeit ist eine Fortsetzung dessen, nur eben mit anderen Mitteln. Deshalb ist meine Mutter auch sehr stolz darauf und erkennt, dass unsere Geschichte etwas Größeres sichtbar macht, das sonst vielleicht im Verborgenen geblieben wäre. Sie unterstützt das sehr – auch wenn es weh tut.

hessenschau.de: Warum schweigen die Eltern und Großeltern oft so lange und beharrlich?

Zaree: Heute würde ich sagen, dass das gar kein wirkliches Schweigen ist. Auf nonverbaler Ebene kommunizieren wir Menschen immer miteinander. Wenn man so viel Grausamkeit und Erschütterung erlebt hat, kann dieses vermeintliche "Schweigen" auch eine Überlebensstrategie sein. Es ist auch nicht unbedingt die Aufgabe der Überlebenden, zu sprechen. Vor allem die Gesellschaft muss sich die Frage stellen, welche Bedingungen geschaffen werden müssen, damit diejenigen, die versehrt wurden, Gehör finden. Aufarbeitung und Trauerarbeit ist eine komplexe Angelegenheit, und davon handelt auch mein Film.

hessenschau.de: Wie verliefen die Recherchen für "Born in Evin"? Sie haben in fünf Ländern gedreht. Wollte denn überhaupt jemand mit Ihnen sprechen?

Zaree: Es war schwierig, weil die Täter nach über 40 Jahren immer noch an der Macht sind. Es gibt keine Aufarbeitung der Gräueltaten im Iran und es herrscht Straflosigkeit. Die Mittel, solche Verbrechen sichtbar zu machen, sind begrenzt, wenn die Zeugenschaft der Überlebenden und ihrer Kinder nur im Privaten stattfindet.

Die Menschen ziehen wortwörtlich Schuhkartons mit Fotos und Briefen unter ihren Betten hervor. Das und die Erinnerungen sind die Quellen. Ich versuche, einen Beitrag zu dieser Aufarbeitungsarbeit zu leisten, die sonst nicht stattfinden könnte, weil es nichts Offizielles und eben vor allem keine Strafverfolgung gibt.

hessenschau.de: Sie haben den Grimme-Preis bekommen, den Autorenpreis des Heidelberger Stückemarkts, den Kompass-Perspektive-Preis auf der Berlinale. Was bedeuten solche Preise für Sie?

Zaree: Das sind schöne Momente, und es ist natürlich auch eine tolle Anerkennung. Aber es gibt schon auch eine Überbewertung diesen Preisen gegenüber. Am Ende sind die Dinge, die zählen, andere. Ich sage das jetzt aus einer privilegierten Position heraus, das stimmt. Aber ich denke, das Ziel sollte ja immer sein, etwas zu schaffen, das Bedeutung hat, für einen selbst und darüber hinaus im besten Fall für die Gesellschaft. 

Kida Khodr Ramadan, Maryam Zaree und Regisseur Marvin Kren (v.l.n.r.) 2018 mit ihrem Grimme-Preis für die TV-Serie "4 Blocks".
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Maryam Zaree

Maryam Zaree wuchs in Frankfurt auf und studierte Schauspiel an der Filmschule Konrad-Wolf in Potsdam Babelsberg. Sie spielte Hauptrollen in zahlreichen Spielfilmen, für den Berliner Tatort gibt sie die Gerichtsmedizinerin, sie arbeitete auch als Autorin für Theater und wurde für ihre Auftritte ausgezeichnet. 2018 erhielt sie einen "Grimme Preis" für ihren Auftritt in der TV-Serie "4 Blocks". Ihr erstes Theaterstück "Kluge Gefühle" erhielt den Autorenpreis des Heidelberger Stückemarktes und wurde in mehreren Theatern aufgeführt. "Born in Evin" ist ihr Debütfilm.

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Das Interview führte Katrin Kimpel.