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Audioseite "Alles ist am Standard-Mann orientiert"

Aufgeblasener pinkfarbener Handschuh, daneben eine Designer-Rasierklinge

Hätten die Erfinder der "Pinky Gloves" in Darmstadt Design studiert, wäre ihnen der Shitstorm nach der Präsentation der Perioden-Handschuhe in der TV-Show "Höhle der Löwen" erspart geblieben. Die Hochschule zeigt, wie Alltagsprodukte auch gendersensibel designt werden können.

Ein pinkfarbener Einweg-Handschuh mit Klebestreifen, mit dem Tampons und Binden "diskret und hygienisch" entsorgt werden können - damit haben zwei Bewerber in der Investoren-TV-Show "Höhle der Löwen" in dieser Woche für Aufsehen gesorgt. Allerdings anders, als sie es sich selbst wohl vorgestellt hatten.

In den sozialen Medien gab es einen regelrechten Shitstorm: "Periodenshaming" sei das, jungen Frauen werde eingeredet, dass die Monatsblutung ein peinliches Problem sei und sie den eigenen Körper nur mit Handschuhen berühren dürften. Dass das Produkt völlig überteuert und überflüssiger Müll sei kam als Vorwurf noch obendrauf.

"Eine halbe Stunde laut geschimpft"

Als sie vom "Pinky Glove" erfahren hat, sagt Teresa Novotny, habe sie zu Hause erstmal eine halbe Stunde laut geschimpft. Die preisgekrönte Design-Absolventin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts für Designforschung der Hochschule Darmstadt.

Sie stört neben der Einfallslosigkeit in Sachen Design vor allem eins an der Erfindung: "Es stellt die Periode als Stigma dar. Dass Müll im Mülleimer liegt, ist für mich erstmal nicht überraschend. Da liegen ja auch noch ganz andere Sachen drin, die man nicht nochmal extra einpacken muss."

Für Novotny wird hier ein Problem geschaffen, das eigentlich gar nicht da ist. Der Zuschlag der TV-Investoren ist darum für sie ein großer Rückschritt. Umso mehr freute sie sich über den Shitstorm, der um die ganze Sache im Netz und auch abseits davon entstand.  

Die Darmstädter Designerin und Wissenschaftlerin Teresa Novotny

Pink it, shrink it 

Die freie Wirtschaft greife gerne zu dem Motto "shrink it, pink it", wenn es darum geht, Fahrräder oder Werkzeug speziell für Frauen herzustellen. Neben so plakativen, wie dummen (aber eben auch effektiven) Design-Eskalationen gibt es auch subtilere Codes des Männlichen und Weiblichen, die in viele Objekte unseres Alltags eingeschrieben sind. 

Dunkle Farben, schwere Materialien, besonders Griffiges mit martialischen Power-Titeln versus fließende Formen, helle Farben, leichtes Plastik, ergonomisch geformt. So präsentieren sich "Werkzeuge" für Männer und "Küchenhelfer" für Frauen. 

Benachteiligung durch Design 

Damit wird vom echten Problem eher abgelenkt: Frauen - und andere nicht 1,80 Meter groß gewachsene, 80 Kilogramm schwere Personen - werden durch das Design der Dinge häufig benachteiligt. 

Ausgerechnet handelsübliche Küchenarbeitsflächen beispielsweise sind für die allermeisten Frauen zu hoch. Ein Lastenfahrrad, das der Baumarkt zur Verfügung stellt, ist wunderbar - aber wenig hilfreich, wenn Frau es, beladen mit drei Säcken Pflanzenerde, nicht mehr vom Fleck bewegen kann.  

"Im Grunde orientiert sich alles, was uns im Alltag so begegnet, am Standard Mann, vom Auto bis zu Küchenobjekten", sagt Julia-Constance Dissel, Professorin und Leiterin des Forschungsschwerpunktes Gender und Design an der Hochschule Darmstadt. 

Diskriminierung auch im Büro 

Die meisten Bürostühle müssten bei Frauen regelrecht für Rückenschmerzen, Verspannungen oder taube Arme sorgen. Denn die durchschnittliche Sitzhöhe ist an Männern orientiert, das breitere Becken und der weniger muskulöse Rücken wird selbst von (zu großen) Hightech-Stühlen oft nicht optimal gestützt. 

Und wer Schmerzen verspürt, kann sich schlechter konzentrieren, ist weniger produktiv, weniger kreativ und erfährt dadurch womöglich noch ganz andere Nachteile am Arbeitsplatz. 

"Das ist der springende Punkt", sagt Dissel, "man muss fragen, was erreicht man damit im sozialen Umfeld?" Da könnte ein neuer, endlich passender Bürostuhl unter Umständen sogar für einen Push der Karrierechancen sorgen. 

Extra-Würste sind keine Lösung 

Also Bürostühle extra für Frauen und extra für Männer? "Auf keinen Fall", sagt die Expertin für gendersensibles Design. Ideal sei stattdessen ein modularer Aufbau, der sich an Bedürfnisse verschiedenster Personen anpassen lässt. Nach dieser Maßgabe ist beispielsweise ein runder Sitzhocker von einem Studenten aus Dissels Studiengang entworfen worden.  

Hocker, der aus verschiedenen Scheiben besteht.

Auch die Abschlussarbeit in Industrie-Design von Teresa Novotny ist so konzipiert: ein schlanker, eleganter und gleichzeitig schlicht designter Rasierer aus Edelstahl, der „Pli“. Für Männer? Für Frauen? Sieht man dem Ding nicht an.

Inklusiv und gendersensibel

Und gerade das ist gut so. Denn Novotny ließ an ihrem Rasierer alles weg, was für den Prozess einer gründlichen Rasur verzichtbar ist - zum Beispiel einen Plastikkopf mit Mehrfachklingen oder einen rosa Gummigriff. Das Ergebnis: ein gebogenes Stück Edelstahl und eine einzige Klinge. 

Computerdarstellung eines Rasierers

Genau das - ein Objekt, das die Bedürfnisse aller Geschlechter unter einen Hut bringt - ist für ihre Professorin Julia-Constance Dissel, gelungenes Design: Es ist inklusiv und gendersensibel. 

Sendung: YOU FM, 17.04.2021, 16.24 Uhr