Die Doppelanlage der Städtischen Bühnen in Frankfurt wird abgerissen und durch Neubauten ersetzt - das haben die Stadtverordneten Anfang des Jahres beschlossen. Doch lohnt sich eine Sanierung wirklich nicht? Eine Initiative eröffnet die Debatte neu.

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Audioseite Diskussion um Zukunft der Städtischen Bühnen

Straßenbahnen passieren am 24.05.2017 in Frankfurt am Main (Hessen) den Gebäudekomplex (l) von Schauspiel und Oper. Seit einem Jahr wird in Frankfurt über die Zukunft der maroden Städtischen Bühnenanlage diskutiert. Frankfurts Schauspiel und Oper sind in einer 1963 gebauten Theater-Doppelanlage untergebracht. Sie gilt als eine der größten in Europa, ist jedoch dringend sanierungsbedürftig.
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Die Bühnen-Doppelanlage am Frankfurter Willy-Brandt-Platz hat eine bewegte Geschichte: Im Kern des Gebäudes stecken noch Teile des Schauspielhauses von 1902. An manchen Stellen im Inneren sind Stücke der alten Außenfassade zu sehen, eine Treppe hat sogar noch ein Geländer im Jugendstil.

In den Fünfzigerjahren wurde der im Krieg beschädigte Theaterbau notdürftig repariert, in den Sechzigerjahren dann komplett überbaut - mit der modernen Doppelanlage für Schauspiel und Oper, wie wir sie heute kennen. Doch auch danach wurde weiter gebaut. Der Werkstattbau ist gerade mal zehn Jahre alt.

Schichten und Epochen sichtbar machen

Die verschiedenen Schichten und Epochen erhalten und sichtbar machen, das möchte der Architekt und Professor an der Uni Kassel, Claus Anderhalten. Zum Auftakt einer Gesprächsreihe der Initiative "Zukunft Städtische Bühnen" zeigte Anderhalten faszinierende Entwürfe, in denen Architekten bestehende Gebäude weitergebaut und die Veränderungen dabei bewusst sichtbar gemacht haben - vom Museum bis zur Almhütte. Wäre das auch ein Modell für die Städtischen Bühnen Frankfurt?

Bei aller Sympathie für das Weiterbauen kann sich Baudezernent Jan Schneider (CDU) das bei den Bühnen nicht vorstellen. "Das ist eine absolute Spezialimmobilie", sagt Schneider, "noch komplizierter können nur Kraftwerke sein." Mit einer Almhütte sei das nicht zu vergleichen. Immerhin gehe es hier um den Arbeitsplatz von 1.100 Menschen, die auf hohem künstlerischen Niveau gute Arbeit machen wollten.

Abriss und Neubau beschlossen

Und so wirbt Schneider für das, was die Stadtverordneten längst beschlossen haben: Abriss und Neubau. Nur an welchem Standort? Anders als Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) wünscht sich der Baudezernent und Frankfurter CDU-Chef einen Neubau an anderer Stelle, zum Beispiel am Osthafen.

Dann könnten Oper und Schauspiel weiter unter einem Dach bleiben und man spare sich teure und heikle Interimslösungen während der Bauzeit. "So könnte am Freitagabend der letzte Vorhang am Willy-Brandt-Platz fallen und Montag gibt es die erste Vorstellung am Osthafen", skizziert Schneider sein Umzugsszenario.

Plädoyer für "selbstbewusstes Weiterbauen"

Zwischenlösungen für die Bühnen kann sich Architektin Astrid Wuttke durchaus an vielen Orten vorstellen: gegenüber der Alten Oper, im Grüneburgpark oder am Kulturcampus Bockenheim. Wuttke, die mit dem Architekturbüro Schneider + Schumacher eines der vielen Gutachten zum bestehenden Bühnengebäude gemacht hat, hält eine Sanierung des Bestandsgebäudes für möglich.

Sie plädiert für ein "selbstbewusstes Weiterbauen" - auch aus ökologischen Gründen. Diese seien bei der bisherigen Entscheidungsfindung zu kurz gekommen, meint Wuttke. Ebenso wie der Denkmalschutz, der vor allem das Wolkenfoyer der Doppelanlage als schützenwert betrachtet. "Das ist ein bauliches Erbe, das steht für etwas", meint die Architektin.

Innenstadt durch Kultur stärken

Für den Standort Willy-Brandt-Platz macht sich auch Maren Harnack stark. Die Professorin für Städtebau an der Frankfurt University of Applied Sciences und Mitbegründerin der "Initiative Zukunft Städtische Bühnen" hielte einen Umzug der Bühnen für fatal.

Es gebe ohnehin schon die Tendenz, dass wichtige Funktionen wie Einzelhandel und Büros aus der Innenstadt verschwinden. "Es wäre ein ganz schlechtes Signal, wenn man sagt: Jetzt geht die Kultur auch noch raus", mahnt Harnack. "Was ist denn eigentlich noch Innenstadt, wenn das größte Kulturgebäude nicht mehr da ist?"

Bürgerbegehren zum Wiederaufbau

Doch vielleicht sind alle diese Debatten überflüssig, wenn sich eine andere Initiative durchsetzt. Die hat nämlich unter der mehrdeutigen Überschrift "Rettet das Schauspielhaus!" Unterschriften für ein Bürgerbegehren gesammelt. Dessen Ziel ist aber gerade nicht der Erhalt des bestehenden Gebäudes, sondern der Wiederaufbau des Theaters von 1902. Derzeit prüft das Rechtsamt die Zulässigkeit des Bürgerbegehrens.

Angesichts kommender finanzieller Nöte warnt Baudezernent Schneider vor "populistischen Umtrieben". Bei geschätzten Kosten von rund 900 Millionen Euro sei es eine "große Aufgabe der Politik, eine mehrheitsfähige Lösung zu finden". Dabei müsse klar sein, dass ein gut funktionierendes Theater- und Operngebäude mehr sei als nur "nice to have".

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Bühnen-Gespräche

Die Gesprächsreihe zur Zukunft der Städtischen Bühnen Frankfurt wird organisiert von der Goethe-Universität Frankfurt, der Frankfurt University of Applied Sciences in Kooperation mit Arch+ Verein zur Förderung des Architektur- und Stadtdiskurses und dem Evangelischen Stadtdekanat Frankfurt und Offenbach. Weitere Termine am 4. und 16. Dezember sowie Anfang 2021.

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Sendung: hr2-kultur, 24.11.2020, 16.15 Uhr