Kolorierte Skulpturen aus der Ausstellung "Bunte Götter - Golden Edition" im Frankfurter Liebieghaus

Wir kennen Skulpturen aus der Antike nur marmorweiß - in Wirklichkeit waren sie farbig. In der zweiten "Bunte Götter"-Ausstellung zeigt das Frankfurter Liebieghaus neue rekonstruierte Meisterwerke.

In dem kreisrunden Raum steht eine lebensgroße Frauenfigur: Die braunen Haare eng am Kopf geflochten, neigt sie den Blick leicht nach unten. Mit den Händen greift sie nach ihrem zarten, grünen Gewand, dessen Transparenz der eng anliegende rosa Unterrock hindurchschimmern lässt.

Eine farbige Skulptur aus dem antiken Griechenland? Zwar handelt es sich bei der "Kleinen Herkulanerin" von der Insel Delos um einen Abguss, dessen weitgehend marmorweißes Original im Archäologischen Nationalmuseum Athen steht - doch er zeigt die ursprüngliche Farbigkeit der Antike.

Für viele ist diese Vorstellung einer farbigen Antike immer noch neu. Die marmorweißen Skulpturen sind nur das, was Wind und Wetter von Tausenden von Jahren uns hinterlassen haben. Die Skulpturensammlung des Frankfurter Liebieghauses präsentiert daher 17 Jahre nach der ersten Ausstellung eine weitere "Bunte Götter"-Schau, dieses Mal mit dem Untertitel "Golden Edition" (bis 30. August). Ein Schwerpunkt darin: Skulpturen des Hellenismus.

Kolorierte Skulpturen aus der Ausstellung "Bunte Götter - Golden Edition" im Frankfurter Liebieghaus

Die Wanderausstellung, die seit 2003 von rund drei Millionen Menschen in München, Rom, Athen, Istanbul, Hamburg, Berlin, Wien, Kopenhagen, London, Mexiko-Stadt und San Francisco bestaunt wurde, präsentiert bei ihrer zweiten Station am Main nach 2008 neue Forschungsergebnisse und Exponate.

Keine farblose Bildhauerei in der Antike

Mehr als 100 Objekte aus Museen in aller Welt und aus dem Bestand des Liebieghauses sind zu sehen, darunter 60 Rekonstruktionen sowie 22 Grafiken. Begründet hat die Rekonstruktionen der Leiter der Liebieghaus-Antikensammlung, der Klassische Archäologe Vinzenz Brinkmann. Er widmet sich seit 40 Jahren der Erforschung der Farbigkeit der Antike. Sein Anliegen: die Annahme einer farblosen Bildhauerei und Architektur in der Antike zu widerlegen.

Der Ausstellungstitel "Golden Edition" verweise darauf, dass Gold aufgrund der Untersuchungsbefunde durchweg eine bedeutende Farbe vom alten Ägypten bis in die Neuzeit war, erklärt Brinkmann. Gold spiele daher auch eine wichtige Rolle für die jüngsten Rekonstruktionen von Werken aus der Antike.

Farben aus Originalmateralien

Stolz ist der Archäologe und Ausstellungsmacher besonders auf die Leihgabe der "Bikini-Venus" aus Pompeji. Das Exponat aus dem Archäologischen Nationalmuseum Neapel stellt eine Aphrodite mit Erosknaben aus Marmor dar. Die nackte Frauenfigur ist mit Verzierungen und einem geflochtenen Bustier aus Gold bemalt.

Kolorierte Skulpturen aus der Ausstellung "Bunte Götter - Golden Edition" im Frankfurter Liebieghaus

"Für die Rekonstruktionen gehen wir von Fakten aus", betont Brinkmann. Neu entwickelte Untersuchungsmethoden wie die Infrarotlumineszenz-Fotografie oder die Röntgenfluoreszenz-Analyse hätten in den vergangenen Jahren weitere Erkenntnisse erbracht. Rekonstruktionen würden inzwischen mit dem 3-D-Druck-Verfahren präziser als ein Abguss erstellt. Die Farben würden aus Originalmaterialien hergestellt, etwa aus Ockererde, Kupferkarbonat, Zinnoberrot, Rußschwarz oder synthetischen Pigmenten wie Ägyptisch Blau und Ägyptisch Grün.

Täuschend echte Nachahmung der Natur

Neuere Untersuchungen haben nach den Worten von Brinkmann auch die farbige Rekonstruktion der "besten und schönsten griechischen Figuren" möglich gemacht - der Experte meint damit die Bronzekrieger von Riace. Der Nachguss der Gruppe von lebensgroßen griechischen Kriegern aus dem Archäologischen Nationalmuseum von Reggio di Calabria und die Aufarbeitung der originalen Farbigkeit lasse das Ziel der antiken Kunst, die täuschend echte Nachahmung der Natur, Wirklichkeit werden, schwärmt Brinkmann.

Kolorierte Skulpturen aus der Ausstellung "Bunte Götter - Golden Edition" im Frankfurter Liebieghaus

Die Illusion sonnengebräunter Haut sei durch die Erneuerung des Asphaltlacks erzielt worden. Lebensnähe entstehe durch die Steineinlagen in den Augen, in Kupfer eingelegte Brustwarzen und Lippen sowie durch Silberblech-belegte Zähne.

Seine farbigen Rekonstruktionen der antiken Skulpturen hat der Archäologe mittlerweile dem Liebieghaus vermacht. Dort verbleiben sollen die Exponate aber nicht. "Wir haben einen erzieherischen Anspruch", verkündet Brinkmann. Die erweiterte Ausstellung soll wieder reisen: Verhandlungen mit Neapel liefen, danach seien New York und Sydney im Blick.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 29.01.2020, 16.45 Uhr