Graffiti Jaune Bad Vilbel

Beim Umgang mit Streetart ist nicht die Metropole Frankfurt Vorreiter, sondern das wenige Kilometer nordöstlich gelegene Bad Vilbel. Das sagt der weltweit bekannte Frankfurter Künstler Case Ma'Claim und benennt, was Bad Vilbel richtig macht.

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Streetart-Künstler Case Ma'Claim in Bad Vilbel, Mann mit Brille; Jeans und Jacke vor einem Graffiti
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Grün-rosa Krokodile, Männer in orangefarbenen Anzügen oder abstrakte Ornamente: Großflächige Wandmalereien in oft intensiven Farben, immer wieder blitzen sie auf im Bad Vilbeler Stadtbild. Seit 2008 entwickelt sich der pittoreske Ort in der Wetterau zu einer Open-Air-Galerie für Streetart - erwünscht und gezielt gefördert vom dortigen Stadtmarketing und dem Fachbereich Kultur.

Der Frankfurter Streetart-Künstler Case Ma'Claim ist seit der ersten Stunde dabei. Seiner Ansicht nach bietet legales Sprühen eine gute Alternative zu illegalen Graffitis: "Ich muss nicht nachts rausrennen, ich kann mir Zeit lassen und kann in mich gehen, beziehungsweise kann mal etwas Neues ausprobieren. Und das ist hier in Bad Vilbel sehr stark vertreten durch Stadtmarketing und Kultureinrichtungen. Und das funktioniert über die Jahre sehr gut."

Vielfalt und Chaos 

Graffiti "Laufende Hände" in der Frankfurter Ostendstraße

Seit Mitte der 1990er Jahre sprüht Case alias Andreas von Chrzanowski auf öffentlichen Flächen. Als Mitglied der international bekannten Ma'Claim Crew wurde er zum Vorreiter fotorealistischer Streetart. Er ist nur noch hin und wieder in seinem Atelier in der Frankfurter Naxoshalle, ständig unterwegs, um seine Kunst auf Staudämmen, Museumsmauern und Wandflächen in der ganzen Welt zu verewigen. Er ist sehr gefragt und kann inzwischen von seiner Kunst leben. In Frankfurt hat er - unter anderem - die S-Bahn-Haltestelle Ostendstraße verschönert und zwei Hausfassaden an der Miquelallee.

Seine Murals sollen thematisch mit den Orten zu tun haben, an denen sie entstehen und etwas hinterlassen "mit dem die Menschen dort gut leben können", sagt er. "Ich bin ein Kind aus dem Osten, mein Land existiert nicht mehr. Ich finde Freiheit toll, und ich finde auch Zusammengehörigkeit gut. Diversity ist natürlich, und Chaos ist natürlich, und das gehört zu Diversity dazu." 

Mehr als 40 Streetart Werke 

Graffiti des Künstlers Curtis Hylton: Gesprayte, bunte Krake auf einer Hauswand.

Auch in Bad Vilbel hat er mehr als ein Mal gesprüht, zuletzt ist im Rahmen des ersten "WallStoryTown"- Streetart-Festivals im Oktober 2020, gemeinsam mit vielen anderen internationalen Künstlern. Das Festival hat er selbst produziert und kuratiert, und mit der Unterstützung der Stadt Bad Vilbel durchgeführt. Die damals entstanden Arbeiten stammen von internationalen Künstler aus Australien, England, Spanien, Belgien und Argentinien.

Inzwischen gibt es dort mehr als 40 Streetart-Arbeiten in den verschiedensten Erscheinungsformen - von mit Gewitterwolken verzierten Stromhäuschen bis zu großflächigen Murals. Alle sind Auftragsarbeiten im öffentlichen Raum. Daneben hat die Stadt auch vier Freiflächen ausgewiesen, wo sich Sprayer austoben und ausprobieren können, unter anderem am Nordbahnhof und Freibad. 

Was in Frankfurt fehlt

Mural "Waldsterben" von Case Ma'Claim: Mann, der etwas in einen Baumstrumpf ritzt, auf dem Stumpf der Kopf von Pu dem Bär.

Wenn es nach Case ginge, könnte sich Frankfurt von Bad Vilbel einige Scheiben abschneiden. Zwar gebe es in der Metropole am Main eine rege Graffiti-Szene und auch in Sachen Street Art seien einige international bedeutende Künstler hier aktiv.

Doch "institutionell ist man da verloren", erzählt er. "Es gibt Möglichkeiten zu malen und zu arbeiten. Aber auf der anderen Seite gibt es dann gleichzeitig wieder Probleme. Dann werden die Möglichkeiten, die existieren, in Frage gestellt, ob es denn überhaupt notwendig ist. Ist es denn Kunst? Es wird hinterfragt: Ist es notwendig, dass wir das haben?" 

Was Bad Vilbel bietet 

"Fernweh" des argentinischen Streetart-Künstlers Francisco Bosoletti: Schwarzweiß-Graffiti, das einen dunklen Wald zeigt.

Die Stadt Bad Vilbel steckt seit vielen Jahren konsequent Geld in präventive statt in repressive Maßnahmen. Sie fördert und akzeptiert Streetart - und lenkt sie gezielt. Sie schreibt sehr viele öffentliche Flächen für Auftragsarbeiten aus, in Relation zur Einwohnerzahl der Stadt ein Vielfaches mehr als der große Nachbar Frankfurt. Andererseits bemüht sich Bad Vilbel auch sehr darum, dass illegale Graffitis von öffentlichen und privaten Hauswänden möglichst schnell wieder entfernt werden, damit den Urhebern möglichst wenig Aufmerksamkeit zuteil wird.

Stattdessen bietet die Stadt den Sprayern erfolgreich Freiflächen und Möglichkeiten für Auftragsarbeiten. "Dann hat man so eine Art Prävention", sagt Case, "die vielleicht fünf von zehn Leuten davon abhält, zu taggen (Graffitis quasi zu unterschreiben, Anm.d.Red.). Dann hat man schon mal die Hälfte geschafft."

"Die Rebellion wird nicht sterben"

Künstlerisch anspruchsvolle Streetart, um das Stadtbild attraktiver zu gestalten - für Bad Vilbel ein Gewinn. Aber geht da nicht der Kern dessen verloren, was Graffiti ausmacht: die Rebellion, die der ungefragten Aneignung des öffentlichen Raumes innewohnt? Case alias Andreas von Chrzanowski hat als gelernter Maler und Diplom-Restaurator einen besonderen Blick darauf: "Es ist ein Geben und Nehmen. Es wird etwas geschaffen, um wiederum etwas zu entfernen, was ja auch dem Image generell nicht gut tut. Die Rebellion, die wird ja nicht dadurch sterben, dass es in Bad Vilbel ein Konzept dafür gibt, wie man es lenkt."

Private Hauswände seien ohnehin tabu, eine Art Kodex unter Sprayern. Doch nicht jeder halte sich daran. Case geht dafür einen anderen Weg, den der Legalität und Kulturförderung. "Also mir geht es darum, dass ich mein Tag so hoch wie möglich anbringe. Das ist der eigentliche Grund, warum ich male. Um ganz zum Schluss taggen zu können. Das ist quasi die Erlaubnis."