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Audioseite Comic über schwule Liebe in der Nachkriegszeit

Kombination aus einem Portrait des Comiczeichners und einer Zeichnung seines Comics.

Erst war das Familiengeheimnis seiner Freundin nur eine Anekdote: der schwule Opa. Aber schnell war Autor Matthias Lehmann klar, noch heute führen manche Homosexuelle ein Doppelleben. Deshalb gibt es Opas Leben jetzt als Comic.

Das Nachkriegsdeutschland der 1950er Jahre: Der Fabrikarbeiter Karl Kling heiratet in eine gute Familie ein, seine Frau bekommt ein Kind, alles scheint perfekt. Aber: Er fühlt sich von Männern angezogen. Karl hält das geheim, lange Zeit gibt es nur die schnelle Nummer im Klohäuschen. Erst in der Großstadt Frankfurt gelingt ihm eine Art Coming-Out. 

Die Geschichte, die der Leipziger Autor Matthias Lehmann in seiner Graphic Novel "Parallel" erzählt, handelt von den bürgerlichen Zwängen, der inneren Zerrissenheit und der lange Zeit unterdrückten Sexualität eines Mannes. Alles wirkt sehr authentisch. Kein Wunder, denn den Protogonisten Karl Kling hat es tatsächlich gegeben. "Das ist der Großvater meiner Freundin", erzählt Lehmann.

Kein Einzelschicksal

Karls Kampf mit der homophoben Gesellschaft ist kein Einzelschicksal, hat Matthias Lehmann schnell gemerkt: "Wenn ich die Geschichte anderen Leuten erzählt habe, kam relativ häufig: 'Ich kenne auch einen Schwulen, bei dem ist das heute noch so, dass er pro forma verheiratet ist'."

Auch heute, zwei Generationen nach Opa Klings Kampf gegen gesellschaftliche Normen, ist Homosexualität offenbar noch nicht selbstverständlich. Eine Studie der TU München von 2018 gibt an, dass knapp sechs Prozent der homosexuellen Männer Mitte 40 ein heterosexuelles Leben führen, also mit einer Frau verheiratet sind. Für Matthias Lehmann war klar: Karl Klings Geschichte muss veröffentlicht werden.

Auch die schwule Perspektive gefunden

Leicht war das nicht, immerhin ist Karl selbst schon 1980 verstorben. Aber Lehmann hat die Familie, Freunde und Bekannte befragt und viel über das bürgerliche Leben seines Protagonisten in Leipzig und später in Südhessen herausbekommen: über seine zwei Ehen, die Kinder, seine Arbeit, die Kollegen. Zu einseitige Informationen, befand Lehmann: "Was man natürlich nicht weiß: Wie hat er sein schwules Leben bestritten, wie hat er das gemacht?"

Matthias Lehmann hat auch das recherchiert, Bücher gewälzt und einen anderen Homosexuellen im gleichen Alter wie seine Hauptperson befragt. "Er hat sehr offen beschrieben, wie er das so gemacht hat. An welche versteckten Orte er gehen musste." Fünf Jahre hat diese Recherche gedauert, immerhin musste der Autor gleichzeitig noch seine Brötchen verdienen.

"Mein Metier ist der Comic"

Der 38-jährige Lehmann ist freischaffender Comiczeichner und Illustrator. Ihm war klar: Die Geschichte wird weder ein Roman noch ein Film. Er hat sie in viele kleine, liebevoll gezeichnete Bildchen gepackt, sogenannte Comic-Panels. "Ich habe die Form nur aus persönlichen Gründen gewählt, ich zeichne seit über 20 Jahren Comics, das ist mein Metier zu erzählen."

Wobei diese Art von Comic, die graphic novel, nichts mit dem bunten Micky-Maus- oder Donald Duck-Stil zu tun hat. Dieser Comic ist ganz Schwarz-weiß, mit Tusche-Effekt, mal etwas verschwommen, mal sehr detailliert.

Zwei schwarz-weiss gezeichnete Männer stehen sich gegenüber. Text in den Sprechblasen: Ich dachte, du - ich... und Ich liebe dich doch.

Endlich das Debüt in Händen halten

Damit die Lebensgeschichte von der Nachkriegszeit über die 1960er Jahre in Hessen nicht langweilig wird, präsentiert der Autor sie in Zeitsprüngen. Mal erzählt der Protagonist in der Jetztzeit, als alter Mann, mal findet sich der Leser in den 1950er Jahren. Ein angemessenes Stilmittel, urteilt Kritiker Alex Jakubowski: "Das funktioniert sehr gut, weil es darum geht, die Zerrissenheit des Hauptdarstellers zu zeigen."  

Acht Jahre lang hat Matthias Lehmann an seinem Debüt gearbeitet. Jetzt ist es endlich soweit: Im Oktober wird die Graphic Novel 'Parallel' veröffentlicht. Ein komisches Gefühl, gibt Matthias Lehmann zu: "Ich denke, erst wenn ich das Buch in Händen halte, werde ich begreifen, dass ich jetzt damit fertig bin." 

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