Modell des "Eden"-Towers mit seiner begrünten Fassade.

Mit dem "Eden"-Tower bekommt Frankfurt sein erstes Hochhaus mit begrünten Fassaden. Für die einen ein Leuchtturm-Projekt, das den Weg in eine nachhaltige Zukunft weist - für die anderen nur ein schönes Ornament im Stadtbild.

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Zum Artikel auf hr-inforadio.de Architekt Mäckler: "Pflanzen wachsen auf'm Boden, nicht auf'm Turm"

Christoph Mäckler
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Der Turm, der gerade im Frankfurter Europaviertel fertiggestellt wird, mag zwar kein Leuchtturm sein – er entfacht aber eine ähnliche Wirkung. Der knapp 100 Meter hohe "Eden"-Tower strahlt dabei nicht, er grünt - dank rund 200.000 Pflanzen, die sich an seinen Außenfassaden entlang winden.

Das macht ihn als Frankfurts ersten begrünten Wohnturm insofern weithin sichtbar, als dass er polarisiert: Hält er wirklich, was seine grüne Hülle verspricht - eine Lösung für nachhaltigen Wohnungsbau der Zukunft, der das Klima verbessert und Sauerstoff liefert? Oder sieht er nur anders aus als all die anderen Frankfurter Hochhäuser - dank einer Fassade, deren Aufwand und Investitionen dafür aber alles andere als nachhaltig und grün sind?

"Die Politik braucht immer schnelle Ergebnisse"

Experte Christoph Mäckler vertritt eine klare Meinung: "Ein Haus mit tausenden Pflanzen sieht vielleicht auch gut aus, jedoch ist der Pflegeaufwand immens, da die Pflanzen laufend gewässert, geschnitten und ausgetauscht werden müssen. Es muss darüber nachgedacht werden, ob dieser Aufwand noch dem ökologischen Gedanken entspricht, der für unsere Städte dringend notwendig ist", sagt der 70-Jährige, der als Architekt die Frankfurter Innenstadt mit ihren Hochhäusern und Museen, Geschäftshäusern und Bürotürmen geprägt hat. Er hält es für überflüssig, etwas zu verändern, nur um des Veränderns Willen. Trotzdem gilt er als Visionär für Nachhaltigkeit. "Die Politik braucht immer schnelle Ergebnisse. Das kann ich auch verstehen", sagt Mäckler aber.  

Die Politik. Frankfurts Wirtschaftsdezernent Markus Frank (CDU) war begeistert, als er kürzlich die Baustelle des "Eden"-Towers besuchte. Der Turm sei gut "für das Klima, für das Wohlfühlen", sagte Frank, als er in luftiger Höhe auf die Innenstadt blickte. "Und wenn jetzt noch vertikale Bepflanzungen dazukommen, dann wird sich das noch steigern. Also Frankfurt ist eine Green City", ergänzte Frank. 

Etwa 2.000 Quadratmeter, also 20 Prozent der "Eden"-Fassade, werden am Ende mit 15 unterschiedlichen Pflanzenarten bedeckt sein. Der Projektentwickler Immobel verspricht sich davon genau das, was Frank schon jetzt zu sehen scheint: Ein Hochhaus, das für Biodiversität steht, die Temperatur reduziert, CO2 sowie Feinstaub absorbiert und Sauerstoff zurückbringt.  

Architekt Mäckler sieht "Augenwischerei"

So ein dünner Vorhang von Pflanzen sei nicht natürlich, bemängelt dagegen Mäckler. "Er ist nicht dauerhaft, nicht nachhaltig. Deswegen halte ich solche Projekte für Augenwischerei", sagt der Architekt. Grüne Fassaden sind für ihn reine Dekoration, er hält von Begrünung nur etwas, wenn über echte Bäume gesprochen wird. "Jeder vernünftige Baum, den man vor ein Hochhaus setzt, liefert mehr Sauerstoff und Nachhaltigkeit als eine begrünte Fassade, die ständig gepflegt, bewässert und erneuert werden muss", meint er. "Pflanzen wachsen auf dem Boden, nicht auf dem Turm."

Dass sie sich am "Eden"-Tower hochranken, verdanken die 200.000 Pflanzen einer besonderen Technik. Vor der Fassade stehen zehn Säulen, an denen feuerfeste, vierzig Kilogramm schwere Matten hängen, die mit einer Schicht aus Mineralwolle befüllt sind, auf der die Pflanzen dann wurzeln. Bewässert werden sie nicht mit Regen- oder Brauchwasser, sondern mit Trinkwasser. Das, ebenso wie die Düngemittel, den Pflanzen per Schlauchsystem gereicht wird. Und sinkt die Feuchtigkeit in den Matten zu sehr ab, melden sich Sensoren.  

Pflanzen ohne Bodenkontakt viel teurer

"Man muss sich immer fragen: Was kostet das und ist der Nutzwert hoch genug?", sagt Mäckler. "Baukosten werden immer höher, es entstehen vor allem unglaubliche Kosten für technische Dinge, die ideologisch getrieben sind." Das akzeptiere er als Architekt nicht – und nennt Zahlen: "Bei bodengebundenen Pflanzen geht man von einem Richtwert zwischen 15 und 35 Euro pro Quadratmeter aus – bei Pflanzen ohne Bodenkontakt geht man von Kosten von mindestens 400 Euro pro Quadratmeter aus." 

Wohntürme liegen da im Vorteil. Denn die anfallenden, horrenden Kosten können auf die Wohnungseigentümer abgewälzt werden. Beim Bosco Verticale zum Beispiel, den berühmten begrünten Zwillingstürmen in Mailand. "Um ihn zu unterhalten, benötigt man allein 1.500 Euro pro Monat pro Wohneinheit, damit sich der Gärtner an der begrünten Fassade hinabseilt und die im Windkanal erprobten Bäume pflegt", sagt Mäckler. "Das ist dekadent, so baut man einfach nicht." 

10.000 Euro pro Quadratmeter - mindestens

Am Frankfurter "Eden"-Tower sollen die Pflanzen zwei Mal im Jahr geschnitten werden, von Gärtnern, die von einer auf dem Dach montierten Gondel aus arbeiten. Zwei bis acht Jahre sollen die Pflanzen halten, die auch als Trennelemente auf den Balkonen zwischen den 263 Wohnungen dienen. Die günstigste von ihnen kostet 10.000 Euro pro Quadratmeter, das teuerste Penthouse gibt es für rund drei Millionen Euro. Trotzdem sind dem Projektentwickler Immobel zufolge bereits 60 Prozent der Wohnungen verkauft worden. 

Die grüne Fassade wirke als Kaufargument. Schließlich erhalte jeder Bewohner in einem so dicht besiedelten Stadtteil wie dem Europaviertel Zugang zum Grünen. "Die Begrünung wird einen Beitrag zur Lebensqualität im Gebäude und der Umgebung leisten", sagte Muriel Sam, die bei Immobel für die Projektentwicklung zuständig ist.

Der Pflanzenspezialist in ihrem Team, Christian Bakker aus Holland, rechnete vor, wie die Pflanzen die Umgebungstemperatur beeinflussen sollen. Er habe sie direkt an der Wand und einen Meter weiter weg gemessen. "Dann ist der Unterschied manchmal schon fast zwei Grad", sagte Bakker. "Weil die Pflanzen natürlich verdünsten und das kühlt die Luft. Es absorbiert CO2. Das sind so etwa zwei Kilogramm pro Quadratmeter. Es bringt 1,7 Kilo Sauerstoff zurück." 

Skyline als grüne Silhouette

Das hören die Verantwortlichen in Frankfurt sicher gerne. Denn den Kampf gegen den Klimawandel hat sich die Politik auf die Fahnen, beziehungsweise in den Koalitionsvertrag geschrieben. Frankfurt solle zum europäischen Vorbild werden, heißt es darin. Als "weltoffene, nachhaltige, ökologische, soziale, dynamische und liberale Metropole". Und: "Wir wollen die Frankfurter Skyline zur grünen Silhouette machen." Mit verpflichtenden Vorgaben zur Begrünung der Fassade im nächsten Hochhausrahmenplan und dem Ziel, dass auch die "bestehenden Hochhäuser grüner werden". 

"Ich halte es für absolut notwendig, unsere Städte zu begrünen", sagt auch Christoph Mäckler. "Wir brauchen Verschattung, Sauerstoffproduktion und auch den Erholungswert von Parks. Aber all das dauert eben seine Zeit. Dafür reicht eine Legislaturperiode nicht."

Im Gegensatz zur Fassadenbegrünung belebten Parks und Plätze den öffentlichen Raum, erhöhten die Lebens- und Aufenthaltsqualität in den Stadtquartieren. Aussagen wie "Frankfurts Skyline zur grünen Silhouette machen" hält Mäckler für überzogen. 

Ein Arbeiter an den vertikalen Grünflächen des "Eden"-Towers in Frankfurt.

"Schönes Ornament im Stadtbild"

Stefan Körner, Professor für Landschaftsbau und Vegetationstechnik an der Universität Kassel, ist ähnlicher Meinung: "Begrünte Fassaden wirken keine Wunder in Sachen Bio-Diversität", sagt Körner. "Sie sind häufig mehr ein schönes Ornament im Stadtbild", hätten also eine ästhetische Funktion. 

Er sagt aber auch: "In hochverdichteten Gebieten gibt es eigentlich keine Alternative zur Fassadenbegrünung." Man müsse aber immer beachten, in welchem Verhältnis der Aufwand zum Ertrag stünde. "Sowas geht wegen der Pflegekosten eigentlich nur im Hochpreis-Segment." 

Denn alle Pflanzen würden Wurzelraum zu ihrer Verankerung sowie Versorgung mit Wasser und Nährstoffen benötigen. Bei nicht nicht bodengebundenen Lösungen müsse dies eben künstlich gelöst werden. Das Thema der grünen Fassaden sei also auch eine soziale Frage. Und eben die Frage, ob es klimatisch so viel bringt.  

Stauden haben nicht den Effekt wie Bäume

Auf dem "Eden"-Tower werden unter anderem die herzblättrige Bergenie, die japanische Segge und der kriechende Günsel gepflanzt. "Das sind Staudengewächse, die dauerhaft sind, und wie die Bergenie auch auf Felsen wachsen können", sagt Körner. Günsel aber komme eigentlich auf feuchten Wiesen vor. Man könne Stauden also durchaus in Matten auf Wänden anbringen - mit ausreichend Wasser und Dünger.

Nur hätten Stauden eben nicht den Effekt wie Bäume, man müsste schon enorm große Flächen mit ihnen bedecken. Und auch kleinklimatisch habe eine begrünte Fassade alleine kaum Auswirkungen, sagt Stefan Körner. "Bis auf die Höhe des ersten Geschosses sind diese Gewächse für Fußgänger darunter sehr angenehm", sagt er. "Aber darüber wird der Temperatur-Effekt vom Wind verwirbelt." 

Architekt Mäckler ergänzt: "Unter Bäumen ist die Luft um bis zu zehn Grad kühler." Neben der erhöhten Aufenthaltsqualität, die beispielsweise eine 150 Jahre alte Buche bietet, nehme diese pro Tag 24 Kilogramm CO2 auf, "so viel wie ein Kleinwagen auf 150 Kilometern in die Luft pustet."

Alles in allem sei ein Projekt wie der "Eden"-Tower ein interessantes Experiment, aus dem man lernen könne. "Ob er zum Vorbild-Charakter taugt, muss man abwarten", sagt Körner.  

"Jede Begrünung ist eine gute Sache"

Harald Höckner vom Projekt Stadtgrün beim Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) gesteht dem "Eden"-Tower diesen Charakter schon zu. "Er erregt Aufmerksamkeit", sagt Höckner. "Und generell ist jede Begrünung eine gute Sache." Wenn auf dem Boden nicht genug Platz für neue Pflanzen sei, müsse man sie eben in der Höhe anbringen.

Das ist für Höckner insofern wichtig, als dass das Thema Begrünung noch nicht ausreichend in den deutschen Städten angekommen sei. Definitiv bräuchten die Innenstädte aber mehr grüne Flächen auf Dächern wie auf Fassaden.

Kühlung im Sommer, Dämmung im Winter

Mit dem Projekt Stadtgrün berät das Fachzentrum Klimawandel und Anpassung Kommunen aber auch interessierte Bürgerinnen und Bürger bei der Auswahl von Pflanzen, mit denen sie ihre Objekte begrünen sollten. Das sei wichtig: Als Kühlung für Innenräume im Sommer oder Dämmung im Winter, gegen den Feinstaub in der Stadt und für das Klima. Alles Aspekte, die für Höckner jeweils ganz individuell von der Ausführung abhängen.  

Und auch wenn er meint, dass eine fassadengebundene Lösung wie am "Eden"-Tower eine durchaus aufwendige Lösung darstellt, sagt Höckner: "Der Tower hat dann 200.000 Pflanzen mehr als jedes nicht begrünte Hochhaus. Wenn 20 Prozent seiner Fläche begrünt sind, sind das 20 Prozent, die bei anderen Gebäuden fehlen." 

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hs 29.06.2021 Thumbnail
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