Gudrun Pausewang wird für ihre Lebenswerk geehrt.
Gudrun Pausewang: Im Oktober 2017 wurde sie mit dem Jugendliteraturpreis für ihr Lebenswerk geehrt. Bild © picture-alliance/dpa

Sie ist leidenschaftliche Friedenskämpferin und Mahnerin gegen Atomkraft - ihre schärfste Waffe ist die Schreibmaschine. Gudrun Pausewang wird 90 und ihre Bücher sind aktueller denn je.

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Gudrun Pausewang

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Ihre Katastrophenbücher sind die bekanntesten Titel

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Die Verführung durch den Nationalsozialismus, die Friedens- und Umweltbewegung und lange Jahre in Südamerika haben die Schriftstellerin Gudrun Pausewang geprägt. Gut 100 Bücher für alle Altersgruppen hat sie geschrieben. Ihre größten Erfolge hatte sie aber mit Werken für Kinder und Jugendliche, von denen viele zur Schullektüre wurden.

Am Samstag feiert Pausewang ihren 90. Geburtstag. "Ich feiere mit vielen alten Freunden aus nah und fern. Ich freue mich, sie wiederzusehen." 35 Jahre lebte Pausewang in Schlitz (Vogelsberg), wo sie einen Großteil ihrer Bücher verfasste. Seit einem Sturz vor rund zwei Jahren wohnt sie heute in der Nähe ihres Sohnes, in einem Seniorenheim bei Bamberg in Bayern.

Ihr letztes Buch erschien 2016 "So war es, als ich klein war: Erinnerungen an meine Kindheit". Mittlerweile schreibt die Autorin aus Altersgründen nicht mehr. "Mein Erinnerungsvermögen nimmt ab. Ich traue mich nicht mehr." Das wird sie wohl nicht kalt gelassen haben. Denn 2013 sagte sie in einem Interview: "Die Schriftstellerei ist kein Job, sondern Leidenschaft." Aber immerhin könne sie noch Brieffreundschaften pflegen.

Eine Kindheit als begeistertes Jungmädel

Ihre Kindheit verlebte Pausewang in Wichstadtl in Ostböhmen. Hier wurde Gudrun Wilcke, wie sie eigentlich heißt, am 3. März 1928 geboren und wuchs mit fünf jüngeren Geschwistern auf. Ihre Eltern lebten autark und blieben Außenseiter im Dorf. Gleichzeitig waren sie überzeugte Nationalsozialisten.

Als das Sudetenland annektiert wurde, war Gudrun zehn Jahre alt und fortan begeistertes Jungmädel. Der Schock kam später, als sie nach dem Tod des Vaters und der Flucht nach Westdeutschland erkannte, wie verbrecherisch der Nationalsozialismus war. Ihre Kindheit und Jugend verarbeitete sie in der "Rosinkawiesentrilogie", den Holocaust thematisierte sie in Jugendbüchern wie "Reise im August".

Prägende Jahre in Lateinamerika

Die Familie zog nach Wiesbaden, Gudrun machte Abitur und wurde Volksschullehrerin. Aber es hielt sie nicht lange in Hessen. Ihr Leben im Nachkriegsdeutschland hatte sie als "Ghetto-Dasein" empfunden. Südamerika hatte sie schon als Jugendliche fasziniert, und so ging sie 1956 für sieben Jahre als Lehrerin nach Chile und Venezuela. Ihre Ferien nutzte sie zu Reisen quer über den Kontinent und kam in Kontakt mit der ärmeren Bevölkerung.

Zurück in Deutschland hatte sie Mühe, sich wieder einzuleben. 1968 ging sie für weitere fünf Jahre nach Südamerika, diesmal mit ihrem Ehemann, einem Deutsch-Chilenen. Nach ihrer endgültigen Rückkehr nach Deutschland zerbrach die Ehe. Gudrun Pausewang zog mit Sohn Martin zu ihrer Mutter nach Hessen. Hier unterrichtete sie bis zu ihrer Pensionierung 1989 an einer Grundschule. Noch mit 70 Jahren promovierte sie über "Vergessene Jugendschriftsteller der Erich-Kästner-Generation".

Heitere Titel sind die Ausnahme

Ihr Themenspektrum ist groß: Lustige Kinderbücher wie die Abenteuer des Räubers Grapsch gehören dazu, sind aber eher die Ausnahme. Bekannt machten sie vor allem sozialkritische und zeitpolitische Themen. Die Pazifistin schrieb Romane gegen den Krieg, engagierte sich in der Umweltbewegung und kämpfte gegen die Atomindustrie.

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Namensgeberin für Schulen

In Deutschland sind sechs Schulen nach Gudrun Pausewang benannt. Zwei in Hessen (Lauterbach und Nidda), zwei in Nordrhein-Westfalen (Bergheim und Recklinghausen) und zwei in Niedersachsen (Burgdorf und Alfeld).

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"Die letzten Kinder von Schewenborn" (1983) und vor allem "Die Wolke" (1987) sind ihre bekanntesten Romane. Sie wollte mit ihnen vor realen Gefahren warnen und traf dabei den Nerv - nicht nur den der Anti-Atom-Bewegung nach der Tschernobyl-Katastrophe. "Die Wolke" thematisiert die Folgen eines Reaktor-Unfalls am Beispiel der 14-jährigen Janna-Berta. Im Roman kommt diese aus Schlitz, dem Wohnort von Gudrun Pausewang in der Nähe von Fulda.

"Die Wolke" - ausgezeichnete Pflichtlektüre

"Die Wolke" wurde 1988 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet - eine heftig umstrittene Entscheidung, kritisierte das Buch doch die Atompolitik der damaligen Regierung. Nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima 2011 wurde das Thema wieder aktuell. Und Pausewang war wieder eine gefragte Gesprächspartnerin.

"Die letzten Kinder von Schewenborn" und "Die Wolke" sind seit mehr als zwanzig Jahren Schullektüre und haben vermutlich dazu beigetragen, die Anti-Atom-Stimmung im Land zu verstärken. Pausewang erntete aber auch heftige Kritik. Selbst Erwachsenen bereiten ihre sehr realistischen Szenarien mitunter schlaflose Nächte. Der Vorwurf, sie schüre bewusst Ängste, begleitet sie deshalb bis heute.

"Alle vier Jahre zur Wahlurne? Das reicht nicht!"

Die Autorin steht zu ihrer Haltung und begründet sie mit ihrer eigenen Biografie. In einem Interview sagte sie 2011: "Ich glaubte an Hitler und seine Botschaft bis zuletzt. Erst Jahre nach dem Krieg begriff ich langsam, dass es nicht genügt, sich alle vier Jahre an der Wahlurne fragen zu lassen: Wie hätten Sie's denn politisch gerne?"

Als Bürger eines demokratischen Systems sei man mitverantwortlich für die Politik seines Landes und damit auch für das Wohlergehen seiner Mitbürger. Sie jedenfalls wolle sich von ihren Enkeln nicht fragen lassen, warum sie nichts getan habe. Sie wolle ihnen sagen: "Im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten habe ich versucht, etwas gegen die Gefahren unserer Zeit zu tun!"