Engin Dogan: Mann mit Bart und schwarzem T-Shirt, der in einem Raum voll von Kunstwerken steht

Online-Handel, teure Mieten, Corona-Krise: Die hessischen Fußgängerzonen drohen zu veröden. Leere Ladengeschäfte sind mittlerweile ein gewohntes Stadtbild. Hanau steuert der Entwicklung mit einem Kulturtreffpunkt entgegen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found "Kein normales Kunstkaufhaus": das Tacheles

Blíck ins Tacheles: Raum voller Kunstwerke
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Luis Kannengießer liebt Hanau. Dort ist er geboren und aufgewachsen. Inzwischen ist der Künstler fest angestellt im Team des Hanauer Kunstkaufhauses "Tacheles". Dort steht er vor einem etwa zwei Meter hohen Regal, in dem Spraydosen in jeder erdenklichen Farbe stehen. Die Dosen sind für Graffitikunst gedacht.

"Es geht darum, nicht nur zum Konsum in die Stadt zu kommen", erzählt Kannengießer hinter dem Tresen aus Sichtbeton: "Man kann also auch hier ins Tacheles kommen, sich ein paar Spraydosen schnappen und ein paar hundert Meter weiter die Stadt mit Graffitis gestalten." Damit meint er die Gärtnerstraße, wo legal gesprayt werden darf. Für ihn ist solch eine Einrichtung ein positives Zeichen der Hanauer Stadtentwicklung.

"Pop-Up-Stores" gegen leerstehende Läden

Das Kunstkaufhaus "Tacheles" ist einer der sogenannten "Pop-Up-Stores" des Projekts "Hanau aufladen" der Stadt Hanau und des Stadtmarketings. Das Projekt unterstützt dabei Menschen, die neue Ideen für Ladengeschäfte in Hanau haben. Bis zu 100.000 Euro stehen insgesamt bereit, um die Hanauer Innenstadt mit neuen Geschäften attraktiver zu machen.

So gibt es dann zum Beispiel einen Mietkostenzuschuss oder Fördermittel für Werbung. Aus diesen Fördermitteln ist auch das "Tacheles" entstanden. Ein Kaufhaus, auch ein normaler Kunstkaufladen im klassischen Sinn ist es dabei aber gar nicht. Es sei schon kurz nach seiner Eröffnung am 15. Juni zu einem Kulturtreffpunkt in der Stadt geworden, erzählt Engin Dogan vom Kaufhaus-Team.

Weitere Informationen

Adresse

Ecke Nürnberger Straße/Schnurstraße in Hanau, Infos unter hanauaufladen.jetzt/tacheles

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Das Interesse der Hanauerinnen und Hanauer sei sehr groß, sagt Dogan: "Hier kommen wirklich alle rein: Egal ob jung oder alt!" Der Name "Tacheles" soll dabei übrigens bewusst an das bekannte Kunsthaus in Berlin-Mitte erinnern. Der Altbau sollte eigentlich in den 80ern abgerissen werden. Die Künstlerinitiative Tacheles hat besetzte das Haus damals und stoppte so den Abriss.

Kunst entsteht in der Fußgängerzone

Besonders die obere Etage des Hanauer Kunstkaufhauses lädt als kultureller Treffpunkt zum Austausch mit Künstlerinnen und Künstlern ein. Dort zeigt Luis Kannengießer das Atelier. Pinsel, Scheren, Stoffe, Acrylfarben, eine Leinwand auf einer Staffelei: Es ist alles da, um direkt kreativ zu werden.

Luis Kannengießer: Mann in schwarzem T-Shirt vor einem Regal

"Hier kann jeder kommen, der Lust hat, und direkt loslegen", erklärt Kannengießer das Konzept des Ateliers. Wobei es ganz gut sei, vorher in einem Kalender einzutragen, wann die oder der Kunstschaffende das Atelier nutzen möchte, rät er. Ansonsten sei es aber für alle kostenfrei nutzbar. In Zukunft sollen hier auch Workshops und Kurse stattfinden.

Die klassische Konsumzone hat ausgedient

Die Entwicklung der Innenstädte war historisch zunächst eine andere. Das hat Christoph Mäckler, der Direktor des Deutschen Institutes für Stadtbaukunst, kürzlich noch einmal nachgezeichnet. In einer Konferenz zur Schönheit und Lebensfähigkeit der Stadt, die per Livestream am 22. und 23. Juni stattfand, sprachen Stadtplaner über die Strategien und die Zukunft der deutschen Innenstädte.

Die Innenstadt sei dabei zu einer Einkaufs- und Konsumzone geworden, in der es hauptsächlich Einzelhandel und Büros gebe. Mittlerweile stehen aber immer mehr Läden, die zuvor auch große Kaufhausketten beheimatet haben, leer. Dies sei eine Entwicklung der Digitalisierung und der Online-Shops. Die Corona-Pandemie habe das Ganze zusätzlich beschleunigt.

Chance: Innovative Gründer holen

Mäckler sieht darin aber auch eine große Chance. "In der Stadt braucht es Vielfalt, da braucht es Leben", erläutert der Frankfurter Architekt: "Und genau das haben wir in der Fußgängerzone eben nicht." Gerade aber in den Fußgängerzonen kleinerer Städte sei es jetzt möglich, durch geringere Mieten innovative Gründerinnen und Gründer in die leerstehenden Ladengeschäfte zu holen.

"Das hält das Leben in der Stadt", sagt Mäckler: "Und ich bin der festen Überzeugung, dass wir in diese Richtung in der Zukunft denken müssen." Dazu sei aber auch Mut in der Politik notwendig, um eine solche Entwicklung überhaupt möglich zu machen. Dazu sei es auch notwendig, in Zukunft anders zu bauen: Mit großen Höfen und mehr Parkanlagen.

Szenetreffpunkt Innenstadt?

Im Hanauer "Tacheles" war früher noch ein Schuhladen zu finden. Die Entwicklung hin zu einem Treffpunkt für Kunstschaffende sieht Künstler Luis Kannengießer positiv: "Ich bin Hanauer aus Leidenschaft und mir geht es einfach auch darum, die Stadt zu gestalten."

Eine Innenstadt, die zu einem Kulturtreffpunkt wird, wäre für Luis Kannengießer eine gute Stadtentwicklung. Als weiteres positives Hanauer Beispiel nennt er dabei die inzwischen abgerissene Schweinehalle, die ein Szenetreffpunkt insbesondere für Grafitti-Künstlerinnen war: "Das ist wirklich eine meiner schönsten Kindheits- und Jugenderinnerungen."

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