Bildkombo: Poledancer  Bianca Okugic und Simon Koch an der Stange

Kaum ein Sport wird so vorverurteilt wie Pole Dance. Es ist Zeit, endlich vom Striptease-Image abzulassen. Zwei Sportler aus Hessen erzählen über ihre Leidenschaft an der Stange und die Schattenseiten des Sports.

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Wenn Bianca Okugic an der Pole-Dance-Stange tanzt, wirkt es, als würde für sie die Schwerkraft nicht gelten. Fast schon katzenhaft und mit großer Leichtigkeit springt sie leise vom Boden ab und turnt kopfüber, horizontal, vorwärts, rückwärts am Metall. Es sieht so einfach aus, doch ihre schnelle Atmung verrät, welche Kraft es den Körper kostet.

Aus Begeisterung eigenes Pole-Dance-Studio aufgemacht

Es braucht Jahre, um sich so bewegen zu können wie Bianca. Als sie vor 12 Jahren auf YouTube erstmals eine Pole Dancerin sieht, ist die direkt entfesselt. "Ich habe nie wirklich eine Sportart gehabt, die mich richtig gereizt hat. Dieses Video hat mich total gecatcht und ich wusste, dass ich das auch machen will", sagt die 32-Jährige.

Heute betreibt Bianca Okugic in einem Offenbacher Loft ein eigenes Pole-Dance-Studio. Die Nachfrage an Kursen wächst. In ihre Kurse kommen Stripperinnen, Junggesellinnen, Journalistinnen, Schülerinnen, Männer, die Lust auf das Tanzen in Plateauschuhe haben, Frauen, die sich auspowern möchten. Biancas Publikum ist zwischen 14 und 52 Jahre alt.

Bianca im Handstandspagat an der Stange

Für den Traum vom Pole-Dance-Studio hat die gelernte Kauffrau für Bürokommunikation ihren sicheren Job in einer großen Firma aufgegeben und ihre gesamte Energie in die Selbstständigkeit gesteckt. Zeit für eine feste Beziehung sei keine mehr und auch Freunde habe sie nur noch wenige. "Es gibt schwierige Zeiten, aber wenn ich die Erfolge der Schüler sehe, dann gibt mir das einfach sehr, sehr viel zurück und ich weiß einfach, warum ich mich dazu entschlossen habe."

Simon ist mehrfacher Deutscher Meister im Pole Dance

Die Wohnung von Simon Koch ist nicht groß. Der Psychologiestudent bewohnt ein Zimmer in Gießen. Dennoch darf ein Gegenstand in seinem Zuhause nicht fehlen: eine Pole-Dance-Stange. Dort trainiert Simon regelmäßig. So wie auch in seinem Verein TSG Blau-Gold Gießen e.V. Über eine Freundin kam der 25-Jährige zum Pole Dance. Inzwischen ist er mehrfacher Deutscher Meister. 2019 wurde er Dritter bei der Pole-Sport-Weltmeisterschaft. "Das war ein ganz besonderer Erfolg, mit dem ich nicht gerechnet habe, weil es meine erste WM war", erinnert er sich. Zu Wettkampfzeiten trainiert Simon fünf bis sechs Mal die Woche.

Simon hängt rückwärts an der Pole Dance Stange

An Pole Dance gefällt ihm die Vielseitigkeit und Mischung an Möglichkeiten. "Es ist einfach eine super fordernde Sportart, die aber trotzdem sehr viele ästhetische Elemente integriert. Man kann das total tänzerisch gestalten, aber auch nur rein unter dem sportlichen Aspekt verstehen." Als Mann ist Simon im Pole Dance in der absoluten Minderheit. Er vermutet, dass sich viele Männer abschrecken lassen, weil Pole Dance in den Köpfen als Frauending und "lasziv an der Stange tanzen" gesehen wird. Er selbst habe früher auch gedacht, es gehe nur darum, sich irgendwie sexy zu bewegen.

Früher ware Pole Dance Männersache oder Rotlicht-Vergnügen

Früher wäre Simon Koch als Mann an der Stange nichts Besonderes gewesen, denn diese Form der Akrobatik war zunächst vor allem Männersache. Das sollte sich erst 1920 ändern, als in den USA erstmals Frauen in Zirkussen an Stangen für Unterhaltung sorgten. Ab den 1970er-Jahren etablierte sich Pole Dance in Verbindung mit Striptease in Bordellen und Nachtclubs, wo es bis heute noch betrieben wird. Obwohl Pole Dance längst zum Freizeit- und Profisport geworden ist, hält sich das Rotlicht-Image hartnäckig.

Das war auch für Bianca der Grund, weshalb sie ihr Hobby sieben Jahre lang vor der eigenen Familie geheim gehalten hat. "Ich bin sehr konservativ aufgewachsen", sagt die gebürtige Frankfurterin. "Das war keine Geschichte, die man zu Hause erzählt hat. Gerade beim Papa nicht." Ihr Vater sieht Bianca zum ersten Mal bei der Eröffnung ihres eigenen Studios an der Pole-Stange tanzen - und ist wider Erwarten sehr stolz auf sie. "Er fand das ganz toll und supported mich seitdem". Nun wünscht sich Bianca auch von der Gesellschaft, dass Pole Dance als Sport akzeptiert wird, "ohne dass man hinterfragen muss, was Kolleginnen oder Freundinnen dazu sagen."

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