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Audioseite Hausbesuch in drei besonderen Wohngemeinschaften

Portraits der drei Protagonist*innen (v. l. n. r.): Jorin Gundler, Oliver Dingeldein, Benjamin Heckwolf, Nigma Hansel, Madeleine Scholl auf einem blauen Hintergund, der eine Tür und eine Klingel daneben andeutet.

Die Wohngemeinschaft - eine Erfindung der 1960er-Jahre. Auch heute entscheiden sich viele aus unterschiedlichen Motiven für das Leben in einer WG. Ob Studierenden-, Alters- oder inklusive WG: Wir sind zu Besuch in drei besonderen Wohngemeinschaften in Hessen.

Bei den einen ist Kuchen essen Pflicht, bei den anderen wird das gesamte Haus zur Filmlocation: Das Konzept Wohngemeinschaft ist dasselbe, seine Ausgestaltung bei allen anders. Wir sind zu Besuch in drei Wohngemeinschaften in Darmstadt, Dieburg und Frankfurt. Wie lebt es sich unter Filmstudierenden? Mit welchen Schwierigkeiten hat man als Alters-WG zu kämpfen? Und wie funktioniert das Zusammenleben mit Menschen mit Beeinträchtigung?

Die Künstler:innen-WG

Jorin Gundler (29) vor dem Haus der WG

Nur ein paar Häuser von der Hochschule Darmstadt entfernt steht die hellgelbe Stadtvilla mit den grauen Fensterläden. Jorin Gundler (29) wohnt hier gemeinsam mit Filmstudierenden zwischen 23 und 33 Jahren. An den Küchenschränken kleben Namensschilder. In der Ecke hängt ein Putzplan: Sieben Spalten für sieben Leute.

Die Küche ist Gundlers Lieblingsort: "Weil wir als WG, hier die guten Gespräche führen, hier das leckere Essen kochen, den guten Wein trinken und den meisten Spaß haben. Ich finde, Küche ist immer gleich zuhause." Es riecht nach Pasta. Mitbewohner Nik hat gekocht. Auf den ersten Blick eine ganz normale Wohngemeinschaft.

Gruppenbild von Jorin Gundlers WG

Anfang des zweiten Semesters ihres Motion-Picture-Studiums ziehen die sieben in die "MoPi-Villa", wie sie liebevoll genannt wird. Jorin Gundler fasst die Idee dahinter so zusammen: "Wir wollten einen Ort finden, an dem wir wohnen können und einen Platz haben, an dem wir uns kreativ entfalten."

"Kreativraum" statt Wohnzimmer

Drei Etagen und ein großer Garten bieten genügend Platz für Dreharbeiten. Das Gästezimmer wird zur Herberge für Schauspielende, der Keller dient als Requisitenlager. Ein Wohnzimmer gibt es nicht - das heißt hier "Kreativraum". Neben der Couch und dem Esstisch stehen Whiteboard und Kamerakran. Im Produktionsbüro nebenan wird konzentriert gearbeitet.

Der Requisitenkeller der WG

Gundlers Mitbewohner Ede dreht an seinem Abschlussfilm. "Das kann sich jeder nehmen, der gerade produziert. Manchmal ist es auch ein Techniklager und wenn wir hier feiern, ist es meistens der Bier-Pong-Raum." Der 29-Jährige geht die alten Treppen hoch. Die Wände sind in unterschiedlichen Farben gestrichen. Das liege aber nicht daran, dass die WG ihr Zuhause umgestalten wollte, "sondern wir haben die Wand gestrichen, weil das besser ist als Kontrast für die Kamera. Da sieht man ganz deutlich, bis hier hin wurde gedreht und in die Richtung wurde nicht gedreht, da ist die Wand weiß", erklärt Gundler im Vorbeigehen.

Regeln für den Feierabend

"Für mich ist dieses Haus Heimat. Ich fühle mich hier sehr wohl. Das ist für mich ein Rückzugsort und gleichzeitig auch ein Ort, wo ich alles realisieren kann, was ich mir vorstelle." Fluch und Segen zugleich: Manchmal falle es daher schwer die Grenzen zwischen Beruflichem und Privaten zu ziehen.

Deshalb hat die WG angefangen Regeln aufzustellen. "Zum Beispiel, dass wir ab 20 Uhr nicht mehr arbeiten oder dass wir abends mal chillen und die Handys weglegen. Das Thema Film ist dann tabu. So versuchen wir uns, Raum zu schaffen für andere Sachen." Für Jorin Gundler ist seine Wohngemeinschaft Ruhepol und Arbeitsstätte zugleich.

Die Alters-WG

Madeleine Scholl (68) auf ihrem Balkon

Eine ruhige Wohnsiedlung im Frankfurter Stadtteil Niederursel: 13 Menschen zwischen 50 und 90 Jahren teilen sich hier den Garten und den Gemeinschaftsraum. Eine von ihnen ist Madeleine Scholl (68). Das Haus des Senioren-Selbsthilfe-Vereins für gemeinschaftliches Wohnen, kurz Sen-Se e.V., ist weder ein Altenheim noch eine Einrichtung, sondern gemeinschaftliches Wohnen.

"Weil wir uns unterstützen wollen im Alltag. Wir wollen noch autark leben in unseren Wohnungen. Wir wollen selbst bestimmen, aber gemeinsam." Diese Außenwirkung ist Madeleine Scholl wichtig.

Nachbarn zunächst zurückhaltend

Anfangs hatte es die Wohngemeinschaft schwer. "Als wir hier eingezogen sind, haben die Nachbarinnen und Nachbarn alle gedacht, wir sind eine Sekte. Es hat gedauert, bis wir das klargestellt haben, dass wir auch kein Alten- und Pflegeheim sind, sondern gemeinschaftlich wohnen." Madeleine Scholl sitzt auf ihrer Couch im Wohnzimmer und blickt auf ihren bunt bepflanzten Balkon.

Madeleine Scholls (68) Wohnzimmer

Schon mit 48 Jahren wird Scholl Mitglied bei Sen-Se e.V.. Familie hat sie kaum. Für sie steht fest, sie möchte im Alter nicht einsam sein. Mittlerweile wohnt sie seit elf Jahren hier. Sie ist eine Mitstreiterin der ersten Stunde. Jede Bewohnerin und jeder Bewohner hat seine eigene Wohnung, alles barrierefrei. "Nur wenige Menschen machen sich Gedanken über die Möglichkeit dieses Wohnens im Alter. Das finde ich schade."

Der Garten im Haus Sen-Se

Einmal im Monat ist das offizielle Hausgemeinschaftstreffen. "Da ist Pflicht, dass jeder kommt, es sei denn er ist krank." Sonntags wird gemeinsam gefrühstückt und der Nachmittag bei Kaffee und selbstgebackenem Kuchen genossen. Gemeinschaft, die wird hier großgeschrieben.

Gemeinschaft gerade in schweren Zeiten

Auch gemeinsam trauern gehört dazu. Der Tod sei ein eher unbeliebter Mitbewohner im Haus Sen-Se. "Es gab einige Verluste im Haus. Einige fehlen mir heute sehr. Erst vor kurzem ist jemand verstorben. Das hat mir sehr wehgetan", erzählt Scholl mit zitternder Stimme.

Nicht nur in schweren Zeiten zählt sie darauf, "dass man sich unterstützt. Das ist für mich das Wichtigste, dass ich weiß, es gibt Menschen im Haus, auf die kann ich mich wirklich verlassen." Klar habe sie schon einmal an Auszug gedacht, aber das komme für sie nicht in Frage. Hier hat sie sich eingerichtet. Das ist ihr Zuhause.

Die inklusive WG

Oliver, Benjamin und Nigma (v.l.n.r.) wohnen seit zwei Jahren in der WG

Oliver Dingeldein, Nigma Hansel und Benjamin Heckwolf - sie alle wollten endlich aus dem Elternhaus ausziehen. Ihr neues Zuhause haben sie in der inklusiven Wohngemeinschaft der Lebenshilfe Dieburg gefunden. Auf drei Etagen wohnen hier vier Menschen mit körperlicher oder geistiger Beeinträchtigung und zwei ohne Beeinträchtigung zwischen 21 und 32 Jahren zusammen.

Bewohnende ohne Beeinträchtigung helfen als sogenannte "Wohnassistenz", so wie Benjamin Heckwolf (22). Er studiert Inclusive Education, Heilpädagogik. Über sein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) bei der Lebenshilfe ist er auf die WG aufmerksam geworden. "Das Menschenbild, das von Menschen mit Beeinträchtigung vermittelt wird, ist sehr davon geprägt, dass viele Menschen keine Erfahrung mit Menschen mit Beeinträchtigung haben. Solche inklusiven WGs sind perfekt, um Erfahrungen zu sammeln."

Probleme gemeinsam am Küchentisch lösen

Nigma Hansel (32) wohnt seit zwei Jahren in der WG. "Miteinander umzugehen, einander Hilfe anzubieten, das kann man gut lernen in dieser WG", findet sie. Wie das im Alltag aussieht? "Zum Beispiel, der Dominik kann mit seinem Rollator nicht die Teller runterholen und dann sind die anderen da und helfen uns die Teller runterzutragen." Einander unterstützen, das ist Alltag in der Dieburger WG.

Einmal die Woche steht der WG-Rat im Kalender. Fachkräfte der Lebenshilfe Dieburg und die WG sitzen dann zusammen in der Küche. Hier werden der gemeinsame Alltag geplant und Probleme gelöst. Ob Radtouren oder Kochabende: Auch so verbringt die WG gerne Zeit zusammen. Dabei geht es darum, "dass man verschiedene Menschen kennenlernt, die ja eigentlich gar nicht großartig anders sind, sondern einfach andere Voraussetzungen haben", sagt Heckwolf.

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