Für zwölf junge hessische Filmschaffende wird die Berlinale besonders spannend: Sie zeigen ihre Produktionen auf dem "Europäischen Filmmarkt", dem Branchentreff, auf dem Nachwuchstalente entdeckt werden. Die Themen sind vielfältig.

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Filmstill "A day in the life of a boy"
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"Es ist eine riesige Chance", freut sich Niklas Bauer. Der junge Regisseur ist einer von zwölf hessischen Filmemachern auf der diesjährigen Berlinale (1. bis 5. März). Genauer: auf dem "Europäischen Filmmarkt". Hier sichten Produzenten, Einkäufer und Filmagenten die neuesten Produktionen und hier wurde schon das ein oder andere neue Talent entdeckt. Bauers 15-minütiger Kurzfilm "A day in the life of a boy" handelt von einem Jungen, der an Autismus leidet.

Inspiriert wurde er vom US-amerikanischen Maler Norman Rockwell, dessen Bilder oft ganz normale Jugendliche und ihren Alltag zeigen. "Ich habe mich vor meinem Filmstudium intensiver mit Autismus beschäftigt", erzählt Bauer. Als er ein Gemälde von Norman Rockwell entdeckt habe, habe er gewusst, dass er einen Tag aus dem Leben eines autistischen Jungen drehen wollte.

Blick in Nachbargalaxien

Niklas Bauer hat an der Hochschule Darmstadt "Motion Pictures" studiert. Ein Studiengang, in dem sich alle Studierenden in allen Bereichen des Films ausprobieren können. Bauer entschied sich sehr schnell für Regie. "A day in the life of a boy" ist sein Abschlussfilm für seinen Bachelor.

Sein Kollege Marius Kast dagegen hat sich an der Hochschule Darmstadt dem Dokumentarfilm gewidmet. Er ist mit seinem Abschlussfilm "Orion" ebenfalls auf dem Europäischen Filmmarkt in Berlin vertreten. "Orion" erzählt die Geschichte eines leidenschaftlichen Hobbyastronomen, der mit Hilfe seines Teleskops bis in die Nachbargalaxien schauen kann. In seinem 17-minütigen Film zaubert der junge Hesse bildgewaltige Aufnahmen unseres Sternenhimmels auf die Leinwand.

"Wichtig, uns Hessen sichtbar zu machen"

Die Berlinale ist eines der größten Filmfestivals der Welt. "Schon aus dem Grund ist es für uns Hessen wichtig, dass wir uns dort sichtbar machen", sagt Anja Henningsmeyer von der hessischen Film und Medienakademie, kurz HFMA. Die Direktorin vertritt ein Netzwerk von 13 hessischen Kunsthochschulen und Universitäten, die sich der Kunst des Films verschrieben haben und jedes Jahr eine Auswahl der besten hessischen Filme auf dem Europäischen Filmmarkt der Berlinale zeigt.

"Gerade für junge Talente ist es wichtig, Strukturen kennenzulernen, Leute zu treffen und die Atmosphäre zu erschnüffeln, in der die Filmindustrie unterwegs ist", erklärt Henningsmeyer. Auch wenn wegen der Corona Pandemie die Berlinale zur Zeit nur virtuell und online stattfindet, so bleibt der Filmmarkt für die Vertreter der Filmindustrie doch wichtig, etwa um Filme für ihre Festivals zu erwerben.

Vom Leid der Milchkühe

Unter den jungen hessischen Filmtalenten ist auch Jennifer Kolbe. Sie wurde für ihren Kurzfilm "Milk" sogar mit mit dem prestigeträchtigen hessischen Hochschulfilmpreis ausgezeichnet. Im Animationsfilm "Milk" fasst die junge Grafikdesignerin ihre Ideen über die Absurditäten der deutschen Milchindustrie zusammen. Die Idee zum Film kam ihr, als sie erfahren hat, dass Kühe ein Leben lang geschwängert werden müssen, damit sie ausreichend Milch geben.

Alle Kühe werden nach der Geburt von ihren Babys getrennt und erneut geschwängert. "Ich wusste nicht wieviel Tierleid dahinter steckt, sagt die bekennende Veganerin. "Was genau passiert, bevor wir Milchprodukte konsumieren können?" Kolbe zieht in ihrem Film eine schockierende Analogie zum Menschen. Man stelle sich vor alle Frauen würden in einer Fabrik künstlich befruchtet, gemolken und nach ihrer Geburt von ihren Babys getrennt?

Produktionen gehen auf Festivaltournee

Jennifer Kolbe hat ihren Bachelor in Kommunikationsdesign an der Hochschule Rheinmain in Wiesbaden absolviert. Zum Animationsfilm kam sie dort aber eher zufällig. Sie habe schon immer gut zeichnen können, sagt sie, und im Studium konnte sie ihre Fähigkeit ins Bewegtbild übersetzen und Animationen daraus machen. "Dadurch kannst Du visuell alles darstellen was Du willst". Mit einem Realfilm hätte sie ihre Geschichte der Milchproduktion nicht darstellen können.

Jennifer Kolbe fand nach ihrem Studium direkt einen Job in einer Wiesbadener Produktionsfirma. Aber natürlich hat die junge Hessin auch schon Ideen für den nächsten Film. Jetzt aber geht ihre preisgekrönte Animation erst einmal auf Festivaltournee. Denn auch wenn alle zwölf Filme der Hochschulabsolventen auf der Berlinale nur einem Fachpublikum zugänglich sind, so werden wir den ein oder anderen Film auf den vielen hessischen Kurzfilmfestivals in diesem Jahr entdecken können.

Sendung: hr2-kultur, 26.02.2021, 15.11 Uhr