Ein Mann steht hinter Stapel voller Schallplatten

40.000 Schallplatten auf 100 Quadratmetern: Hessens erster Secondhand-Plattenladen eröffnete 1984 in Gießen. Doch trotz des aktuellen Vinyl-Revivals wird der Kultladen bald schließen. Nachfolger gesucht!

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hessenschau vom 25.01.2020
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Mit den Beach Boys fing alles an: "All Summer Long", Wolfgang Müller war 1965 als Austauschschüler in England und brachte seine erste Schallplatte mit nach Deutschland. 1984 machte er aus seiner Leidenschaft für Rillen dann einen Beruf. Er eröffnete den ersten Secondhand-Plattenladen in Hessen. "Mein Lebenstraum", sagt Müller.

Der Kultladen "Oldie Zeitlos Musik" ist heute eine Art Vinyl-Dschungel, in dem sich nur einer auskennt. 40.000 Platten auf 100 Quadratmetern, in Kisten und Regalen oder auf Stapeln, die fast bis zur Decke reichen. Hindurch führen enge Gänge, die der Inhaber immer wieder frei räumen muss, um an seine seltenen Schätzchen zu kommen. Teilweise muss er auf leere Getränkekisten steigen oder kommt sogar nur mit einer Leiter ran.

Die Vinylplatte war nie tot

"Die Vinylplatte war nie so tot, wie ihr so nachgesagt wurde", sagt Wolfgang Müller. "Ich habe von 1984 an nur mit Vinyl gehandelt und es gab immer eine Nachfrage danach." Müller führt ein breites Spektrum an gebrauchten Schallplatten aus den vergangenen Jahrzehnten von Elvis über The Doors bis hin zu Strawinsky und Bands, von denen wohl die meisten nie gehört haben. "Nur keinen Schrott", sagt er grinsend. "Schlager und so."

Er betont: Sein Laden sei komplett unabhängig vom Großhandel, alle Platten kauft er eigenhändig und verkauft sie dann weiter. Platten ab 50 Cent hat er im Sortiment, bis hin zu Raritäten im dreistelligen Bereich. Müller kennt hier jedes Stück. Er brauche keinen Computer, um was zu finden, sagt er.

Schallplatten boomen

Tatsächlich sind Vinylplatten derzeit sogar wieder so beliebt wie seit Jahren nicht mehr. So vermeldete der amerikanische Branchenverband Recording Industry Association of America, dass 2019 wieder mehr Schallplatten verkauft wurden als CDs – das erste Mal seit 30 Jahren.

Ein Problem, Kunden zu finden, hat Wolfgang Müller nicht. "Der Laden läuft", sagt er. Der 70-Jährige muss aber nun aus gesundheitlichen Gründen zumachen. Denn Vinylplatten sind schwer – zumindest in diesen Mengen. Nachdem Müller vor zweieinhalb Jahren fast an einer Blutvergiftung gestorben wäre, schlaucht ihn das Kistenschleppen inzwischen zu sehr. "Alles geht etwas langsamer, ich muss deshalb kürzer treten und auf meine Gesundheit achten."

Der Käufer nimmt alles oder nichts

Weil Müller keinen Nachfolger finden konnte, der den Laden an Ort und Stelle weiterführt, sucht Müller nun einen Abnehmer für sein komplettes Ladeninventar. "Der Käufer nimmt alles oder nichts", sagt Müller. Er habe schon mehrere Interessenten.

Stammkunden wie Wolfgang Seim verstehen die Entscheidung, aber bedauern, dass der Laden schließt. Seim hatte zu Hochzeiten selbst mal 20.000 Platten in seiner Sammlung. Er schätzt den Laden vor allem, weil er so unaufgeräumt ist, sagt er. Er werde das besondere Flair in diesem "geregelten Chaos" vermissen.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 25.01.2020, 19.30 Uhr