Zuschauerraum Schauspiel Frankfurt

Corona zwingt die Theater dazu, eine Premiere nach der anderen abzusagen. Intendanten planen ihre Spielzeiten aber Jahre im Voraus. Das Ergebnis: ein enormer Stücke-Stau. Der Theaterbetrieb ist auf Jahre durcheinandergewirbelt.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found NSU 2.0 auf der Bühne - Opfern eine Stimme geben

Szene aus NSU 2.0 am Schauspiel Frankfurt
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Dieses Theaterstück hat es eilig, denn es klagt an. NSU 2.0 ist eine sehr emotionale und durchaus kurzweilige Aufführung über die Frankfurter Polizei und ihr massives Problem mit Rechtsextremen in den eigenen Reihen. Regisseur Nuran David Calis hat es mit seinem Team geschrieben, entwickelt und geprobt. Es ist fertig - doch das Publikum bekommt es erst einmal nicht zu sehen.

Auf unbestimmte Zeit verschoben

Die Uraufführung in den Frankfurter Kammerspielen war eigentlich für Ende März geplant. Dann kam der Lockdown und jetzt ist NSU 2.0 erst einmal auf unbestimmte Zeit verschoben. Das hochaktuelle Theaterstück muss warten und teilt sich das Schicksal mit Dutzenden anderer Produktionen in Hessen.

Am Frankfurter Schauspielhaus mussten Goethes "Wahlverwandtschaften" dran glauben. Stücke wie "Dschabber", "Yvonne", "Eternal Peace", "Theatermacher" und "Rund oder spitz" stecken in der Pipeline fest. Von den vielen geplanten Premieren am Schauspiel Frankfurt konnte bislang nur ein Bruchteil gezeigt werden.

Das Theater als Verschiebebahnhof

Seit der Schließung der hessischen Theater am 2. November sind alle Produktionen schwer durcheinandergewirbelt worden. Am Schauspiel Frankfurt sind fast alle Stücke fertig geprobt und warten nun - wie NSU 2.0 - auf ihre Aufführung.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found An den Theatern wird geschoben und geschoben

Roter Theatervorhang
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Aber auch in der neuen Spielzeit warten viele Produktionen. Dadurch entsteht ein nie dagewesener Stau und gehöriger Frust. Ähnliche Verschiebebahnhöfe gibt es am Staatstheater Darmstadt, in Wiesbaden und Kassel. Kollisionen mit unabsehbaren Folgen. Der entstandene Produktionsstau führt dazu, dass einige Theaterstücke bestenfalls verschoben, schlimmstenfalls abgesagt werden müssen.

Intendantenwechsel in Kassel bringt Probleme

Der dritte Lockdown überraschte alle hessischen Theater, sämtliche Planungen wurden über Bord geworfen. Ganz besonders schwer hat es das Staatstheater Kassel erwischt, denn dort steht in der neuen Spielzeit 2021/22 ein Intendantenwechsel an. Florian Lutz beerbt den jetzigen Intendanten Thomas Bockelmann. Und so war Bockelmann gezwungen, acht geplante Aufführungen komplett zu streichen. Darunter "Schuld und Sühne" nach Dostojewski, "Die unendliche Geschichte" von Michael Ende sowie die beiden großen Opernproduktionen "Rusalka" und "The Rape of Lucretia".

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hs
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Wie viele Produktionen noch in der laufenden Spielzeit gezeigt werden können, hängt davon ab, wann die Politik grünes Licht gibt. Wird es Ende April oder doch Mitte Mai? "Unsere künstlerische Betriebsdirektorin, Sabine Wendenburg, ist eine Göttin der Geduld", sagt Intendant Thomas Bockelmann. Ihm komme immer das Lied von Bertolt Brecht in den Sinn: 'Mach doch einen Plan, sei mein großes Licht, mach noch einen zweiten Plan, gehen tun sie beide nicht.' "Damit müssen wir im Moment umgehen."

Improvisieren und neue Formate entwickeln

In diesem Ausnahmezustand werden alle hessischen Theater auf eine schwere Probe gestellt. Sie müssen sich verstärkt mit Kurzarbeitsregeln auseinandersetzen und dabei versuchen, einen attraktiven Onlinespielplan auf die Beine zu stellen. "Wir sind nicht gerade oft mit Kunst beschäftigt", bedauert Intendant Karsten Wiegand vom Staatstheater Darmstadt. Auch er hat mit seinem Team an neuen Formaten getüftelt, denn die Logik der Theater erlaube es nicht, einfach nur Stücke von der Bühne abzufilmen.

So entstanden am Staatstheater Darmstadt neue Formate wie etwa der Film "Gift. Eine Ehegeschichte", bei der wechselnde Perspektiven der Zuschauer eine wichtige Rolle spielen. Oder der Film "Dreams of Landscape", des israelisch-ungarischen Choreografen Lotem Regev. Diese Streaming-Premiere des Hessischen Staatsballetts stellt eine eindrucksvolle Reise in die Welt der Bilder dar und ist im April wieder zu sehen.

Die Zukunft ist ungewiss

Wann die hessischen Bühnen wieder ihren regulären Betrieb aufnehmen können, ist noch unklar - oder in welcher Form. Denn auch vor dem dritten Lockdown waren die Theater mit nur etwa 25 Prozent schwach ausgelastet.

Intendant Wiegand denkt darum auch nicht darüber nach, "wann es wieder normal wird, sondern was wir Spannendes machen können und unter welchen Bedingungen". Klar ist aber schon jetzt, dass der dritte Lockdown alle Theater vor schier unlösbare Aufgaben gestellt hat. Geplante Produktionen werden so lange weitergeschoben, bis endgültige Termine feststehen. Das Warten auf Normalität geht weiter.

Sendung: hr-iNFO, 08.04.2021, 17.20 Uhr