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Wie Corona die Bühnen verändert

Die Pandemie und ihre Bekämpfung stellen die Theater nicht nur vor finanzielle Schwierigkeiten. Manche Bühne kann nicht mal die Plätze füllen, die ihr die Regeln lässt. Und für die Zeit nach Corona bleibt eine große Sorge.

Fernab von New York das kleinste Off-Broadway-Theater der Welt auf die Beine zu stellen: Mit dieser Idee hat Alexander Beck im Jahr 2015 das Theater "Alte Brücke" in Frankfurt-Sachsenhausen gegründet. Er setzt auf Mundart, Komödien, Klassiker und Kindertheater.

Moderne amerikanische Dramatiker treffen auf lokale Produktionen. Schnell hatte sich Beck damit ein treues Publikum erarbeitet - bis die Pandemie sein kleines Kulturunternehmen an die Grenzen brachte.

Kurzarbeitergeld gibt es nicht

Die "Alte Brücke" bietet Platz für nur 60 Gäste, ein Foyer gibt es nicht. Da alle Mitarbeiter freischaffend sind, ist Kurzarbeit nicht möglich. Nicht gerade die besten Bedingungen, um den Betrieb unter Corona-Auflagen zu stemmen.

Für einen kurzen Zeitraum öffnete Beck im vergangenen Jahr zwar. Damals durfte er unter Einhaltung der 2G-Regelung - Eintritt für Geimpfte und Genesene - auf Abstände verzichten. Seit wieder Abstandsregeln gelten, hat der Theatermacher jedoch geschlossen - und so bleibt es vermutlich bis zum nächsten Herbst.

Wer nicht öffnet, verringert die Verluste

Derzeit sei alles andere wirtschaftlich nur schwer zu rechtfertigen. "Wir können uns glücklich schätzen, dass wir eine kleine Förderung von der Stadt bekommen. Das deckt die Miete ab", sagt Beck. "Wenn ich die Tür nicht aufmache, habe ich auch keinen allzu großen Verlust."

Untätig ist der Theaterleiter aber trotzdem nicht: Um sein Publikum nicht auf Dauer ganz zu verlieren, arbeitet er an Streaming-Formaten. Damit will er "ein paar Lebenszeichen senden". Vielleicht könnten digitale Alternativen sogar mehr als das sein: Hinter den Kulissen überlegen Beck und sein Team, wie Theater nach dem Ende der Pandemie überhaupt aussehen kann - und ob es nun am Ort stattfinden wird oder ob hybride Angebote bleiben.

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Kommunen vor Finanzierungsproblemen

Carsten Brosda, Vorsitzender des Deutschen Bühnenvereins und damit Interessenvertreter aller deutschen Theater, ist sich sicher: Theatermacher könnten nach der Coronakrise nicht nahtlos an das anknüpfen, was bis zum März 2020 Normalität war. "Man wird sich auch Gedanken machen müssen, wie man sich als Theater neu in der städtischen Gesellschaft, in regionalen Debatten und in den großen Diskursen unseres Landes positioniert", meint er.

Häuser müssten sich überlegen, wie Zugangsschwellen gesenkt und solche gesellschaftliche Gruppen angesprochen werden könnten, die "nicht von Haus aus gelernt haben, dass der Besuch im Theater dazugehört". Brosda prognostiziert: Neues Publikum zu gewinnen und zu binden, werde in den kommenden Jahren eine gewaltige Aufgabe sein. Auch er setzt in der Krise auf digitale Strategien.

Durch die Krise schlagen - und dann?

Finanziell hingegen sieht er die Politik in der Pflicht. Theaterhäuser könnten sich vielleicht mit Hilfsprogrammen und Kurzarbeit "vernünftig durch die Pandemie schlagen". Offen sei aber, inwiefern Kommunen danach noch in der Lage sind, bei privaten und vor allem ihren eigenen Theatern Zuwendungen wie vor der Pandemie zu leisten.

"Die ersten Indizien aus der einen oder anderen Kommune zeigen schon, dass das schwierig wird", stellt Häuser fest. Der Bund müsse deshalb prüfen, ob die Mittel richtig verteilt würden.

Hoher Kommunikationsaufwand gefordert

Davon würden auch die Bürgerhäuser Dreieich (Offenbach) profitieren. Das dortige Kulturprogramm wird von der Stadt bezuschusst. Aktuell können Veranstaltungsleiterin Maria Ochs und ihr Team es über die Bühne bringen. Ihr Vorteil: Im großen Bürgerhaus lässt sich trotz der Abstandsregeln eine "akzeptable Platzanzahl" anbieten.

Und noch etwas unterscheidet sie vom Becks kleinen Theater "Alte Brücke" in Frankfurt: Die Bürgerhäuser Dreieich sind Mitglied im Interessenverband der Städte mit Theatergastspielen (Inthega). Er vertritt öffentliche Kultureinrichtungen in Städten und Gemeinden ohne eigenes Theaterensemble.

Zuschauer haben am 21.05.2017 im Schauspiel in Frankfurt am Main (Hessen) zu einer Matinee Platz genommen.

Der Verband habe gemeinsam mit dem Bund Corona-Hilfen geschnürt, die extra auf die Bedürfnisse von Gastspielhäusern zugeschnitten waren, erklärt Ochs. Die Bürgerhäuser hätten 2021 dadurch alle Veranstaltungen anmelden und sie auch abrechnen können, wenn die Kosten nicht durch Einnahmen gedeckt werden konnten. "Das hat uns im letzten Jahr sehr geholfen, ein attraktives Sommerprogramm zu machen."

Um ihr Programm zu verbreiten und in Kontakt zu bleiben, geben sich die Bürgerhäuser viel Mühe auch in der Kommunikation: Einige Tage vor anstehenden Vorstellungen informieren sie ihr Publikum über die derzeit geltenden Maßnahmen. "So ein bisschen nett verpackt", erklärt Ochs. Trotzdem bleibe bis zu einem Viertel der Gäste weg. Ob nun aus Angst vor einer Infektion oder weil ihnen der Aufwand eines zusätzlichen Corona-Tests bei 2G-plus-Veranstaltungen zu hoch sei - darüber kann sie nur spekulieren.

Als Dank Euphorie

Diejenigen, die kommen, sind hauptsächlich Stammgäste, die ein Ticket-Abonnement haben. Sie zeigten sich geradezu euphorisch darüber, dass in den Bürgerhäusern Kultur angeboten wird. "Auch wenn nur 200 Leute da sind, geben die einen Applaus, der nach 600 Leuten klingt", sagt veranstaltungsleiterin Ochs.

Über ein treues Publikum kann sich auch Alexander Beck vom Theater "Alte Brücke" freuen. "Die Leute denken wirklich sehr an uns und sagen: Hoffentlich kommt ihr bald wieder. Das ist etwas, das uns viel Hoffnung gibt."

Business as usal geht nicht mehr

Lässt sich daraus auch die Hoffnung ableiten, dass es ums Theater insgesamt doch nicht so schlecht steht, wie es oftmals heißt? Business as usal wird nach Meinung des Bühnenverband-Vorsitzende Carsten Brosda nicht mehr funktionieren. Sein Appell: Theater müssten - angepasst an eine "bunter werdende Stadtgesellschaft" und mit relevanten Themen - einen Fantasieraum öffnen für ihr Publikum.

Denn das Theater könne etwas bieten, das aktuell gefragt sei: solidarisch miteinander zu sein und gemeinsame Erlebnisse zu schaffen. Dazu bräuchte es immer wieder neue "ästhetische Positionen" und Formen der Ansprache. "Wenn das gelingt, ist mir um das Theater nicht bange."

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