Audio

Theaterangebot für Sehbehinderte

Drei Menschen, ein Schuss, einer fällt um - für Sehbehinderte ist eine solche Szene im Theater nur schwer zu entschlüsseln. Audio-Deskriptionen können helfen. Sie sind besonders wichtig, wenn auf der Bühne mal etwas nicht nach Plan läuft.

Hoch über den Zuschauerreihen des Hessischen Landestheaters Marburg (HLTM) gibt es eine kleine Kabine mit Blick auf die Bühne. Hier sitzen bei manchen Aufführungen die Deskriptoren. Das sind Menschen, die das schildern, was auf der Bühne zwar zu sehen ist, was aber Sehbehinderte nicht mitbekommen. Die Deskriptoren beschreiben genau das, live, und ihre Stimme wird direkt auf die Kopfhörer der Sehbehinderten im Publikum übertragen.  

Niemals dazwischen quatschen

Das sei alles andere als leicht, betont Christin Ihle, die in Marburg schon seit vier Jahren als Audio-Deskriptorin arbeitet: "Man muss unglaublich schnell reagieren, man ist mit einem Auge auf der Bühne, mit dem anderen am Skript." Besonders wichtig: Die Deskriptorin darf niemals sprechen, wenn auf der Bühne ebenfalls gesprochen wird.

Christin Ihle erinnert sich zum Beispiel an eine Panne, als ein sehr wichtiges Requisit kaputt ging, ein Telefon. Der ganze Saal habe da gelacht. "Das musste ich natürlich live, unvorbereitet beschreiben, damit auch für die blinden Menschen im Publikum verstehbar wurde, was da passierte."

Infoangebot zur Orientierung

Blick über die Schulter einer Frau mit Mikrofon auf eine Bühne

Am Landestheater Marburg, wo besonders viele Blinde und Sehbehinderte leben und studieren, wird dieser besondere Service schon seit 2017 angeboten. Zwar nicht für alle Stücke, aber es werden immer mehr. Für die meisten Audio-Deskriptionen arbeiten die Dramaturgen und Dramaturginnen wie Christin Ihle schon bei der Probe mit einer sehbehinderten Person zusammen. Die überprüft dann, was nicht verständlich war, wo es vielleicht eine andere Art der Beschreibung braucht oder wo man besser gar nichts beschreiben und die Musik wirken lassen sollte.

Theaterbesucherin Isabella Brawata (44) begeistert aber auch das Angebot, das manchmal VOR einer Aufführung gemacht wird: "Da wird erstmal das ganze Bühnenbild beschrieben, wie sind die Leute gekleidet, haben sie ein mittelalterliches Kleid an oder eher modern." Wichtig zur Orientierung ist auch die Frage, welche Figuren überhaupt mitspielen. 

Testballon in Hanau

Auch bei den Brüder-Grimm-Festspielen in Hanau wird in dieser Saison zumindest bei einer Aufführung Audio-Deskription angeboten: Am 23. Juli bei “Aladin und die Wunderlampe”. Das sei ein Testballon, sagt Intendant Frank-Lorenz Engel.  

Ein junger Mann in orientalischem Kostüm sitzt auf einem fliegenden Teppich

Eigentlich gehe es ihm darum, Theater für alle zu machen. Vorstellungen mit Gebärden-Dolmetscher für Hörbehinderte gibt es in Hanau schon länger. Aber speziell die Audio-Deskription sei besonders aufwendig: Zwei Moderatoren erzählen, was sie auf der Bühne sehen, und die müssten sich natürlich die Vorstellung vorher anschauen. Außerdem werde eine Kabine aufgebaut im Zuschauerraum, von der aus die beiden lärmgeschützt reden können, damit auch der Rest der Zuschauer nicht gestört wird. 

Das kostet. Der Festivaletat allein könne das jedenfalls nicht leisten, meint Engel: "Das sind mehrere Tausend Euro. Ohne Sponsor und ‘Aktion Mensch’ könnten wir das nicht wuppen."

Weitere Informationen

Audio-Deskription für Kino und Fernsehen

Hier geschieht die Beschreibung in einer extra Sprachspur. Im Kino kann diese über die Greta-App im Smartphone abgerufen werden. Im Fernsehen wird sie über die Menüleiste bei der Ausstrahlung unterlegt. Aber auch hier gilt: Audio-Deskription gibt es noch nicht für alle Filme. Nur die großen Spielfilme und Dokumentationen in der ARD und im ZDF haben die Tonspur für Sehbehinderte schon automatisch mit dabei.  

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