Collage: Drei Protagonist*innen der Sendung schauen ernst oder lächelnd in die Kamera.

Noch heute kämpfen Sinti und Roma gegen Anfeindungen und für Anerkennung. Eine hr-Doku erzählt die Geschichte von Deutschlands größter nationaler Minderheit. Es ist auch die Geschichte von Gianni Jovanovic, der als Vierjähriger in Darmstadt einen Anschlag überlebte.

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Der lange Weg der Sinti und Roma

Gianni Jovanovic
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An die Sekunden nach der Explosion vor seinem Haus in Darmstadt kann sich Gianni Jovanovic bis heute genau erinnern. Vier Jahre ist er alt, als in der Nacht vom 2. auf den 3. Januar 1982 ein Sprengsatz detoniert. Die Explosion hebt die Tür des Hauses aus den Angeln, zerstört Fenster, Glassplitter fliegen ins Haus und auf die Straße. "Der Geruch, der laute Knall, das Geschrei meiner Mutter, das weiß ich noch wie heute."

Die Angreifer sind noch da, sie attackieren die Familie, die aus dem Haus flüchtet, mit Pflastersteinen. Einer der Steine trifft Gianni Jovanovic und verletzt ihn schwer. Die Täter des Anschlags werden nie ermittelt.

In der hr-Dokumentation "Der lange Weg der Sinti und Roma" erzählt der heute 43-Jährige seine Geschichte. Ermordung und Vertreibung, Ausgrenzung und Vorurteile - für Jovanovic sind sie tief in der Familiengeschichte verwurzelt, wie bis heute bei vielen Sinti und Roma.

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hr-Doku "Der lange Weg der Sinti und Roma"

Im Ersten ist die Dokumentation am Montag, 21. März, um 23:35 Uhr zu sehen. Jetzt bereits in der ARD Mediathek.

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Schätzungen zufolge sind europaweit bis zu 500.000 Menschen dem Völkermord an den Sinti und Roma zum Opfer gefallen. Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus wurde das Geschehene aus der öffentlichen Erinnerung verbannt. Sinti und Roma wurden in der Bundesrepublik weiter stigmatisiert, ausgegrenzt oder - wie im Fall der Familie Jovanovic - auch angegriffen.

Hungerstreik für Anerkennung als Völkermord

Bis der Massenmord an Sinti und Roma 1982 als Völkermord anerkannt wurde, war es ein langer Weg. Zu den Bürgerrechtlern, die erfolgreich dafür kämpften, gehörte Wallani Georg. Er besetzte 1980 mit zehn weiteren Sinti die KZ-Gedenkstätte Dachau und trat in den Hungerstreik.

Seine Enkelin Jùlie Halilic aus Langen (Offenbach) ist stolz auf das, was ihr Großvater erreicht hat. "Wir müssen dort hin, wo unsere Menschen gelitten haben und genau da müssen wir hingehen und streiken und hungern", erinnert sich Halilic an die Worte ihres Opas.

Jùlie Halilić mit einem Foto ihres Großvaters, dem Bürgerrechtler Wallani Georg.

Die Aktion in Dachau markierte den Beginn der Bürgerrechtsbewegung, eines langen Weges der Emanzipation. Die Männer machten damals darauf aufmerksam, dass die Verfolgung für Angehörige ihrer Minderheit mit der Befreiung nicht endete, dass der Rassismus gegen Sinti und Roma ungebrochen fortbestand.

Beschwerden, Anzeigen, dann der Anschlag

"Darmstadt - Adresse: Lagerplatz" - das steht in der Geburtsurkunde von Gianni Jovanovic. Mit der Hoffnung auf ein besseres Leben kommt seine Familie in den 70er-Jahren aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland. Der Familie wird ein Haus zugewiesen. Jovanovics Kindheitserinnerungen an fröhliche Zeiten sind vage. "Zum heiligen Mariafest am 28. August hat meine Familie draußen immer groß gefeiert. Zelte wurden aufgestellt, Lämmer und Ferkel am Spieß gegrillt."

Doch unter den Nachbarn sind die Roma nicht gerne gesehen. Beschwerden, Anzeigen, Polizeieinsätze - die Presse berichtet über "Probleme mit den Landfahrern." Bis heute fragt Jovanovic sich, warum die Menschen damals nicht einfach zu ihnen gekommen sind, sich dazugesetzt und mitgegessen haben. Stattdessen schlägt die Ablehnung in Gewalt um. In der Nacht vom 2. auf den 3. Januar 1982 explodiert vor dem Haus der Sprengsatz.

Durch Kennenlernen Vorurteile abbauen

Das Fremde überwinden, einander begegnen, Vorurteile abbauen - dafür kämpft Jùlie Halilic bis heute. Sie setzt die Arbeit ihres Großvaters, dem Bürgerrechtler der ersten Stunde, mit modernen Mitteln fort. "Denn noch immer haben wir viel Aufklärungsbedarf", erklärt die 32-Jährige.

Mit ihrer Initiative Sinti-Roma-Pride wollen Jùlie Halilic und ihre Mitstreiterinnnen Deutschlands größte nationale Minderheit sichtbar machen. Ein Brücken-Bauen über Social-Media-Kanäle - so sieht die Aufklärungsarbeit 2.0 aus. "Die Leute lernen mich mit meiner Identität als Sinteza kennen." Darum geht es Jùlie Halilic. "Wir möchten zeigen, wer wir sind."

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Die hr-Dokumentation ist ein Film über Geschichte, die nicht abgeschlossen ist. Über eine Zeit, die bis heute fortwirkt. Ein Film übers Gestern fürs Heute.

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