Bildkombo: Diskokugel bunt angestrahlt/ zebrochen am Boden

Abfeiern, tanzen, Kopf frei kriegen: Die Techno-Szene in Hessen steht wieder in den Startlöchern. Da die Clubs in Hessen wegen Corona immer noch geschlossen sind, gibt es viele privat organisierte Partys - im Wald oder unter Brücken. Auch die Städte lassen sich was einfallen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Tanzen im Wald statt im Club? Corona bedroht die Rave-Kultur

Tanzhaus West leer
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Es ist ein fast düsteres Bild: Ein leerer Raum, schwarze Wände, hohe Decken. Vier strahlende Scheinwerfer beleuchten den leeren Raum, in dem unzählige Kabel, Boxen mit technischer Ausstattung und wuchtige Lautsprecherboxen zu sehen sind. Viele Hessinnen und Hessen dürften das "Tanzhaus West" im Frankfurter Gutleutviertel nur randvoll mit wild auf den Bass tanzenden Menschen kennen. Wegen der Corona-Pandemie hat der Electro-Club auf dem alten Milchsackgelände seine Pforten aber noch geschlossen - zumindest für die Techno-Partys im Club.

Keine Partys - dafür viel Theater und Film

Matthias Morgenstern ist der Inhaber des "Tanzhaus West". Schon seit den 1990er Jahren veranstaltet er dort Events mit elektronischer Musik - aber auch Theater, Lesungen, Filme und andere kulturelle Treffen bietet Morgenstern an. "Das Tanzhaus West ist nicht nur ein Techno-Club, es ist ein kultureller Hotspot für das ganze Rhein-Main-Gebiet." Deshalb liegt der Fokus seit der Pandemie auf kulturellen Veranstaltungen im Außenbereich des Geländes.

"Raves sind ein echtes Kunstwerk"

Wo das Tanzen verboten wird, entstehen trotzdem Partys. Meistens draußen im Wald oder unter Brücken. Mit großen Generatoren, Lautsprechern und Scheinwerfern wird eine "Anderswelt" geschaffen: Techno-Raves. Auch Laura, die als DJane zum Beispiel im Frankfurter Café KOZ auf dem Campus Bockenheim auflegt, hat sich trotz ihrer Corona-Sorge auf einem solchen Rave wiedergefunden. "Letzten Sommer war ich auf einem in Berlin und eigentlich ging es für mich nicht klar wegen Corona", erzählt sie. "Da kam auch die Polizei. Wir haben uns vorher im Wald versteckt, aber dann wurden trotzdem meine Personalien aufgenommen."

Post von der Staatsanwaltschaft habe sie aber bis heute nicht bekommen. "Ich habe echt Respekt davor, wenn jemand Raves veranstaltet, das ganze Equipment nach draußen holt und eine Atmosphäre schafft, in der sich wirklich alle wohlfühlen und es auch keine Schlägereien und sowas gibt. Das ist schon echt ein Kunstwerk!" Aber während der Pandemie sei es einfach nicht so schlau, sagt sie rückblickend. Im normalen Leben halte sie sich an alle Hygiene-Maßnahmen und nehme das Risiko ernst.

Die Clubs sind ein kontrollierbarer Safe-Space

Für die vielen Techno-Clubs in Frankfurt, Kassel, Offenbach oder anderen Städten sind die Raves allerdings eher Konkurrenz als eine Unterstützung der Szene. Auch Silvio Cappucci, der Inhaber des "Yachtklub", einem kleinen Boot an der Alten Brücke in Frankfurt, sieht die Entwicklung mit den privaten Raves sehr kritisch. "Die Clubs müssen endlich wieder öffnen! Auch zum Tanzen. In den Clubs lässt sich alles viel besser kontrollieren, als das bei den illegalen Raves der Fall ist."

Momentan bietet Cappucci auf dem Boot, wo normalerweise ausgelassen auf Techno-Musik gefeiert wird, eine Bar und Gastronomie mit kleinen Speisen an. Für viele Clubs ist das die einzig mögliche Alternative, um überhaupt irgendwie zu überleben.

"Außenflächen sind der heiße Scheiß"

Desinfektionsmittel steht im Yachtclub im Außenbereich.

Anders sieht es bei Ansgar Fleischmann aus, der den Techno-Club "Silbergold" nahe der Frankfurter Konstablerwache leitet. "Wir haben keine Außenbereiche, keine Gastronomie. Und dann kommen von der Politik so ein bisschen weltfremde Vorschläge wie: Ihr könnt ja jetzt als Bar aufmachen! Aber wer setzt sich in einen dunklen Raum, wo dann drei Tische stehen und nutzt das als Bar, wenn gleichzeitig richtige Bars auch aufhaben?" Das sei weltfremd und könne nicht wirtschaftlich sein. Fleischmann, Capucci und Klaus Unkelbach vom Club "Robert Johnson" in Offenbach fordern deshalb mehr Freiflächen, die von der Stadt für Open-Airs zur Verfügung gestellt werden sollen.

Im Yachtklub: Silvio Cappucci (Yachtklub), Klaus Unkelbach (Robert Johnson) und Ansgar Fleischmann (Silbergold).

Capucci, Fleischmann und Unkelbach haben sich mit ihren jeweiligen Clubs zu einer gemeinsamen GmbH zusammengeschlossen und arbeiten nun gemeinsam an der Zukunft ihrer Techno-Clubs. Außerdem sind sie auch Teil des Vereins "Clubs am Main". Der Verbund tritt im Rhein-Main-Gebiet für die Interessen der Party- und Feierkultur ein. "Es ist bedauerlicherweise immer noch so, dass Frankfurt keine Freiflächen für Open-Air-Veranstaltungen hat", moniert Morgenstern. "Sowas gibt es nicht! Auch in diesem Jahr nicht. Wir haben jetzt gerade Corona-Zeiten. Außenflächen sind der heiße Scheiß. Frankfurt hat keine."

Abrissgelände als neue kulturelle Hotspots

Dass die Parks und städtischen Außenflächen wegen der Corona-Situation nun als Party-Orte genutzt werden, kann auch David Dilmaghani, Leiter des Kulturdezernatsbüro in Frankfurt, bestätigen. "Es ist ein bundesweites Problem, dass die Parks bis in die späten Nachtstunden zum Feiern wahnsinnig intensiv genutzt werden. Da ist einfach ein erheblicher Druck auf den öffentlichen Raum." Alternative Freiflächen seien aber in Frankfurt wegen der dichten Bebauung und des Lärmschutzes schwer zu finden. Dilmaghani will deshalb auf Leerstände setzen, die kreativ genutzt werden könnten.

Außerdem setzt die Stadt Frankfurt auf Kultursommergärten, wie auch im "Tanzhaus West" einer zu finden ist und - ganz speziell in diesem Jahr - auf den sogenannten Sommerbau zwischen Frankfurt und Offenbach am Kaiserlei.

Auf die Not der Clubs in Kassel aufmerksam machen

Kulturgesicht DJ Steve Turn

Auch in Kassel, das in den 1990er Jahren mit dem "Stammheim" eine weit über die Grenzen der Stadt herausragende Techno-Stätte hatte, gibt es seitens der Stadt unterstützende Maßnahmen für die Clubs. Dort wird vom Kulturamt die Kampagne "Kulturgesichter 0561" finanziell gefördert. Unter dem Motto "Ohne uns ist’s still" werden auf öffentlichen Plätzen in der Stadt Gesichter aus der Club- und Kulturszene gezeigt. Damit soll auf die Not in der Branche aufmerksam gemacht werden.

Eine Alternative zum Tanzen, zum Bewegen und zum ausgelassenen Feiern sei das allerdings nicht. So sieht das auch Tobias Hartung vom Kulturamt in Kassel. Dass es immer wieder auch Raves gibt, sieht er allerdings entspannt. "Ich glaube, eine Stadt oder ein Kulturamt braucht da auch immer ein gewisses Fell, wo man bestimmte Dinge auch ein Stück weit tolerieren und aushalten kann." Dass die Clubs nicht öffnen können und Tanzverbote weiterhin bestehen, sei keine Entscheidung der Stadt, sondern des Landes und des Bundes.

Zeitgenössische Musik "live ausgestellt"

Im "Tanzhaus West" in Frankfurt ist Inhaber Matthias Morgenstern schon wieder dabei, sich Line-Ups für die ersten Tanzveranstaltungen zu überlegen. Anders als in üblichen Diskotheken, wo auch die Wunschmusik der Feiernden gespielt wird, böten Electro-Clubs meistens eine klar kuratierte Auswahl an DJs an. Ähnlich wie in einem Museum würde ausgesuchte, zeitgenössische Musik "live ausgestellt". Insbesondere diese musikalische Komposition mit all ihren Künstlerinnen und Künstlern mache den Techno und die elektronische Club-Szene letztlich zu einer kulturellen Instanz, die sich hinter keiner Oper oder keinem Museum verstecken müsse.

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