Digitale Kultur-Angebote gibt es seit Corona zahllose. Gefühlt streamt jeder seine Musik oder sein Festival ins Internet. Das ist viel, aber ist es auch gut? Wissenschaftler wollen das nun untersuchen. Ein Interview.

Audiobeitrag

Audio

Audioseite Untersuchung: Wie ist die Qualität der Musikstreamings im Internet?

Eine Frau schaut ein Chello-Konzert im Livestream an.
Ende des Audiobeitrags

Künstler erreichen ihr Publikum in Zeiten von Corona fast nur noch online und digital: Konzerte werden aus Wohnzimmern gestreamt, Songs auf Youtube gecovert, und Filmfestivals gibt es auch online. Doch bringt es das alles überhaupt?

Am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt wird erforscht, wie diese digitalen Kulturangebote wirken und wie sie verbessert werden können. Denn so könnte die Branche nach Ansicht der Direktorin der Musikabteilung am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt, Melanie Wald-Fuhrmann, längerfristig revolutioniert und die Künstler vielleicht gerettet werden. Warum ein abgefilmtes Konzert nicht immer reicht und warum es sinnvoll wäre, neue Formate zu erfinden, erklärt die Wissenschaftlerin im Interview.

hessenschau.de: Konzerthäuser, Filmfestivals und private Anbieter haben audiovisuelle Streaming-Angebote aus purer Not entwickelt. Wie können die erkennen, ob ihre Angebote gut waren?

Melanie Wald-Fuhrmann: Außer an Klickzahlen können im Moment die kreativen Köpfe eigentlich nicht schauen, was funktioniert und was nicht. Und wir können die Evaluation zum künstlerischen Experiment liefern, indem wir genauer hinschauen, wer mag was, wer bleibt wo bei der Stange, was funktioniert in welchen Kontexten und von welchen anderen Faktoren hängt das eigentlich ab.

hessenschau.de: Wie können Sie mit ihren Methoden über die Klickzahl hinaus den Erfolg oder Misserfolg eines Streamingangebotes messen?

Melanie Wald-Fuhrmann: Unsere typischen Methoden sind beobachten, messen, befragen. Wir setzen typischerweise Leute mal ins Labor oder in den Konzertsaal, spielen ihnen Musik vor und messen auch physiologische Reaktionen. Wir beobachten ihr Verhalten, ob sie beim Musikhören die Augen schließen oder auf ihr Handy gucken zum Beispiel, und befragen sie zu ihrem Erleben. Wir haben Psychologen, Soziologen, Neurowissenschaftler, und auch Ethnologen, die mit ihren verschiedenen Methoden und Zugängen mit allen anderen forschen.

hessenschau.de: Es gibt schon vor Corona einige digitale Streamingangebote. Was ist anders in Zeiten von Corona?

Melanie Wald-Fuhrmann: Was neu ist, ist einerseits der Umfang und die Vielfalt der Formate. Also so was wie ein verwackelter Livestream aus dem Wohnzimmer, den gab es vorher nicht als Format, und er hätte auch keinen interessiert. Audio und Videoqualität sind suboptimal, im Vergleich dazu wenn die Metropolitan Opera ihre Aufführung in den Kinosaal streamt. Aber dadurch, dass wir nun den Lockdown teilen und die Situation kennen, gibt es so etwas wie: "Künstlerin meldet sich aus einem privaten Wohnungskontext mit einer musikalischen Nachricht“. Das gewinnt plötzlich eine neue Form der Dringlichkeit und eine neue Kommunikation. Solche digitalen Angebote sind also nicht einfach nur ein Stück Kunstdarbietung.

hessenschau.de: Lernen Performance Künstlerinnen und Künstler mit ihren Forschungsergebnissen, wie sie ihre digitalen Angebote verbessern?

Melanie Wald-Fuhrmann: Das ist genau das, was uns interessiert. Reicht es dem Publikum, ein abgefilmtes Konzert zu haben, wie sie es sonst live hätten oder ist es nicht überzeugender, wenn man auch die Möglichkeit des Mediums, Computer, Internet, Film noch offensiver nutzt und ein ganz eigenes Format erfindet.

Wir haben uns ein paar Faktoren vorgenommen wie zum Beispiel die Länge und die Programmierung und auch das Setting des Angebots: Also abgefilmtes Konzert versus Wohnzimmer. Und dann haben wir uns auch gefragt, ob es Dinge gibt, die man mit einem gefilmten und im Internet gestreamten Konzert zusätzlich machen kann, also zum Beispiel die Interaktionsmöglichkeit über eine Chatfunktion oder Videokonferenz Skype vorher oder nach dem Konzert, um ein bisschen was von der Life-Atmosphäre des sozialen Erlebnisses des Konzertes in die virtuelle Welt herüberzuretten.

hessenschau.de: Für Ihr Forschungsprojekt suchen Sie noch freiwillige Teilnehmer. Was erwartet mich, wenn ich bei Ihnen mitmache?

Melanie Wald-Fuhrmann: Wir haben eine zweistufige Mitmachmöglichkeit. Die erste ist ganz einfach und ganz schnell: mit einem online Fragebogen, der Sie über Ihre bisherigen Erfahrungen mit Konzertstreams befragt. Aber wir wollen auch wissen, welche möglichen Formate Sie mögen oder nicht so gerne mögen.

Sie können aber auch an unserer Hauptstudie teilzunehmen. Das ist ein Experiment, bei dem wir sechs verschiedene Versionen eines Kammermusikkonzerts mit namhaften Musikerinnen und dem Komponisten Brett Dean aufgezeichnet haben. Aus diesem Kammermusikprogramm haben wir verschiedene Formen von Konzertstreams generiert. Die Teilnehmer an dieser Hauptstudie würden dann eine dieser Konzertvarianten ansehen und anhören dürfen und davor und danach Fragen beantworten. Davon erhoffen wir uns dann die eigentlichen Einsichten darüber, welche Formate beim Publikum wie funktionieren und wie erlebt werden. Die Ergebnisse des Projekts könnte den Künstlern und Künstlerinnen in Zukunft helfen, ihre Arbeit besser online zu vermarkten.

Die Fragen stellte Jan Tussing.

Sendung: hr-iNFO, 16.12.2020, 07.25 Uhr