Kinofilm Servus Papa, see you in hell

Was passiert bei Regelverstößen? Der in Hessen gedrehte Film "Servus Papa, see you in hell" zeichnet ein verstörendes Bild des Alltags in einer Kommune.

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"Servus Papa, see you in hell": Jeanne Tremsal über ihre Erinnerungen an die Mühl-Kommune

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Jeanne Tremsal ist zwei Jahre alt, als sie und ihre Schwester von ihren Eltern in die Kommune gebracht werden. Von da an sind die beiden Schwestern ganze zwölf Jahre Teil der AAO-Kommune, deren Abkürzung für Aktionsanalytische Organisation steht. In den Medien ist die von dem Österreicher Otto Mühl gegründete Organisation allerdings besser bekannt unter dem Namen "Sex-Kommune". Und das nicht ohne Grund.

Jeanne Tremsal, heute Schauspielerin und Filmemacherin, hat gemeinsam mit ihrem Lebenspartner Christopher Roth den Film "Servus Papa, see you in hell" produziert, basierend auf der wahren Geschichte der Kommune. Tremsal ist in der Mühl-Kommune aufgewachsen, in der bis zur Verhaftung des Gründers neue Lebensformen ausprobiert wurden.

"Die Fakten sind meine Erinnerungen an meine Kindheit", sagt Jeanne Tremsal im hr-Interview. Entsprechend gebe es keine eine Wahrheit, da ihre Erinnerungen teilweise verschwimmen und auch die Erinnerungen von anderen Kindern eingeflossen seien. Die Grundstimmung und das System könne der Film aber sehr genau und nah wiedergegeben, sagt Jeanne Tremsal. Sie selbst spielt im Film ihre eigene Mutter.

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"Servus Papa, see you in hell"

Der Film von und mit Jeanne Tremsal läuft ab dem 24. November in den Kinos. Gedreht wurde auf der Halbinsel Kragenhof bei Kassel und in Frankfurt am Main. Die Filmproduktion wurde gefördert von HessenFilm und Medien, der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und dem Deutschen Filmförderfonds.

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Otto Mühl, auf der Suche nach Macht

Die Kommune des Otto Mühl hat es wirklich gegeben, sie zählte zeitweise bis zu 600 Mitglieder, die meisten davon waren Kinder. In den 1960er-Jahren wurde der Österreicher Otto Mühl als Aktionskünstler bekannt und gründete 1974 die Kommune. Ansässig war sie auf dem Friedrichshof im Burgenland, 60 Kilometer südöstlich von Wien. Die Kommune lebte autark, versorgte sich selbst durch Gemüsebeete und Nutztiere, lebte im Einklang mit der Natur. Das Ziel: Die Befreiung des Individuums von den Zwängen der Kleinfamilie, mit künstlerischen und performativen Aktionen. Konkret mussten sich alle Mitglieder der Kommune täglich zu einer sogenannten Selbstdarstellung versammeln.

Kinofilm Servus Papa, see you in hell

Einzelne, von Otto auserwählte Personen mussten laut Tremsals Erinnerungen ihrer Kreativität vor allen anderen Mitgliedern freien Lauf lassen und sich so von Zwängen und Ängsten befreien. "Es ging grundsätzlich darum, seinen Panzer loszuwerden, aus sich rauszukommen. Einen symbolischen Elternmord zu begehen, sich zu befreien von dem Ballast der Kindheit oder des Lebens davor", sagt Tremsal.

Der selbsternannte Therapeut Otto hatte es laut Trimsal besonders auf die Kinder abgesehen, denen es schwerfiel, sich vor allen anderen kreativ auszudrücken. "Otto hat sich besonders auf sie fixiert und sie richtig gequält", so Trimsal. Er habe ihnen Wasser über den Kopf geschüttet, sie geohrfeigt, sie angespuckt.

Sex erlaubt, Liebe verboten

"Wenn sich jemand verliebt und versucht, eine Zweierbeziehung zu haben, dann melden wir das", sagt die im Film von Jana McKinnon gespielte Jeanne. "Weil Otto sagt, dass die Zweierbeziehungen und die Kleinfamilie die Wurzeln alles Bösen sind. Denn das Wichtigste hier ist die freie Liebe." Und das wurde laut Tremsal auch wirklich gelebt: Im Gegensatz zu Frauen hatten in der Kommune lebende Männer keine eigenen Zimmer, ihre Schränke waren auf den Fluren. Sie mussten sich jeden Tag eine andere Frau suchen, bei der sie die Nacht verbringen durften.

Wer mehrmals hintereinander bei und mit derselben Frau schlief, wurde gemeldet und musste die Kommune verlassen. Als sich die jugendliche Jeanne in "Servus Papa, see you in hell" in einen jungen Mann aus der Kommune verliebt, bleibt das nicht lange unbemerkt und hat entsprechende Konsequenzen.

Der Film "Servus Papa, see you in hell" lässt durch die Augen der jungen Jeanne auf den Kommunenalltag blicken. Auf die schönen, freien und naturverbundenen Seiten, genau wie auf die erschreckenden und verstörenden. Zu Letzterem trägt vor allem der von Schauspieler Clemens Schick verkörperte Kommunenvater Otto bei, der durch seine krankhaften Machtspiele und Misshandlungen ein realistisches Bild des echten Otto Mühl zeichnen soll.

Otto als Vater, erste große Liebe, Übermensch

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"Es ist ein seltsames, ambivalentes Gefühl. Weil ich viel später verstanden habe, was da alles falsch lief und was er mir angetan hat", erzählt Filmemacherin Tremsal. Otto sei für sie jahrelang Vater, erste große Liebe und Übermensch in einem gewesen. Dass Otto das Recht hatte, jederzeit die Körper aller weiblichen Personen der Kommune zu berühren, habe sie als Jugendliche als normal empfunden – darüber geredet habe sie nicht. Als Herrscher der Kommune habe Otto außerdem das Privileg beansprucht, die jungen Frauen der Kommune entjungfern zu dürfen.

"Er strebte nach einer absoluten Macht", so Tremsal. "Ich glaube, das ist das Maximum an Macht, das man haben kann, dass man über den Körper komplett bestimmt." Aus Sorge vor möglichen Beweisen habe Otto Mühl eines Tages alle Tagebücher der jungen Mädchen verbrannt, erinnert sich Tremsal.

Damit sollte er aber nicht durchkommen: Otto Mühl wurde 1991 in Österreich wegen Unzucht mit Minderjährigen sowie Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz zu sieben Jahren Haft verurteilt. Er starb im Alter von 87 Jahren.

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