Markus Fein

Vor 40 Jahren wurde die Alte Oper Frankfurt feierlich wiedereröffnet - nach vielen Diskussionen. Im Interview spricht Intendant Markus Fein über die bewegte Geschichte des Hauses, Auftritte von berühmten Persönlichkeiten und Projekte, bei denen sich Musiker und Publikum näher kommen.

Konzerte, Musicals, Bälle, Kongresse: Die Alte Oper und ihr Programm sind aus Frankfurt nicht wegzudenken. Dabei war lange nicht klar, ob das im Krieg zerbombte ehemalige Opernhaus wieder aufgebaut werden würde - lange galt es als "schönste Ruine Deutschlands". Nach vielen Debatten und Streitereien kam es schließlich zum Wiederaufbau und zur feierlichen Wiedereröffnung am 28. August 1981.

Seit dem 1. September 2020 ist Markus Fein Intendant der Alten Oper. Ein Gespräch über die wechselvolle Geschichte des Hauses, das "intensive Corona-Jahr" und aktuelle Projekte.

hessenschau.de: Herr Fein, welche Geschichten erzählen die Mauern der Alten Oper?

Fein: Ich glaube, vor allem sehr persönliche Geschichten. Vor wenigen Tagen habe ich mit einer Person gesprochen, die über 90 Jahre alt ist. Ich musste ganz schön staunen, als er mir sagte: Ich bin als 14-Jähriger noch das Opernhaus gegangen. Also vor der Zerstörung 1944. Es gibt ganz viele solcher Geschichten, in denen Menschen ganz besondere Momente mit diesem Haus in Verbindung bringen.

Viele Menschen sagen mir auch: Wir alle haben gekämpft, dass es das Haus gibt. Dieses Haus ist ein richtig gutes Stück Frankfurt. Die Alte Oper holt das alte Frankfurt ins Bewusstsein zurück. Und sie ist gleichzeitig ein Haus, das sich öffnet, das modern ist, das aktuell ist, das jetzt immer wieder mit dem Publikum Tuchfühlung aufnimmt, das die Menschen begeistern möchte.

Opernhaus um 1900

hessenschau.de: Ein Haus, das Tradition und Moderne verbindet also.

Fein: Die Alte Oper ist ein ganz lebendiges Haus. Ein Haus voller Geschichten und natürlich auch voller Musik: Die Uraufführung der Carmina Burana fand hier statt, Richard Strauss hat hier dirigiert, Paul Hindemith ist hier ein und ausgegangen. Dann nach dem Krieg: Der Wiederaufbau mit der 8. Sinfonie von Gustav Mahler, Herbert von Karajan war als Dirigent der Berliner Philharmoniker bei uns, Anne-Sophie Mutter mit blutjungen 18, 19 Jahren.

All das steckt in diesem Haus. Die Bälle, der Deutsche Sportpresseball, das ist wunderbar. Es ist alles in diesem Haus und inspiriert uns jeden Tag neu.

hessenschau.de: Touristen ist es ja manchmal etwas schwer zu vermitteln, wenn sie nach Frankfurt kommen und sie hören: Da gibt es die Alte Oper, aber Opern werden dort nicht aufgeführt. Wie geht das zusammen?

Fein: Ja, wir heißen Alte Oper - aber sind weder alt noch eine Oper. Wir sind ein Konzert- und Kongresshaus. Die Alte Oper wurde im späten 19. Jahrhundert erbaut. 1880 war die Einweihung als Opernhaus - das war sie bis 1944, dann fielen die Bomben und dieses Haus wurde weitgehend zerstört. Viele Menschen wissen das noch, weil die Oper als schönste Ruine jahrzehntelang erst einmal stehen geblieben ist.

hessenschau.de: Und in der Zeit wurde ein neues Opernhaus gebaut.

Fein: Da gab es die Diskussion: Was macht man mit dem Haus nach dem Krieg? Der Neubau wurde die Oper Frankfurt an dem Ort, den wir alle kennen. Die eigentliche Funktion unseres Hauses ist sozusagen abgewandert. Es gab also Kontroversen, es gab Diskussionen, in denen viele Menschen gesagt haben: "Wir wollen unsere Alte Oper unbedingt behalten. Wir haben sie ins Herz geschlossen. Sie ist ein Teil der Frankfurter Identität."

Nachdem sich verschiedene Bürgerinitiativen stark gemacht haben für den Wiederaufbau und viel, viel Geld gesammelt haben - über 10 Millionen D-Mark damals - hat man gesagt: "Wir bauen das Haus als Konzert- und Kongresshaus auf und nennen es Alte Oper."

hessenschau.de: Von außen ist die Alte Oper prunkvoll, von innen dann moderner. Für manch einen ein Bruch.

Fein: Es ist wirklich ein Spannungsfeld, von innen und außen. Alt und neu. Das Innere wurde komplett entkernt, modernisiert. Aber: Ich mag dieses Spannungsfeld. Ich kenne keine Stadt, in der ein Konzerthaus so mitten im Großstadtleben ist. Die Elbphilharmonie zum Beispiel ist toll, aber auch ein bisschen am Rand, auch die Philharmonie in Paris: ein bisschen am Rand. Wir sind mittendrin in dieser Stadt.

Und das mag ich, dass wir die Stadt spüren, dass wir kein Exotikum sind, sondern dass wir Teil der Stadtgesellschaft sind.

hessenschau.de: Wie weit schaffen Sie es, die Stadtgesellschaft anzuziehen?

Fein: Wir wollen wirklich Kultur für alle Menschen öffnen, das ist kein Lippenbekenntnis. Wir nehmen das sehr ernst. Neu im Programm ist zum Beispiel: "Hereinspaziert, die Alte Oper für Einsteiger“. Es ist schon eine psychologische Hürde, unser Haus oder allgemein ein Konzert zu besuchen.

Wir fächern das Programm deswegen weit auf. Wir machen deswegen auch mal mittags Konzerte. 20 Minuten, maximal 30 Minuten. Also ein Kurz-Konzert und im Ticket inbegriffen ein Lunch. Das sind 60 Minuten, ein kurzes Anhalten des Alltags, eines Arbeitstages und dann wieder inspiriert zurück zum Schreibtisch.

hessenschau.de: Wie haben Sie überhaupt Ihr erstes Jahr erlebt? Es war ja durch Corona ein besonderes Jahr.

Fein: Es war ein verrücktes Jahr. Es war ein trauriges Jahr, aber auch intensiv und ein Jahr, in dem das Team Unglaubliches geleistet hat. Wir mussten permanent neu planen. Dieses Jahr hat uns einmal mehr zu dieser Frage zurückgeführt: Wofür stehen wir? Was wollen wir denn eigentlich? Wofür kämpfen wir da? Womit wollen wir denn das Haus dann wieder eröffnen? Und da gibt's verschiedene Begriffe, die uns ganz wichtig sind.

hessenschau.de: Zum Beispiel?

Fein: Ein Stichwort lautet Nähe. Wir haben die Nähe zum Publikum schmerzlich vermisst und uns überlegt, wie können wir auch unter Corona Bedingungen diese Nähe wieder herstellen? Also echte Musik real zu erleben in neuen intensivierenden Konzert-Formaten.

Wir haben also die Mittagskonzerte neu eingeführt, zudem 360 Grad-Konzerte. Im neuen Fratopia Festival etwa am Anfang der neuen Saison sitzt das Publikum um ein Orchester herum. Bei einem besonderen Klavierabend trifft der Pianist Pierre Laurent Aimard auf den Jazz-Pianisten Michael Wollny.

hessenschau.de: Was sind daneben die Höhepunkte der kommenden Saison?

Fein: Die Berliner Philharmoniker kommen zu uns, die Wiener Philharmoniker, und weitere Konzerte. Natürlich das hr-Sinfonieorchester. Wir freuen uns auf Nils Landgren, der eine ganze Jazz-Residenz ausfüllen wird. Wir haben natürlich auch im Jazz tolle Angebote. Namen wie Pat Metheny, Wynton Marsalis.

Wir haben unsere Klavier-Reihe neu aufgesetzt. Es gibt einen Zyklus von sechs Klavierkonzerten. Igor Levit kommt zu uns. András Schiff kommt zu uns. Es gibt aber auch ein so genanntes Piano Panorama. Wir widmen dem Todestag Mozarts ein Programm mit seinem Requiem am 5. Dezember. Das rahmen wir ein mit verschiedenen Programmen.

Es gibt also eine Fülle von Veranstaltungen, neue Formate, Vermittlungsangebote für ein erwachsenes Publikum und wir freuen uns riesig, dass wir unser Programm jetzt umsetzen können.

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